Vom Alltag zur Philosophie. Beschreibung einer Parabel


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Motto Ich frage mich, ob die andere Stadt mich auch lieb hat? »Ich komme nach Leipzig, an den Ort, wo man die ganze Welt im Kleinen sehen kann.« Die Enklave […]

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Motto

Ich frage mich, ob die andere Stadt mich auch lieb hat?

»Ich komme nach Leipzig, an den Ort, wo man die ganze Welt im Kleinen sehen kann.«

Die Enklave meiner Wahl? Ich hab’ unendlich Zeit. Komm’ mich dort doch mal besuchen …

Leipzig, den 12. Juni 2011

Lieber ERICH,

ich bin nun in den letzten Zügen, meine Magisterarbeit fertigzustellen und möchte diese Gelegenheit nutzten Dir zu schreiben und Dir von meinem Vorhaben zu berichten. Die Arbeit heißt »Vom Alltag zur Philosophie. Beschreibung einer Parabel« (ohne Punkt). Was das Ganze mit Philosophie zu tun hat, wirst Du Dich sicherlich fragen. Ich kann Dir diese Frage nicht inhaltlich beantworten, aber es ist eine Abschlussarbeit im Fach Philosophie — insofern besteht eine direkte Verbindung. Du weißt ja sicherlich, dass so vieles von dem, was wir heute Philosophie nennen, früher ganz anderen Bereichen zugehörig war: zum Beispiel der Juristerei, der Mathematik, der Theologie oder der sogenannten Esoterik. Und heutzutage zählt man auch Werke der bildenden Kunst, Filme, Spiele oder Romane dazu.

Manchmal reicht es ja schon, philosophische Ideen darin zu erkennen, um sie der Philosophie zugehörig zu meinen. Und manchmal ist es ganz anders herum: die Philosophie weiß über sich Bescheid, versucht sich aber hinter lyrischen oder bildnerischen Fassaden zu verstecken.

Ist das nicht seltsam: Eine Abschlussarbeit in Philosophie, welche sich davon zu entfernen versucht?

Auch wenn all dies, was ich mir erlaubt habe, mit Dir zu machen, all die Spekulationen und das Ausnutzen Deiner Bilder und Notizen für meinen kleinen privaten Zweck, im Vergleich zu dem Gesamtergebnis nicht viel wert sein mag, so kannst Du mir glauben, dass ich mir viel Zeit dafür genommen habe und mir viel an der Sache liegt.

Manchmal verlor ich den Überblick über die Einzelteile und immer noch weiß ich nicht, ob die Reihenfolge der Texte und der Bilder irgendetwas mit Deinem Denken und Leben zu tun hat oder nicht. Sicher nur im Ansatz. Es ist selbstverständlich alles aus heterogenen Kleinstteilen erbaut und erdacht, mittels der Bilder zusammengenäht und wie es mit den Fellen der Tiere gemacht wird, von Innen heraus ausgestopft und in einem Schaukasten zur Ansicht gestellt.

Ich habe zum Beispiel an den zentralen Text auch Fußnoten angehängt, die auf verwandte Gedankengänge hinweisen sollen oder die übriggebliebene, lose Aphorismen an längere Textpassagen angliedern. Ich hoffe Du hast nichts dagegen, mit einer solchen Umgebung in Verbindung gebracht zu werden. Ach ja, ich wollte auch noch kleine Diagramme hinzufügen, die aufzeigen, welche Ortschaften, Personen, Literatur erwähnt wird und wie in welchem Zusammenhang steht. Aber da ich Eure Namen geschwärzt habe, wären sie irgendwie nutzlos und besäßen keinen relevanten Informationsgehalt mehr. Ich habe sie deshalb weggelassen.

Ich kann mich noch erinnern, wie ich damals (es war ungefähr 2003) in der Platte in der Weißdornstraße in Grünau war und ich durch die ganz leeren Gänge streifte, willkürlich in die offenen Wohnungen hineinblickend, mal hier, mal da mich genauer umschauend. Doch in einem Zimmer blieb ich länger, denn dort fand ich die ganzen Polaroids, verstreut auf dem Boden zwischen den restlichen Negativen, Umschlägen, Büchern und Zeug. Ich war noch einige Male dort, aber die von Euch allen zurückgelassenen Dinge wurden immer weniger; das hieß, es waren noch andere außer mir hier unterwegs, manche Sachen sammelnd. Das letzte Mal war ich sogar im Keller und dann auf dem Dach. Ich habe rundherum ein paar Bilder mit meinem großen Blitz gemacht (es war Tag) und dann, einige Minuten später, kam die Polizei von beiden Seiten durch die Luken, um mich nach Unten zu begleiten. Sie waren sehr nett (ja, es war sogar eigens ein Kommissar gekommen!) und meinten, es hätten sich Leute aus den benachbarten Gebäuden bei Ihnen gemeldet, da sie dachten ich wollte vom Dach aus in ihre Wohnungen hineinfotografieren. Sie meinten gleich leicht ironisch, dies wäre ein sensibles Thema und die Menschen wären zu Recht skeptisch gegenüber solchen Ausspähungen. Sie wollten natürlich auch wissen, ob ich etwas aus dem Gebäude mitgenommen hatte und ich belog sie. Sie nahmen meine Personalien auf und wir verabschiedeten uns. Es hat sich niemand mehr bei mir gemeldet wegen dieser Sache. Heute stehen die meisten Geschosser nicht mehr, sie wurden rückgebaut, wie es so schön heißt. Jetzt ist vieles wieder Wiese, worauf früher kleine Städte standen. Ich war schon lange nicht mehr dort, nur manchmal, wenn ich zu meinen Eltern fahre (oder mit diesen zurück nach Leipzig komme), kann ich im Vorbeifahren noch einen flüchtigen Blick darauf werfen. Du wirst mir zustimmen, dass sich so vieles verändert hat und es keinen Sinn macht, an dem Alten sentimental hängenzubleiben und den Zeiten nachzutrauern.

Lieber ERICH, ich hoffe ich habe Dir mit meiner Bearbeitung kein Unrecht angetan; keine Sorge, ich habe Euch all unkenntlich gemacht, so dass nur Du oder eine Dir nahestehende Person jemanden identifizieren kann. Sicher wirst Du Dich selber darin mit Leichtigkeit erkennen. Ich hoffe immer noch, dass wir uns einmal begegnen werden (manchmal sitze ich in der Bahn und halte Ausschau nach jemandem Dir ähnlich sehendem), aber ich weiß ja gar nicht, ob Du überhaupt noch hier in Leipzig bist. Wir werden uns wahrscheinlich nie kennenlernen, auch wenn wir uns vielleicht schon begegnet sind.

Hast Du etwas an dieser Version zu verbessern oder willst Du es mir erzählen, so wie es wirklich war, so habe keine Scheu Dich damit an mich zu wenden. Ich werde mich bemühen alles wieder zu korrigieren und meine Fehler zu reparieren. Ich verspreche es Dir! Ich weiß, dass Du manche Schulden hattest, die sich plötzlich ganz von selbst über Nacht erledigten — nun stehe ich in Deiner Schuld.

Im Anhang ist noch Platz für Notizen; also wenn Du dort etwas hinzuzufügen hast (oder ein anderer), so würde ich mich freuen Deine Sicht der Dinge oder eine andere Ordnung der Textpassagen etc. kennenzulernen.

Ich habe im Verlauf vieler konstruktiver Gespräche mit Herrn MAX zahlreiche wertvolle Hinweise erhalten und immer eine positive und unterstützende Begleitung erfahren. Ihm ist es auch zu verdanken, dass die Arbeit in dieser Form Gestalt annehmen konnte. Auch JULIANE, meine Freundin, hat mir stets mit Hinweisen und Korrekturen sehr geholfen und mich dabei unterstützt. Diesen beiden bin ich zu besonderem Dank verpflichtet. Natürlich bedanke ich mich auch bei meinen Eltern, die einen ganz anderen Blick auf die Dinge geworfen haben als ich und mich stets liebevoll begleiteten.

Wenn Du Zeit hast, würde ich mich sehr auf einen Besuch von Dir freuen! Wie steht’s mit Urlaub? Wir könnten ja wieder an den See fahren! Oder schreib’ mir doch mal — ich bin für Post immer empfänglich. Meine Adresse ist die Grünewaldstrasse 13 in 04103 Leipzig. (Was für ein Zufall, dass ANDREA auch in genau der selben Straße wohnte, oder?)

Ich muss jetzt bald mit dem Hund rausgehen, deshalb noch kurz Folgendes zum Abschied. (Da Du ja auch manchmal botanische Formulierungen benutzt, habe ich mir diesen aus Arabien stammenden Spruch ausgesucht):

Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.

Mach’s gut und bis bald!

Liebe Grüße

GOTTFRIED

P.S. Hast Du eigentlich die Bilder selber gemacht oder hast Du sie auch nur gefunden?

Und wenn Du mir schreiben willst, mach es doch so wie früher: Deine Adresse als Empfänger und mich als Absender.



Sprüche und Bögen

1. Hör’ ich die Stimmen aller Pflanzen, die nur im Dunklen erklingen? Nun, meine Stimme hör’ ich nicht. Alles blendet.

2. Du sagst, Du erinnerst Dich an nichts — würdest Du Dich bitte an meinen Namen erinnern? Das wäre mir ein Anfang. Leute sagen mir, ich wäre einsam — aber ich würde mich freuen, wenn Du mich kanntest.

3. „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.“

4. Ich werde in meinen Bildern nicht teurer — sie werden nur kleiner.

5. Schau nur: Das blinde Kind hat ganz die Augen seiner Mutter.

6. »Ich habe mein Vokabelheft verloren. Ich weiß, ich kam damit hierher.« Welch schöne Sätze.

7. —Was siehst Du, wenn Du Deine Augen schließt? —Ich weiß es nicht. Aber es ist alles meins.

8. Ich sah stets mehr Blüten als Früchte an den Gewächsen, die mich interessierten.

9. Ich fand folgendes vor einem Buch stehen: »Ich wohne in meinem eignen Haus, Hab niemandem nie nichts nachgemacht. Und — lachte noch jeden Meister aus, Der nicht sich selber ausgelacht. Über meiner Haustür.« Ein Buch als Gebäude verstehen?

10. Ich pflege einen umgekehrten Fatalismus: Nicht die Welt ist fatalistisch und vorherbestimmt, sondern nur meine Einstellung zu ihr — egal was ich tue, es wird vereinnahmt.

11. —Die Welt ist größer heutzutage. —Nein, es ist die gleiche Welt, sie ist bloß voller. —Die Welt ist nicht schlecht. Ich glaube, sie ist wirklich nur zu voll. Es gibt kein Wort um dies wieder gutzumachen, kein Bild zum Vergleich.

12. Willst Du es so machen, wie ich es gelernt habe?

13. Jedes Haus hat seine Maus. Jeder Anfang seine Mitte.

14. Eine heilige Strafe für einen heiligen Schüler — aber keine Spur von einem heiligen Schmerz.

15. Wäre alles tatsächlich so, so wäre es für immer gleich.

16. Es war nie besser als jetzt — wie hört sich das an? Schau mal in Dein Tagebuch — steht da was von Morgen drin?

17. Immer noch kein Imperativ für die 1. Person Singular. Hält ihn keiner für nötig oder ist er unmöglich?



Gedanken

Man schaut und daß man eine Idee hat. Und was dann? Und wirklich dachte ich bisher, ich sähe den Finger und nicht den Mond.

Lerne und folgere ich aus einer Menge von Aussagen (die sich denken, wiederholen, ergänzen, gegenseitig weiterführen lassen etc.) oder aus der inneren Überzeugung und Struktur einer Aussage, einer Gegebenheit, einer Tatsache die eventuell nur mir allein zugänglich bzw. in dieser Art erschließbar bleibt? Respektive: Schließe ich aus der Quantität oder der Qualität?

Ist es, weil etwas in Relation zueinander steht (als Gebilde und sich so gegenseitig festigt und manifestiert), oder weil es in Relation zu allem anderen steht? Indem es, wie im zweiten Fall in Relation zu allem anderen steht, behält es die Möglichkeit stets unverändert zu sein, zu bleiben oder sich aufgrund des Nicht-es-selbst-Gefüges abzuändern. In Bezug zueinander, findet stets eine dynamische Veränderung statt, die die Einzelteile immer individuell abändern, auch wenn es nur das Ergebnis hat, das Gesamtgefüge, das Ergebnis als Ganzes unverändert zu belassen. Zum Beispiel das Ergebnis 6, ist 1+5 oder 2+4 oder 3+3 etc.

Manchmal, wenn etwas Neues allzusehr in Mode kommt und allgegenwärtig in Benutzung ist — unter Umständen aufgrund von Vorteilen gegenüber einem alten Medium, der Bequemlichkeit, Schnelligkeit, Wirtschaftlichkeit oder Ähnlichem wegen vorgezogen wird —, bekommen die Makel und die Fehlerhaftigkeiten des Alten eine Aura von Ehrlichkeit und Direktheit. So wie alte Schwarzweißabzüge sonderbar klar und unverstellt auf uns wirken — aber nicht aus ihnen selbst heraus (denn diese sind, zumeist offensichtlich, mangelhaft in ihrer technischen Ausführung), sondern des Kontrastes zu alltäglicheren Medien wegen.

Wenn etwas am Anfang einer Bewegung steht, ist es eben noch unbewegt und ruhig. Es sei denn, die Bewegung selbst wäre dynamisch. Einen Läufer sieht man auch besser, wenn er noch am Anfang des Laufs Anlauf nimmt und weniger klar, wenn er seine höchste Geschwindigkeit erreicht hat. Natürlich hängt dies sehr von denjenigen Merkmalen ab, die man dabei beobachten möchte. Die Beobachtbarkeit der Bewegung hingegen ist genau entgegengesetzt.

Wartet man auf etwas und man sieht es kommen, so ist das schon einmal besser, als wenn man noch auf das Erscheinen des Kommenden wartet.

Wenn man etwas, eine Erzählung zum Beispiel, langsam ausblendet anstatt sie abrupt abzubrechen, fällt es dem Beobachter leichter dieses Ende als gewollte und kontrollierte und damit autorisierte Erzählung zu verstehen und zu akzeptieren. Auch ist dies eine nachträgliche Möglichkeit, über nicht gewollte Endungen ein stets verständliches und natürliches Ende mittels der Ausblendung, des sukzessive Weniger-Werdens zu legen. So wird es oft in der Musik oder im Film getan, aber ob und wie es im Bild oder in der schriftlichen Erzählung gemacht werden sollte, bin ich mir nicht so sicher — oder ich habe es noch nicht mitbekommen.

Die Gewöhnung ist der Grund dafür, daß eine langsame Beendung besser funktioniert als ein klarer, harter Schnitt, der einen deutlichen Kontrast hervorbringt, gar erzwingt.

Habe ich die Möglichkeit der Relativierung, so kann ich mir alles erlauben. Doch hat man die Möglichkeit per se, oder erlangt man diese erst im Verlauf — doch im Verlauf von was?

Ich kann denken, alles was ich tue, passiert weil ich immer nur das tue, was ich will; oder ich kann denken, alles was passiert ist genau das, was ich tun will. Auch ein Hund tut nicht immer das, was er will, aber er könnte denken, alles was er tut ist das, was er tun will.

Der größte Trick ist natürlich jener, der gar keiner ist und der nur vorgibt, einer zu sein. Wenn alles echt ist, unverstellt und man dennoch glaubt es sei ganz anders — vielleicht weil die Rahmenbedingungen dies suggerieren —, es sei eine Illusion … das ist der größte Trick, wenn er über sich selbst (und nicht nur über seinen Inhalt) hinwegtäuscht. Ich denke, das Grundprinzip dafür ist die Ablenkung. Von etwas zu etwas anderem. Eine gute Illusion hat eine Erzählung, eine Richtung, in die die Narration verläuft. Eine Illusion ist nicht nur Illusion allein — sie erzählt auch immer etwas über ihre Täuschung, etwas über sie selbst als erzählende Illusion.

Das ist ähnlich dem Eindruck, den man beim Betrachten eines Bildes hat, auf dem ein Spiegel zu sehen ist, in dem sich Dinge spiegeln. In diesem Fall ist es ganz natürlich, daß diese Objekte verzerrt oder durch die verschmierte Spiegeloberfläche unscharf und ungenau zu sehen sind.

Das Geheimnis eines Tricks beeindruckt niemanden. Die Täuschung, auf welcher das Geheimnis beruht, und welche dadurch vorgeführt werden kann, ist aber alles. Wäre die Beschreibung bereits eine Vorbereitung zur Erklärung? Quasi defizität davorstehend? Eine solche Unterscheidung vorzunehmen, führt zwangsläufig dazu, Theorie und Praxis vergeblich gegeneinander auszuspielen.

Und nun ein Sprung zu etwas anderem.

Wo waren wir stehengeblieben? Von mir aus zu keiner Idee. Aus keiner Idee zu einer Idee, Ideen zu Wörtern, Wörter zu Sätzen, Sätze zu Absätzen, Absätze zu Kapiteln, Kapitel zu Büchern, Bücher zu Sammlungen und so weiter. Zu was? Zurück zum Schauen.

Parallel dazu: Von der Rivalität zur Konkurrenz. Vom Gesetz zum Vertrag. Aus dem Wasser ans Land. Vom Zentrum an den Rand. Vom einen zum anderen. Vom Anfang zum Ende. Von keiner Idee zu einer Idee. Etwas zusammenbauen.

Gleich beim Formulieren bestimmter Gedanken spüre ich bereits die zwangsläufig später einsetzende Entfernung, welche auch eine Entfremdung bedeuten kann. Wie entsteht ein solcher Abstand und was vermag dieser zu trennen? Selbst mein handschriftlich verfaßter Text bekommt eine eigene Autorität, die nicht erst mittels Übergänge in andere Formen begünstigt wird. Ich frage mich, wie nahe wohl all jene gedruckten und gesetzten, zu Kapiteln zusammengefassten und durchpaginierten Zeichen, Wörter, Sätze — all das, welches wir als unseren Kanon bezeichnen, unser Fundament — den Herstellern überhaupt waren. Und damit die angeschlossene Frage nach der Stabilität unserer darauf errichteten Hütten und Hochhäuser. Einst war vieles Sumpfgelände und Morast, Ödnis und Wüste, wo heute Oasen und Beete gedeihen; oder Urlaub gemacht wird.

Bilder-Zeugend und Bild-Erzeugend.

Zunächst bediene ich mich so oft der Bilder, die ich aus Elementen und Bestandteilen mir bereits bekannter (und ebenso) komponierter Bilder zusammensetze und benutze diese Kombinationen gerade so, wie es mir beliebt. Das meine ich zumindest zu tun, so als hätte ich die Kontrolle über dieses Tun. Ähnlich eines Kaleidoskops — jedes und kein Bild ist besser und schlechter als die anderen möglichen. Und gänzlich andere Bilder, die das Gerät nicht sowieso schon als Möglichkeit implizit angelegt hat, sind nicht denkbar (zumindest nicht als Bilder eines derartigen Gerätes), nicht erreichbar, nicht machbar und nicht benutzbar. Dennoch sind jegliche solcher Bilder, von der Außenwelt beeinflußt, wenn nicht sogar davon gemacht; andererseits müßte zugegeben werden, daß jene, zunächst für Randerscheinungen gehaltene Bilder, genauso zur Palette der möglichen Bilder gehören, wie all jene, die vordergründig der Erwartungshaltung bzw. dem gängigen Schema eines Bildes entsprechen, sich mit diesen decken. Sind nicht alle geworfenen Bilder schön?

Alle geworfenen Bilder sind schön. Ein Zusammenschmelzen des bilderzeugenden Gerätes z.B. würde eventuell noch alternative, nicht Teil seines Programms seiende Bilder hervorbringen können — und dann auch wieder nicht, denn diese sind ebenso möglich, wie alle anderen auch; und anders herum sind alle anderen genauso möglich, wie diese. Haben wir nun ein anderes Kaleidoskop?

Was würde man sehen, nähme man eine neue, noch unbespielte Kasette und schaute oder hörte sich diese an (natürlich nicht von Außen, sondern indem man sie in das Abspielgerät steckte)? Der Apparat sollte vermutlich nicht zwischen den darauf befindlichen Informationen diskrimieren können, oder doch? Gäbe es ein Minimum an Inhalt, damit Apparate Kasetten überhaupt abspielten? Vermutlich ist es unsauber, im Generellen, von einem Apparat auszugehen, denn ist nicht vielmehr das in ihnen hinterlegte Programm für eine solche Diskriminierung ausschlaggebend? Eine Diskriminierung setzt eine Möglichkeit der Auswahl voraus. Ein Loch im Boden, eine Öffnung zu einer Höhle, eine Ritze an der Oberfläche einer Kiste entscheidet nicht über die Vorgänge im Inneren. Sobald eine Kasette in die Öffnung eines Wiedergabegerätes paßt, kann man auch sagen, der Apparat funktioniert. Alles andere liegt in der Verkabelung und Auslagerung in externe Medien, die jedoch zu keiner Zeit auf das Abspielgerät angewiesen sind.

Es scheint mühselig, nach minimalsten Spuren, nach notwendigen Grundbedingungen oder nach ausreichenden Faktoren zu fragen — und an dieser Stelle nun ein rhetorischer Zusatz. Die sich mir stellende Frage bleibt: Wann bin ich zufrieden mit all dem, was ich doch so klar vor mir zu sehen glaube? Schließlich wissen wir alle, daß auch die Existenz Atlantis‘ durchaus als beweisbar gilt. Immerhin läßt sich immer etwas noch besseres Denken.

Vom Prinzip her, gibt es keinen großen Unterschied zwischen mir und einer Kamera. Auch gibt es nur ein kleine Differenz zwischen mir und der Kamera und allem anderen auch.

Im Inneren spielen sich Prozesse ab, die im Dunklen bleiben, welche ein Resultat nach Außen werfen und welche sich einer externen Beobachtung entziehen. In solch einer dunklen Kammer werden eindringende Impulse verarbeitet und zu einem Abdruck fixiert, welcher aber im weiteren Verlauf, auf die Bindung an ein bestimmtes Material angewiesen ist, um als aussagekräftiges Ergebnis betrachtet werden zu können. Als Ergebnis, welches für alle Betrachter die gleichen Grundbedingungen schafft und sich nicht mehr im Dunklen versteckt. All dies wird zunichte gemacht, sobald man diesen inneren Prozeß ans Licht bringen möchte. Und da Licht eine solch konstante Einheit ist, spielt es keine Rolle, ob dies im Kleinen oder Großen vonstatten geht.

Die Rahmenbedingungen des Beobachtens sind nicht mit seiner Innerlichkeit vereinbar (und beinhalten sie ein forciertes Beobachten-Wollen), zerstören sie sowohl das potenziell mögliche Resultat, als auch die Bedingungen der Beobachtung selber.

Eine sich selbst verschleißende Maschine führt dennoch legitime Bewegungen aus.

Dies scheint auch ein Anfang für etwas zu sein: Manchmal wenn ich nach Draußen gehe, wünsche ich mir, jemand wartete irgendwo auf mich …

Oft erzählt einem jemand von etwas oder man liest oder hört eine Rezension eines Buches oder eines Filmes, ohne das besprochene Buch oder den von diesem Bekannten spontan zusammengefaßten Film zu kennen. Aber diese Zusammenfassungen an sich, fühlen sich vollkommen echt an und gänzlich natürlich an, so als wären sie selbst kleine eigenständige Formen des Erzählens und nicht nur bedingte End– oder Nebenprodukte der wirklichen, der echten. Niemand hat je das Gefühl der Unvollkommenheit oder des Verlustes dabei. Ohne das Besprochene zu kennen, sind sie für mich — so wie sie sind — wirklich und richtig, scheinbar ohne überhaupt auf das, auf welches sie sich beziehen, mehr angewiesen zu sein.

Ich frage mich immer wieder, wie wohl jemand vorgehen müßte, der solch eine Rezension liest und daraus dann das Rezensierte wieder beschaffen wollte. Vielleicht liegen zum Beispiel eines Tages mehr Rezensionen als Filme vor und man wird sich der eigenständigen Literaturgattung der Rezensionen bewußt (oder des Filmemachens über Filme — vielleicht ist das schon zu viel, denn Filme gibt es ja nicht mehr; über was macht man dann Filme?) — möchte aber die verschollene oder vernichtete Struktur der Originale wieder daraus gewinnen. Eine Komprimierung oder Zusammenfassung hätte nur Sinn, würde sie einen Inhalt möglichst verlustfrei einpacken — so, daß es einen bestimmbaren Unterschied zwischen beiden Versionen gäbe, wobei man sich dann eine der beiden, als für das jeweilige Ziel vorteilhafter, heraussuchen könnte — welches nach einem allgemein bekannten Muster wieder daraus herauslösbar bliebe; und zwar jedes Mal auf die gleiche Weise, zu dem gleichen Ergebnis führend. Eventuell ließe sich die Komprimierung mit dem gleichen Muster erneut komprimieren und so weiter. Doch ist hier schon die Stagnation ein fester Bestandteil.

All dies führt zu der Frage, nach welchem Ordnungssystem man suchen sollte … welche Ordnung sich dahinter verbirgt und was daraus ent-wickelt werden kann.

Wie sähe wohl eine erneute Rezension eines aus einer Rezension konstruierten Filmes aus? Wäre sie ähnlich der ersten oder erwähnte sie vielleicht sogar den Umstand ihrer Entstehung, der Rückkopplung etc.? Daß dieser Film wohl nicht der gleiche sein würde, wie das Original (welches ja vollkommen ohne Rezension, also quasi in der Kette der kausalen Verursachungen davor stand), scheint offensichtlich, oder nicht? Es sei denn, es handelte sich um einen ganz bestimmten Typus von Film. Was zeichnete diesen aus?

Erkennt man etwas als Zitat und sagt: »Das ist doch ein Zitat von dem und dem …«, erkennt man dies anhand des Inhalts oder bedarf es dazu auch der Erkenntnis der Anführungszeichen? Wo kommen denn die Anführungszeichen her? Könnte man etwas als Zitat kennzeichnen oder zumindest indirekt erkennbar machen, ohne die Zuhilfenahme von Apostrophen, ohne Zusatz, ohne Hingabe, ohne Verschachtelung? Die Anführungsstriche sind oft zwischen den Zeilen. Die indirekte Rede zum Beispiel: Aber dann kann das Zitat für vieles Zitierte stehen. Es geht in mehrere Richtungen. Ein Zitat verweist auf und verbindet mindestens zwei Elemente.

Sind die Anführungszeichen Teil der Sprache, die sie angeben? Dann wären sie davon ununterscheidbar. Wie eine abfotografierte Photographie. Ist sie Teil einer anderen Sprache? Wäre die Antwort »Ja«? So könnten wir sie gar nicht als solche wahrnehmen, sondern diese Zeichen könnten alles mögliche in dieser anderen Sprache an Ausdrücken bedeuten. Die Angabe einer Kommentatorebene wäre eventuell gar nicht wahrnehmbar. Wollte ich das Foto (auf welcher Abbildungs-/Iterationsebene auch immer) in einer anderen Sprache darstellen, also quasi in Anführungszeichen, wie mache ich das, wenn ich diese Sprache nicht kenne? Kann ich mittels (wörtlicher) Sprache das Foto zitieren?

Doch dazu später.

Es ist schon klar, was in einem Leben passiert, aber es müßte eine Geschichte erzählt werden — die Dinge müßten koordiniert werden. Und zum Schluß waren alle glücklich. Es ist ein interessanter Gedanke, man selbst hätte sich all dies selbst ausgesucht und zugetan.

Es gibt Sprachen, in denen die Stellung der geschriebenen Sätze eine ästhetische Angelegenheit darstellen. Deren Stellung entspricht zwar einer Regel, aber die Wörter tragen ihre Bedeutung, ihre Konjunktionen schon in sich selbst und könnten ihret- und der Grammatik wegen, auch der Länge nach, zum Beispiel hintereinander aufgeschrieben werden, oder der Regel eines bestimmten Alphabets folgend.

In den Dingen, in dem Vorgefundenen, in den Sprachen, in den Argumenten liegt doch auch ihre Fortsetzung — aus allem was da ist, folgt das Folgende, das daraus Folgbare und so weiter. So wie in Polaroidfotografien schon dasjenige als photographische Potenz und als Chemie enthalten ist, um ein Bild zu sein; so wie in einer Kamera auch schon alle darstellbaren Bildmöglichkeiten enthalten sind. So wie ein Raum die möglichen Positionen/Konstellationen von in ihm enthaltenen Körpern bedingt. In eine Schachtel paßt vieles hinein. Eine Vase hält Flüssigkeiten gemäß ihrer Form. Es gäbe so manches zu Vasen und anderen Behältern zu sagen, doch ist es so viel, daß es an dieser Stelle überliefe oder mit Gewalt in eine noch unfertige Form gepreßt werden müßte.

Ja, auch die Vase übt Gewalt auf die in ihr enthaltene Flüssigkeit aus.

Schaut man sich Spielfilme und Dokumentationen an, so könnte man zunächst einmal schließen, die Dokumentationen wären in sich geschlossen, bedürften keiner äußerlich vorstellbaren (zeitlich vorher aufgestellten) Erzählung und ebenso keiner Requisiten — ihre Echtheit ist durch genau solche inneren Werte bedingt und jedes auch nur einzeln auftretende fremde Element, würde die Echtheit der Dokumentation in ihrer ganzen Gegebenheit sofort in Frage stellen.

Spielfilme hingegen bedienen sich exzessiven Elementen, expliziten Darstellungen zum Beispiel, um aber vorzutäuschen, oder genauer: zu beweisen, sie wären echt und ihnen liege kein ›plot‹ und keine Schauspielerei zugrunde. Durch den Exzeß wird oft versucht einen Mehrwert zu erschaffen, der den Film als Ganzes auf ein normales Niveau zurückfallen lassen kann; denn es bedarf stärkerer Mittel, um eine typische Erwartungshaltung des Zuschauers, wie etwa: »Es ist ein fiktiver Film, es sind Schauspieler, es sind Kulissen und Attrappen. Ich sehe mir ein Konstrukt an.« zu lenken, ihr entgegenzusteuern und dem Zuschauer dies kurzzeitig (oder gar sehr langfristig) vergessen zu machen. Diese Unterscheidung scheint (im Moment) nur auf einer visuellen Ebene zu funktionieren — der Exzeßmoment wird hauptsächlich visuell argumentiert und optisch rezipiert. Diese Überlegung anhand einer akustischen Narration vornehmen zu wollen, würde nicht funktionieren. (Man bedenke die Erledigung von Schmerzen zum Beispiel.)

Manchmal geht man sogar so weit, etwas scheinbar außerhalb des Films zu stellen, etwa einen Prolog oder einen Satz, der darauf hinweisen soll, daß das Folgende so sei oder das eben Gesehene so gewesen war. Dies muß sich selbst so präsentieren, als hätte es mit dem richtigen Film nichts zu tun, so als käme es von ganz woanders her und vor allem so, als sei es auf der Seite der Zuschauer um den Film klar von allem anderem abzutrennen.

Selbst bei einem als gänzlich weiß konzipierten Bühnenbild finden sich deutliche Abnutzungsspuren am Premierenabend des Stücks — wenn nicht von den zahlreichen Proben, dann doch zumindest von der Generalprobe davor. Es soll jedes Mal den Anschein erwecken, als sei die Bühne noch nie benutzt gewesen. Schließlich nutzt sich der von den Akteuren gesprochene Text doch auch nicht ab, oder? Doch nicht jeder kann sich einen Platz in den ersten Reihen leisten, um dies zu bemerken. Vieles ist vernachlässigbar.

Es ist schon erstaunlich wie sich einzelne Atome so aneinandergefügt haben, daß sie über ihre eigene Herkunft nachdenken — und es ist ebenso erstaunlich, wie sich aus der Zusammenfügung der Dinge neue ergeben.

Doch: Was geht es mich an?

Bestimmte Formen sucht man beim menschlichen Körper vergebens. Doch fügt man seine Teile aneinander, so ergeben sich aus den Zwischenräumen, höchst abstrakte und geometrische Formen sowie Muster. Ein Prinzip dabei ist die Spiegelung, welche durch einander ähnliche Körperteile suggeriert wird. Ist man noch ein halber Mensch, so kann man weiter gehen, bis man eine andere Hälfte gefunden hat.

Eine Zerstörung ist nicht das gleiche wie eine Dekonstruktion, also ein Abbau, bei dem man die Struktur des Gebauten verstehen muß und dann Schicht für Schicht abträgt, das Grundgerüst intakt zurücklassend. Eine Zerstörung transformiert, der Abbau hingegen bringt die ursprünglichen, zugrundeliegenden Strukturen zum Vorschein.

Das eine ist die Simulation und das andere die Dissimulation (ähnlich der Kranken, die vortäuschen gesund zu sein und dann die Gesunden, welche vorgeben etwas zu haben) — aber es ist ein Unterschied zwischen meinem Im-Bett-Liegen-Bleiben, dem Vorgeben einer Krankheit einerseits und der Simulation derselben andererseits: Wollte ich den Zustand tatsächlich simulieren, so müßte ich einige der Symptome in mir selbst hervorrufen, als Gesunder aus mir heraus produzieren. Das eine gibt vor, etwas nicht zu haben, das aber vorhanden ist und das andere täuscht vor, etwas zu haben, was man nicht hat. Eines impliziert eine Präsenz, eines eine Absenz. Die Dissimulation beläßt das Realitätsmodell unverändert — der Unterschied bleibt erkennbar, da es (das Modell) nur maskiert erscheint. Zuschreibungen wie echt, wahr, imaginativ, falsch etc. werden von der Simulation eher in Frage gestellt.

Ich kann durch Druck auf meine Ohren oder meine Augen, die wahrnehmbaren, hineindringenden Töne und Bilder unterdrücken und verzerren. Ich kann Sprache aber nicht durch Verformung meines Mundes oder meiner Zunge verfremden und in etwas anderes verwandeln. Ihre Grundstruktur bleibt stets erkennbar und klar ablesbar, auch, wenn ich alles nur lallen oder murmeln sollte. Die Rede selbst, als Rauschmittel, genügt.

Es bleibt fraglich, ob nun dies so leicht gegenübergestellt und miteinander verglichen werden kann; denn das Erstere bezieht sich auf nach Innen gerichtete Prozesse, während das Letztere, von nach Außen gerichteten Prozessen spricht. Beides verfängt sich an der gleichen Stelle. Und beides beläßt, auf beiden Seiten dieser Grenze, stets alles intakt und souverän zurück. Das Problematische, zeigt sich in der Schnittstelle von Struktur und deren Ausdruck. Wo stehe ich?

Wenn ich schreibe und dabei nur die Bewegungen mit meinem Finger vollziehe, oder wenn mein Füller leer ist, oder wenn ich auf der Tastatur etwas tippe und diese intendierten Zeichen gar nicht auf den Bildschirm übertragen werden — diese Beispiele entsprechen auch dieser Vorstellung.

Die Sprache ist so frei, wie die dazugehörigen Gedanken. Man muß die Sprache weglenken, abschieben von den Dingen. Den Abstand der Sprache als Möglichkeit einer anderen Artikulation, das Leben verstehen zu können, bewahren. Nuance zu Nuance hinzufügend, Schicht für Schicht abtragend.

Will man etwas suchen — so wie ein Spürhund etwa dies tut —, so braucht man dafür Wissen über das zu Findende. Für einen Hund reicht dafür ein kleiner Rest dieser Sache, mit dem er die Fährte aufnehmen kann. Um etwas zu finden (bzw. wiederzufinden) muß etwas davon oder das Gesuchte selbst in Reichweite sein — und es muß ein Teil davon übrig sein.

Eine Art von trügerischer Nähe beziehungsweise Sicherheit, Heimat, zeigt sich, wenn zum Beispiel Filme nicht ins Hochdeutsche sondern in einem bestimmten Dialekt übersetzt werden (oder sagt man: »in einen«?) — die zu suggerierende Authentizität wird hier vollkommen vom Beigeschmack der Künstlichkeit und Verstellung überdeckt, wenn die Sprache, in die übersetzt wird, sich wie eine Teilsprache zur eigenen verhält; wie zum Beispiel das Österreichische zum Hochdeutschen. Und dann fragt man sich, wie wohl das, worin man selbst keine Verfremdung mehr sieht, jenes sich als absolut transparent ausgebende, wohl für einen Außenstehenden klingen mag. Es reicht nicht die Fensterscheiben nur im Inneren zu putzen, will man einen klaren Blick auf die zum Trocknen aufgehangene, weißgewaschene Wäsche im Innenhof werfen.

Manchmal befriedigt es einen zu Genüge, ein Spiel nicht selbst zu spielen, sondern nur jemandem dabei zuzuschauen (etwa spielenden Kindern oder Tieren). Wird einem dieses auch noch kommentiert, so gleicht es den vermeintlichen Verlust dabei aus.

Dies ist ein Punkt Ihrer Weglenkung.

Fragt jemand »Was soll’s?«, so meint er dies wahrscheinlich eher in einem abschließenden als in einem prospektiven Sinne. Berühre ich mich mit meiner Hand an verschiedenen Körperstellen und stelle fest, diese fühlen sich alle taub an, so kann ich nicht ausschließen, daß nur meine Finger taub sind.

Was ist ein Werkzeug wert?

Wie oft überlege ich mir, meine Notizen der Spontaneität und Direktheit zuliebe, nicht mehr aufzuschreiben, sondern sie in ein Aufnahmegerät zu sprechen und sie mir zu diktieren. Aber ich befürchte, beim Anhören meiner Stimme, diese in einer mir befremdlich anmutenden Weise zu hören und deshalb ihrem Laut ablehnend und dem Gesprochenen befremdet gegenüberzustehen. Ich schäme mich ihrer, wegen der Angewohnheit, welche sich in diesem Beobachten und Wahrnehmen äußert und zur Schau stellt. Welche Angewohnheit kann hier gemeint sein?

Aber das ist ja so, als käme es mir in den geschriebenen Notizen auch darauf an, ob diese aus Bleistift, blauer oder schwarzer Tinte bestünden — gar nicht so sehr, ob mir meine eigene Handschrift gefiele. Sie sollen doch nur Zwischenstufen/-glieder sein und wenn sie dann transkribiert und herausgebracht wurden aus ihren Gänsefüßchen, kann ich alle wieder löschen und sämtliche Gänsefüßchen wieder einsammeln gehen. Ein Diktat impliziert auch immer, die Wörter würden vorgelesen werden — etwas zu Diktieren heißt aber auch, daß es anders ginge; mittels freier Rede zum Beispiel.

Diese wiedergefundene Notiz würde ich jetzt gerne ins Feuer werfen, denn mir ist kalt und die Glut muß lodern.

Der Gedanke, jemand könnte mich besser verstehen als ich mich selbst, macht mir fürchterliche Angst. Vielleicht ist deshalb der von mir vorgeschlagene Weg durch das Dickicht des Dschungels eine Möglichkeit des Selbstschutzes — auch, wenn ich selbst den Weg nicht weiß, da es diesen in dieser Umgebung einfach nicht gibt. Das, was man als Weg bezeichnen würde, läßt sich in einer solchen Umgebung nicht ausfindig machen; auch, wenn man einen klaren Begriff davon hat, wie ein eben solcher auszusehen hätte, muß er sich erst noch aus den immer wieder begangenen Pfaden in den Schlamm treten. Es ist alles wildes Gestrüpp und aus allen Ecken ertönt das Geschrei der Papageien und Affen.

Alles so schön bunt hier. Keine Spur mehr von Gefahr und Krankheit.

Wohin gehe ich zurück, wenn ich das Bedürfnis haben sollte, einen Satz zu verbessern? Was gibt mir an, wo — an welcher Stelle des Verlaufs — ich ihn abbrechen und neu ergänzen könnte? Diese Regel ist mir nicht klar, obwohl ich sie doch anwende. Ich möchte den Satz anders schreiben, andere Wörter hernehmen — womöglich sogar, um das Gleiche anders auszudrücken — schreibe aber solange weiter, bis ich einen Schnitt entlang der Wörter mache, durch ein Schrägzeichen zum Beispiel. Dann fange ich etwas Ähnliches an, beziehe dies aber auf Davorstehendes, ja versuche sogar mit dieser Alternative das Vorherige zu reparieren, zu ergänzen, zu verbessern. Doch nach, vor, bei oder zwischen welchen Worten, setze ich die Verzweigung an?

Es geht doch für uns immer wieder von rechts nach links, und von oben nach unten.

Wohin geht man zurück? Es fehlt der Index, die Angabe des genauen Punktes in oder an den zurückgesprungen werden soll. Der Punkt der Abzweigung. Im schlimmsten Fall haben wir unendlich viele Möglichkeiten der Ersetzung. Und ein Auslöser dafür ist die Annahme, es könne mindestens eine andere Möglichkeit dafür geben.

Wenn mir etwas auf der Strecke geblieben ist, dann gehe ich eben ungefähr den selben getrampelten Pfad, soweit er noch nicht wieder zugewachsen ist, wieder zurück — bis an die Grenze — und sehe nach, ob es noch dort liegt. Unwahrscheinlich, daß jemand an meinem Abfall interessiert wäre und ihn auflesen würde. Dieses Verlorene als Abfall zu erkennen und seine Entsorgung zu veranlassen, wäre schon sehr viel.

Ich weiß es nicht, aber ich muß mich an den Zeitpunkt erinnern, an dem ich es vergessen habe. Nicht an den Punkt davor und nicht an den danach — an das Vergessen erinnern.

Gäbe es keinen Weg mehr nach vorne, könnte man den selben Weg zurück gehen, alles wieder sorgfältig einpacken und die zurückgelassenen Dinge am Wegesrand wieder aufsammeln und sich Notizen über diese Stellen machen — aber dies wäre dennoch der identische Weg, egal in welche Richtung er begangen wird. Gibt es keinen Weg mehr vorwärts, kann man auf der Stelle, auf der man steht, graben und in die Tiefe gehen.

Zum Fliegen, bräuchte man weit fortschrittlicheres Werkzeug. Zum Graben reichen die eigenen Hände und loses, umherliegendes Zeug.

Kann ich nichts mehr greifen, was räumlich vor mir steht, kann ich versuchen, den Vorgriff zeitlich zu wagen. Es gibt Zukunftsmusik und es gibt Gegenwartsgeräusche. Auch gibt es einen Hall, von bereits abgeklungenen Tönen. Worin könnte dieser erklingen, wenn nicht in uns selbst?

Eigentlich waren Beine dazu da, um zu stehen und nicht um sich zu bewegen — oder nicht? Ich denke: Wo bitte sind meine Schuhe geblieben? Ich bin sicher, ich kam mit meinen Schuhen her — in meinem Schrank hängt jedoch auch noch ein Kleid. Ich will meine tausend Fangarme zurück. Von irgendwo kam ich hierher, von irgendwo hab’ ich’s hierher geschafft. Zeit um zu gehen. Wer hat hier die Hand im Spiel?

Wir müssen uns dem Urzustand entgegensetzen — wie ein Maulwurf sich seinen Tunnel gräbt.

Und wieder ist dies ein Residuum, ein Kondensat von vormals im Gehen gekommenen Ideen. Es sind nun gewiß andere Wörter, die sich anstatt der vorherigen darüberlegen. In ihrem Kern aber bleiben sie unverändert.

Nochmal zurück zu meinen Bildern: Es gibt keine Nach-, keine Zwischenbearbeitung, denn sie kommen fertig heraus und jegliche Fehler sind mit ihnen verschmolzen, in ihnen drin, sind Teil von ihnen. Ja, man könnte fast sagen, es gäbe keine Fehler, denn sie retouchieren zu wollen, ist erst in einem weiteren Abbildungsprozeß möglich.

Das Interessante des Erkennungsprozesses der Fehler eines Bildes (gemeint sind Flecken, Kratzer, Abdrücke etc.) ist, daß man doch mit einiger Sicherheit sagen kann, auf welcher Stufe sich diese Makel befinden: also ob sie Teil des davorigen Abbildungsprozesses sind, wie Lichtreflexionen, Unschärfe und Ähnliches, oder ob sie gleichgültig über alle darunterliegenden Stufen mit einheitlicher und eigenständiger Schärfe liegen. Spricht man nun von einem Davor, so meint man gleichzeitig, auch ein Danach oder Dahinter — dazwischen steht ein Trennendes, Verhinderndes, Transformierendes.

Und hier kommt dann plötzlich merkwürdigerweise das Dargestellte selbst zur Geltung: Denn man könnte meinen, Fehler würde man erkennen können, ohne darauf zu achten, was in dem Bild dargestellt ist, was im Vordergrund und was im Hintergrund liegt, was unscharfe Ränder hat und was unscharf dargestellt ist etc. — ja sogar ohne erkennen zu müssen, was überhaupt oder ob etwas nun verdeckt oder unscharf dargestellt ist — also ausschließlich anhand der Struktur, an der Textur, der Syntax des Bildes. (Ist dieser Schluß zulässig?) — Aber ohne zu wissen, daß etwas aufgrund von verlaufender Tiefenschärfe als hintergründig dargestellt ist und anderes in dem projizierten Raumgefüge als davorstehend, kann man auch nicht sowas, wie einen Fleck, ausmachen, welcher eben über alle Ebenen hinweg flach und gleichgültig verläuft, über Kanten hinweg und losgelöst von der Bildperspektive, eine neue Ebene hinzufügend.

Auch leitet einen dabei das logische Verhältnis der wahrnehmbaren Muster und Farbflächen, die die sichtbaren Dingen ausmachen: Manche Linien, Rillen, Flecke sind nicht logisch mit dem übrigen Sichtbaren verbunden. (Sie genügen zwar der Logik des Bildes, der Gesamtheit der Bildwelt; innerhalb ihrer Grenzen jedoch, in ihrem Wesenskern, zwingen sie den Betrachter, sich jeweils für eine bestimmte logische Auslegung zu entscheiden, um Kontradiktionen aus dem Wege zu gehen; optischen Täuschungen gleich, welche den Betrachter nötigen, entweder die Bilder als fehlerhaft zu kategorisieren oder diese unter eingeschränkten Prämissen zu betrachten, um ihnen ihre Korrektheit zuzugestehen). — Derlei Bildelemente, fügen eine neue Dimension hinzu, indem sie das Darunterliegende zu einer geschlossenen Abbildung zusammenfassen — sie würden nur vor einem ähnlichen Hintergrund funktionieren bzw. eben nicht als Fehler funktionieren, denn sie wären nicht mehr als solche wahrnehmbar. Näme man sie als Teil des Bildes war, wäre man gezwungen sie im gleichen Zuge als komplizierte Gebilde im Raum ernst zu nehmen, die letztendlich aufgrund der perspektivischen Verzerrung so aussähen, als wären sie flach und als gingen sie mühelos über die Tiefen des Bildraumes hinweg.

Wären Fehler tatsächlich ein natürlicher Teil der ersten Abbildungsebene — wie ein Fussel auf dem Objektiv zum Beispiel, welches nicht bewußt zum Bild gehören sollte, weil man es vielleicht gar nicht gesehen hatte (bei einer Kamera zum Beispiel, die zwischen Objektiv und Sucher trennt oder gar keinen Sucher hat) — dann wären sie paradoxerweise in dem Bild auch nicht mehr als solche wahrnehmbar, sondern bildeten nur einen leichten, gleichförmigen und unscharfen Schleier darüber, weil sie nicht im Fokus der Linse sein konnten. Sie wurden Teil der Linse und damit Teil des Abbildungsprozesses. Durch die Nähe wurden sie fast unsichtbar, zumindest aber nicht mehr definierbar, manchmal auch nicht mehr wahrnehmbar. Im Ergebnis verschmelzen solche Abdrücke von Unreinheiten optisch auf der Linse komplett mit dem restlichen Bild, ja sogar mit dem Korn des Materials.

Man kann sagen, Fotografien würden gemacht, aber man kann auch sagen, Bilder würden abgeholt werden.

In Bildern zu sprechen ist so wie in Gemälden oder Zeichnungen Buchstaben zu benutzen.

Oft in Bildern zu sprechen ist natürlich auch sowas wie eine sich wiederholende Entschuldigung.

Ein Bild welches mit Blitz aufgenommen wurde, ist zwiespältig: einerseits, da es mehr zeigt als das Dargestellte, denn es verweist aus ihm als Bild heraus auf die Möglichkeiten und das Wissen des Fotografen, auf eine Welt außerhalb der Bildwelt. Ein geblitztes Bild sagt immer auch: »Siehe, ich bin ein gutes Bild, aber derjenige, welcher mich gemacht hatte, konnte damals nicht genau wissen, wie ich tatsächlich bin, wie ich im Inneren des Apparates zustande komme und wie ich sein werde — er konnte es nur ahnen, denn mich als Blitz, konnte er nicht über den Dingen sehen, ich war noch nicht in seinem Sucher sichtbar. Ich war nicht vorhersehbar.« Jedes geblitzte Bild ist — um weiter auszuholen — unfreiwillig ein serielles Bild (losgelöst seines Inhaltes), denn mit jedem im Nachhinein gesehenen und nachgeprüften Bild, ergänzt sich das Wissen um das Aussehen der bereits geblitzten Bilder und damit auch das Wissen um das Aussehen der Folgenden — es ist ein Glied in einer weiterführenden Kette von Bildern innerhalb des Erfahrungshorizontes des Fotografen.

Das Blitzlicht erhellt also nicht nur jeweils das einzelne Bild, sondern reicht über dessen Formatgrenzen hinaus in nachkommende Bilder. Es sagt aber darüberhinaus auch: »In mir steckt eine gute Portion Zufall, Unkontrollierbarkeit, Verschlossenheit; und wie ich mich entfalte, wie weit ich mit dem Licht in den Raum vordringen kann, wie und worüber sich die von mir erzwungenen Schatten werfen werden, kannst Du nie genau wissen. Und ich bin froh, daß Du diese Unsicherheiten im Detail, der allgemeinen Sichtbarkeit zuliebe bevorzugst.«

Wie ein Wanderer zwischen zwei Welten.Man könnte mit Recht sagen, es lässt das Geblitzte gerade dadurch im Dunklen. Es gibt den Ausschnitt, den man sich davor aussucht und das Resultat danach — dazwischen funktioniert das Bildwerden automatisch. Was in diesem dunklen Kasten vor sich geht, bleibt ohnehin unangetastet, verschlossen, denn um dieses Prinzip beobachten zu können, bräuchte man Zugriff darauf, welcher aber zugleich das zu untersuchende Bild negieren und als Bild zerstören würde. Man könnte nur das eine Extrem des Bildes beobachten, nämlich ein vollkommenes Bild, ein gänzlich belichtetes, welches aber keiner Kamera mehr bedarf, auf sie prinzipiell nie angewiesen war, sondern welches ebensogut allein mit dem Filmträger zustande kommen könnte. Ja, sogar ein vom Lichte noch unangetastetes und jungfräuliches Material stellt ein ganz und gar legitimes Bild dar und ist nicht auf spätere fakultative Eingriffe angewiesen. Hat man diese beiden Enden fixiert, entspannt sich dazwischen die ganze Palette von Bildern. Wie ins Nichts geschlagene Fixpunkte.

Die gleiche Beobachtung kann man auch bei Polas machen, deren Inhalt vor dem Betätigen des Auslösers bestimmt wird, die dann einen autonomen inneren Prozeß ungestört durchmachen bis sie, als in sich geschlossenes — und weiteren Änderungen ablehnendes — Endresultat, wieder herausgegegeben werden. Auswahlprozesse danach beziehen sich generell nur auf die vollkommene Akzeptanz oder Negierung der Bilder (mitsamt ihrer Bildträger, welche nicht unbedingt Bestandteil einer Photographie sein müssen, wie beispielsweise projizierte Dias, Glaspositive — spielt hier der Unterschied zwischen Positiv und Negativ eine Rolle?), nicht auf Ausschnitte, Manipulationen, Retouchen etc. Ein geblitztes Bild hat den Charakter einer Erzwingung, einer gleichzeitig grotesken und vereinheitlichenden Übertreibung, die wie die Lupe für das Betrachten von Details auf einer Oberfläche und die Zeitlupe für die Verlangsamung von Bewegungen, für die Manipulation des Charakters des Bildsujets zuständig ist. Das Blitzlicht ist seriell, da es ein konstantes und wiedererkennbares Element eines Bildes ist.

Ich denke mich in eine Welt hinein, in der ich aus freiem Entschluß und nicht aus Ausweglosigkeit wirklich nur noch die allgemeinen und grundsätzlichen Güter bei mir, in meinem Zuhause, um mich herum, in meinen Händen habe. Ich denke mir diese Welt als großes, von keinen Grenzen mehr geteiltes Lager, auf das jedermann jederzeit zugreifen kann. Alle Waren werden für mich in den Warenhäusern und Speichern geordnet, gelagert, verwaltet, kommissioniert und so fort, daß ich diese zwar nicht bei oder an mir, aber dennoch stetigen Zugriff darauf habe. Der Preis, den ich dafür zu zahlen habe, beeinhaltet die übernommene Verwaltung und Lagerung durch externe Quellen. Ich versuche, die Wirklichkeit als permanent betretbaren Speicher, als stets zugängliches Archiv zu begreifen.

Selbst wenn ich ein Ding bereits in meinem Besitz habe, bin ich dazu geneigt, dieses für die Zeit, in der ich es nicht gebrauche, zu entsorgen und mir zu gegebenen Anlässen, ein solches wieder frisch aus dem Lager zu holen. Die Lagerkosten dafür trage ich gerne, denn ich trüge sie indirekt im Falle einer von mir selbst vorgenommenen Lagerung ebenso. Ich merke, daß hier die Begriffe ›Besitz‹ und ›Eigentum‹ auf ihre festgelegten Grenzen stoßen. So ähnlich verhält es sich mit Recht ›haben‹ und Recht ›zugesprochen bekommen‹. Was gehört mir eigentlich noch? Muß ich eine Wandlung vom »Du sollst!« zum »Ich will!« vollziehen? Bin ich Beobachter oder Handelnder?

Ich weiß, daß Ethnologen mit einer solchen Vorstellung durchaus große Probleme haben. Denn was gibt mir das Recht, alles außer mir als zugängliche Ware zu betrachten, ohne im gleichen Atemzug, auch mich selbst als solche anzubieten?

Philosophen sollten ihre Mühe nichgt vergebens dafür hergeben, Probleme zu lösen, sondern zu sortieren. Ein gutes Angebot erstellen und die Nachfrage kaufmännisch verwalten. Zirkulation und Distribution erlauben. Ermöglichung der Zirkulation, nicht Sicherung des Territoriums. Nach der Bestimmung/Sicherung folgt die Zirkulation.

Ich hörte folgendes: Ein Mann kam erneut zum Arzt und klagte darüber, wieder Angst zu haben von einem Huhn gefressen zu werden, da er dachte, er sei ein Maiskorn. Der Arzt beruhigte den Mann umgehend und teilte ihm mit, daß er doch davon geheilt sei und nun nicht mehr Angst haben dürfe. Er sei ein ganz normaler Mensch und diese Angst hätte er doch schon längst überwunden. Der Mann stimmt ihm zu: »Ja natürlich weiß ich, daß ich kein Maiskorn bin — aber weiß dies auch das Huhn?« Eine ganz lustige Geschichte — zumindest für den Zuhörer.

Immer, wenn ich Filme schaue, Bücher lese, Bilder betrachte, denke ich daran, daß ich dieses Huhn sein könnte: Es wird oft alles unternommen, um mich in genau diese Lage zu versetzen, bestimmte Dinge zu ignorieren, so zu tun, als ob ich nichts von ihnen wüßte, obwohl ich sie direkt und klar vor Augen habe. — Damit diese funktionieren, tue ich so, als ob ich davon nichts wüßte.

Die Wahrheit (über die Dinge) ist jenes, was auch dann nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben oder zu denken.

Hier fällt mir die Geschichte vom Verwundeten ein, der nicht sofort nach der Art des Giftes im Pfeil und dem nächsten Arzt fragt, sondern intellektuelle Fragen stellt, wie: »Woher kommt dieser Pfeil?«, »Ist es wirklich Gift oder bilde ich es mir ein?«, »Was ist das Sterben und das Verwundetsein überhaupt?«, »Wer hat den Pfeil geschossen, woher stammt er oder sie?«, »Aus welchem Material besteht der Pfeil?« Und dann ist es für gewisse Dinge zu spät. Es wurde aber viel gesagt und manches davon verstanden.

Die Verwüstung der Welt: Ich stelle mir vor, in meinem kleinen Zimmer eine recht genaue Nachstellung der Wüste Sinai und der Versandung ihrer Oasen aufzustellen. Weniger der Topologie und geographischen Form nach, sondern der Repräsentation ihrer Grundeigenschaften und ihres Verhältnisses zur Außenwelt.

Ich werde also Palmen, Kakteen, kleinere Bäume, Wasserlachen etc. dementsprechend anordnen und ab einem, von mir als zufällig gewählten Zeitpunkt, nicht mehr eingreifen und die Pflanzen nicht mehr gießen. Anhand der Anfangszustände, hoffe ich in diesem Modell den Zeitraum und die Ausmaße der Versandung des Originals ablesen zu können. Vielleicht dauert mein passives Beobachten ein halbes Jahr, vielleicht auch nur ein paar Wochen. Vielleicht ließen sich diese Ergebnisse wieder zurückrechnen. Am liebsten nähme ich dieses Experiment natürlich in der Wüste selbst vor; in einer Glashütte auf dem Sand …

Mittendrin in dieser Wüste befände ich mich dann. Ich könnte sie verlassen und einfach nach Gutdünken nach Draußen gehen oder könnte meine Freizeit darin verbringen. Es wäre ein Zustand der mir dabei helfen könnte, auch zu mir zu finden. Und es wäre ein Bild für einen Zustand, vor dem Betreten durch den Menschen oder für einen danach — nur ich wäre hier zuviel.

In der Wüste bin ich da, aber es gibt niemanden, der mich ansieht, keinen Spiegel. In diesem Zustand gäbe es keine Verpflichtung mehr, immer präsent zu sein, die Befreiung von den Anderen abwartend.

Ja, ich gebe zu von vielen Dingen begeistert zu sein. Aber das sind fremde Geister, die mich bedingen. Sollte ich nicht lieber von mir selbst be-geistert sein, von meinem Geist?

Niemals werde ich alle möglichen Positionen kennen und niemals werde ich selbst ständig sein können. Den Stand aus sich selbst heraus zu stützen, standhaft zu sein, heißt aber auch, auf dem Boden zu stehen, selbst wenn es meine eigenen Füße sind. Worauf stehen sie? Ich schwebe nicht.

Ich bin mir der Gefahr bewußt, einige Leute könnten mich falsch verstehen — auch der gleichen Gefahr, mich vollkommen richtig zu verstehen. Man könnte denken, wenn schon niemand einen würdigt, dann muß man sich eben selbst würdigen; aber dieser Eindruck wäre fehlgeleitet. Ich selbst möchte die ganze Sache als eine Selbstbetrachtung verstehen und weniger als eine Masturbation im einsamen Kämmerchen. Weniger als eine Selbstbestätigung und als ein selbstangezündetes Feuerwerk zum Beweis der selbst-eingebildeten Fähigkeiten — eher als etwas anderes, was ich aber im Moment nicht artikulieren kann.

Und dann, im Nachhinein, läßt man sich dazu verleiten, so etwas zu sagen, wie »Es war doch nicht alles so schlecht …« und »Früher war alles besser …«.

Plötzlich stehe ich vor all diesen Dingen, von denen ich mir sicher bin, sie alle ganz aus mir selbst hervorgebracht zu haben — ohne fremden Einfluß. Doch an dieser Stelle ist mir das alles egal. Der nächste Schritt ist vermutlich losgelöst vom Inhalt dieser Dinge — sie müssen nur geordnet werden. Doch nach welchem Prinzip? Weiß ich dieses vorher schon? Etwa nach der Länge der Absätze, dem Grad der Lesbarkeit oder Ähnlichem? Oder nummeriere ich sie und lege damit von Außen eine Ordnung darüber, die sie im Inneren zusammenhält? Man könnte auch sagen: Egal welche Ordnung sie haben, rückschließend ist diese nicht falsch.

Also verwahre ich all diese Dinge in Ordnern, in Mappen, schreibe alles wieder einheitlich und für alle leserlich ab, nehme einfach den ganzen Stapel und suche mir eine Seite, an der ich sie für den Halt zusammenbinde?

Mir ist bewußt, daß selbst dies hier noch Teil des Inneren ist und keine Klammern oder Brüche bilden kann.

Es wäre selbstverständlich möglich, sich anders auszudrücken, anders zu reden, zu beschreiben, zu schildern — in einer, den Schein des guten Tons vermittelnden Art. Aber dieser Versuch wäre eine Imitation derjenigen, welche uns vorausgegangen sind. Beides spiegelt sich in unserer Sprache wieder.

Mir ist aufgefallen, daß alle diejenigen, die mir im Sprechen voraus sind, nicht immer Recht behalten — die Möglichkeit der Falschheit begleitet all ihre Aussagen, zu jedem möglichen Zeitpunkt. Diese Möglichkeit habe ich natürlich auch, nur muß ich mir das Sprechen erst beibringen — und bis dahin bleibt alle Resonanz verzögert und man könnte meinen, spräche man nicht, so begünstigte man die Möglichkeit der Behauptungen in ihrer Richtigkeit. Ich möchte mir nicht die Möglichkeit der Falschheit meiner Aussagen vom Munde absparen, denn die Vorzeichen können sich schnell ändern oder abgeändert werden. Aber wirklich uninteressant wird es erst dann, wenn die Dinge immer wahr oder immer falsch sind. Ausschlaggebend dafür ist ihr Inneres.

Ihr hattet alle tausende von Jahren Vorsprung — wie könnte ich Euch jemals einholen, ohne Euch zu wiederholen, ohne Euch ein Ende zu setzen und Euch neu und mit mir wieder anfangen zu lassen? Wie kannst Du behaupten, Deine Wahrheit sei besser als die meinige? Sage doch, Deine Lügen seien die besseren und wir sehen dann gemeinsam weiter.

Auch wenn Ihr stets in der Zeit, in der man Euch verfolgt, einen weiteren Schritt vorwärtsgekommen seid, stelle ich fest: Wir sind uns näher gekommen auch wenn wir uns unter diesen Bedingungen nie berühren werden.

Der {…} Punkt eines Graphen, ist der, welcher keinen Vorgänger hat.

Wenn Du schließlich etwas an Dir findest, kann es sein, daß bereits ein anderer wartet — vielleicht um seinen Einsatz zu machen.

Wenn Du meinst, die ganze Welt erobert zu haben, so hast Du Dich lediglich darin verloren. Wir sprachen über den Raum zwischen uns allen und den Leuten, die sich hinter Wänden verstecken. Wir sprachen über die teilbare Liebe. Mit ihr könnten wir die Welt retten — wenn die anderen dies nur wüßten. Aber sie sehen nicht, denn sie können dies nicht sehen. In Dir und außerhalb von Dir fließt das Leben dahin. Mir war neulich, in der Bahn sitzend, so als wäre jemand bekannter neben mir, bei mir, in meiner Anwesenheit.

Ein falscher Eindruck? Nein, vielleicht nur ein verfrühter.

Ich habe mir überlegt, wie es wäre, ginge ich zu Bodybuildern und erzählte ihnen, ich möchte gern so werden wie sie und ich würde jeden Tag zehn Liegestützen dafür machen. Ich denke, sie fänden das völlig in Ordnung, würden es sogar gutheißen und unterstützen. Aber mehr, als mir freundlich und aufmunternd auf die Schulter zu klopfen, könnte ich doch nicht ernstlich von ihnen erwarten.

Sie meinen es alle gut, sie sagen ›ja‹ und meinen ›nein‹.

Man hört manche Menschen oft sagen: »Das, was Du besitzt, besitzt Dich auch.« Und hier ist tatsächlich etwas dran, denn eine Verbindung besteht tatsächlich immer beidseitig, sonst wäre es keine Verbindung. Ähnlich einer Gleichung. Nur ist bedauerlicherweise eine Seite meist direkter einsehbar und die andere verschleiert, verschachtelt und muß erst umgestellt und deren Inhalt herausgelöst werden, so daß die innere Balance leichter zu erkennen ist. Gott wollte Ungleichheit, nicht Ungerechtigkeit. Sage ich.

Nicht nur den Inhalt herauswickeln sondern etwas nicht Sichtbares ent-decken.

Die Information der Konklusion kann nur geringer oder gleich der der Prämissen sein — damit ist keine Kreativität oder dergleichen möglich. Das Muster der Regelanwendung ist aber nicht in den gleichen Prämissen enthalten, sondern ein kreativer Prozeß.

Von Zeit zu Zeit habe ich das Gefühl mich wieder einmal besser zu kennen, auch gewisse andere Dinge gut zu kennen und durch dieses Wissen darüber eingesperrt oder behindert zu sein. Doch worin eigentlich? Und wieso eines Wissens wegen? Könnte ich nicht auch genausogut von etwas ausgeschlossen sein? Als ob dieses Bestehende etwas anderes verdrängen oder unwahrscheinlicher in seiner Möglichkeit machen könnte — als stünden diese zuerst in Konkurrenz und dann in Rivalität zueinander. Immer, wenn ich etwas Neues lerne, muß ich etwas Altes vergessen, ganz so wie ich nur betrunken sein kann, indem ich dabei die Nüchternheit vergesse.

Ich merke auch, daß die Menschen um mich herum anfangen mich zu kennen — ich werde bekannt — und dann muß ich wieder weg, muß mich entfernen — auch von diesem Ort — und alles wieder kennenlernen; womöglich sogar anstatt dem vormals Bekannten, nach dem großen Vergessen etwa, erneut zu sehen, so wie man sich an etwas erinnert, das man vergessen oder verdrängt hatte. Oder, als ob man selbst immer gleich bliebe und der bunte Faden, der dem Weg der Nadel durch die Stoffe folgt, nie ganz abreißen könnte, nur kürzer würde. Könnte man etwas ganz neu kennenlernen, so wie man ein Kleid nur aus Fäden nähen könnte — in einer neuen Konstellation, mich inklusive, mit mir in unserer Mitte.

Wie schön es doch ist, zum ersten Mal mit der Bahn durch eine unbekannte Stadt zu fahren oder zu laufen! Nicht das Nachzeichnen, Nachlaufen interessiert mich, sondern die ersten Flecken und Beschmutzungen auf einem für mich neuen, noch unbenutzten Blatt Papier. Manchmal finden sich auch Knicke und Flecke auf den Plänen, aber diese verweisen leider selten auf Sehenswürdigkeiten dieser Gegend. Genauso wie sie nicht auf Unebenheiten, Hügel, Täler, Risse etc. in der Stadt selbst hinweisen. Die meisten, regelmäßigsten und deutlichsten solcher Angaben sind Ursache der Faltung durch den Hersteller, welcher seine Karten handlich gestaltet wissen möchte. Wäre es möglich genau jene Beschreibungen als gewollte Angaben zur Topologie der Stadt zu lesen, oder bleiben sie für immer unwillkommen und müssen überlesen, darüberhinweg- und durchschaut werden?

Ein Mangel in der Konstruktion? Man muß unterscheiden können und wissen, was damit gemeint sei.

Ich habe immer wieder das Gefühl an einem bestimmten Punkt anzukommen oder eine Weile einer Linie zu folgen — ja ganz so wie man einer kurvenreichen, durch das Gebirge führenden Landstraße folgend, zufällig an einer am Weg liegenden Aussichtsplattform Rast macht — und es war schon jemand vor mir da und ich habe diesen gerade verpaßt: Ich bin um einen Moment verzögert und später angekommen. Die Spuren und Reste sind noch da, es riecht noch nach Schweiß, die Luft ist verbraucht aber die Keller sind schon wieder leer. Metaphorisch gesprochen: Oft findet man auch noch Abfälle jeglicher Art herumliegen, die auf eine ausgelassene und vergnügliche vergangene Zeit hinweisen: zerknüllte Papiere, zerrissene Verpackungen, zurückgelassene leere Behälter — alles bunt und unvollständig, sich an die Bänke und Bäume kauernd, bis jemand sie aufliest, dessen Arbeit es ist, sie aufzusammeln und den Platz immer wieder für andere Leute vorzubereiten, so als wären vor ihnen keine anderen hier als die, welche den Platz bereinigten. Selbst diese Arbeit geschieht verdeckt und unbemerkt bei Nacht, wenn die Wahrscheinlichkeit einer Konfrontation mit Zeugen geringer ist als bei Tageslicht. Die wenigsten erfreuen sich an dem Anblick der Rückseite einer Kulisse.

Und trotzdem ich muß zugeben, daß ich einfach zu spät da bin, auch wenn ich an dem gleichen Punkt angelangt sein sollte. Die Anderen waren eben früher als ich hier. Vielleicht aber gar nicht früher, sondern nur zum richtigen Zeitpunkt; denn sollte ich mich im Datum geirrt haben, oder wegen großer Müdigkeit einen ganzen Tag hindurch geschlafen haben, so würde ich in der Erwartung den Jahreswechsel zu feiern, auf einer Anhöhe ankommend, auch nur noch die Zigarettenstummel und Becher, die Tüten und Papiere der vorherigen Nacht vorfinden und könnte doch nicht mit Recht sagen, die Anderen wären vor mir da gewesen, weil sie schneller, zielgerichteter, etc. gewesen wären. — Wieviel Flecken auf der Erde sind noch unbegangen? — Selbst auf den höchsten Gipfeln und in den tiefsten Höhlen waren bereits vor tausenden Jahren schon unzählige Menschen — vor mir. Selbst der Mond ist schon ein Teil der Vereinigten Staaten von Amerika.

Mein Ansatz beinhaltet eine Form der Autorität, die ich in einem anderen Verfahren nicht hätte, die eben nicht mein so genanntes Privileg offenlegen und vielleicht sogar manifestieren würde.

Ich weiß Dinge über mich selbst, ganz anders als ich dies über Dinge wissen könnte, die nichts damit zu tun haben. Diese Aussage sagt um nichts das Gleiche über mich und andere Dinge aus.

Wenn ich immer wieder von mir selbst zu sprechen weiß, so brauche ich dazu keinen anderen — spräche ein anderer von mir, so wie ich zuvor, haben wir eine ganz andere Form von Identität. Ich bin wiederverwertet. Du weißt doch, daß ich jemanden gebrauchen könnte.

Ich spiele keine Rolle.

Eine kurze zynische Widerrede:

Ein erzogener Hund ist ein glücklicher Hund. Ein erzogener Hund weiß nichts darüber hinaus. Die Hunde wollen aber heute alle buntere Leinen. Und ob ein Hund Buddhanatur hat, wurde geklärt. Ignoriert man einen Hund zwischendurch, willkürlich und spontan, so lernt er schnell, wer das Sagen hat.

Als ich mich fragte warum Philosophen angeblich gerne Beispiele zur Unterstützung ihrer Argumente heranzögen, war mir noch nicht bewußt, daß ich ebenso nur ein Beispiel, ein nebenherlaufendes, angewandtes Ornament zur Verdeutlichung einer These sein könnte … aber von wem oder von was?

Die Philosophie pflegt die Meinung, die Biographie eines Philosophen tue nichts zu seiner Philosophie bei; sie sei etwas vollkommen Externes und müsse davon getrennt, herausgefiltert werden. Die Biographie aus der Philosophie herauszuhalten ist aber nichts weiteres als eine philosophische Haltung selbst. Eine reine, über alle Köpfe hinweg schwebende Philosophie gibt es nicht.

Ich glaube ganz im Allgemeinen, obwohl ich kein Jenseits kenne (und nicht im Detail daran glaube). Ich fühle mich gar heroisch, da ich, ohne die Kalkulation einer bestimmten Belohnung, einfach nur so glaube. Auch hier fand ein feiger Tausch statt.

Eine Leine, mit der man etwas beeinflußbar und kontrollierbar zu machen versucht, hat zunächst den Anschein, die Verbindung sei lediglich in eine einzige Richtung bindend. Doch selbst der Standpunkt der vermeintlichen Autorität ist qualitativ identisch mit demjenigen, welcher als das zu Bestimmende betrachtet wird.

Zurück bleibt die Frage nach der Perspektive der Autonomie.

So wie man einen Schmerz durch einen anderen verdrängen kann, kann man einen Rausch durch einen anderen bekämpfen, jede Fiktion durch eine andere Alternative lückenlos ersetzen.

Mittel zur Berauschung erfüllen natürlich auch den Zweck den Rausch zu zelebrieren und zu stärken — sie bezwecken aber auch das genaue Gegenteil: die ihm zugrundeliegende Nüchternheit hervorzuheben. Denn gerade durch den exzessiven Rausch wird die Nüchternheit erst recht bestärkt. Dies scheint genauso paradox zu sein, wie die Injektion einer Nadel, die zunächst Schmerz verursacht und diesen als nicht ausschließbare Grundbedingung der Betäubung setzt.

Liegt Nüchternheit dem Rausch zugrunde, oder ist es vielmehr so, daß die Nüchternheit stets von neuem durch kulturelle Leistungen erkämpft und aufrechterhalten werden muß?

Ich habe noch nie eine Werbung für Produkte gesehen, die zum alltäglichen Gebrauch gehören. Nie werden mir Zwiebeln, Kartoffeln, wird mir Mehl und Zucker so fröhlich angeboten, wie dies mit Dingen geschieht, die eben dieser Werbung bedürfen um sich überhaupt verbreiten zu lassen. Alles was beworben wird, entlarvt sich zwangsläufig als etwas Überflüssiges, noch nicht von mir Bedachtes und mir in den Vordergrund Geschobenes. Selbst diejenigen Ideen und Theorien, als begehrenswert hingestellt, werden es aus genau jenem Grund auch getan — die Werbung ist ein Mittel, sie zusätzlich zu den natürlichen Bedürfnissen des Denkens, des Lebens, an ihre Seite zu stellen und dieses Überangebot so zu verpacken, als sei es Bestandteil des Alltäglichen, des Notwendigen, des Beständigen. Hat man diese nun plötzlich nicht mehr, was vermißt man dann noch? Man vermißt sich im Inneren, so weit die Arme reichen und bleibt dennoch König an seinem Platz oder ein Armer in seinem Reich.

Die Lust am Kapitalismus ist die Lust am Surrogat, an der Ersatzbefriedigung, die beliebig und jederzeit verfügbar gemacht wird. Die Methoden der Verführung ändern sich nicht.

Ich sehe immer mehr Dinge, die vorgeben von ihrer vorherigen Schädlichkeit befreit worden zu sein: Sahne ohne Fett, Bier ohne Alkohol, Kaffee ohne Koffein, Marmelade ohne Zucker, Reisen ohne Gefahr, Krieg ohne Opfer, Alter ohne Krankheit, Philosophie ohne Ausreden und mit klaren Anweisungen und viele andere mehr, die mir bestimmt einmal alle gefallen werden. Nicht nur habe ich das Gefühl, durch die Wahl dieser Angebote von den Gefahren geschützt zu werden, ich meine auch, ein besseres Produkt in den Händen zu halten: eine optimierte, idealisierte, zivilisierte Version meiner Sehnsüchte und Wünsche. Ein Zuviel wird entsprechend der Wünsche aller Beteiligten normalisiert.

Doch gerade weil diese Dinge bereinigt wurden, haben sie nicht das Recht auf abwesende Gefahren hinzuweisen oder diese gar zur eigenen Identitätsbildung heranzuziehen. Es ist eben kein Bier ohne Alkohol und kein Krieg ohne Opfer — diese Begriffe können nicht zweimal belegt werden und man sollte lieber neue dafür finden, die dann zum Beispiel ein Getränk bezeichnen, das so tut, als hätte es vormals Alkohol als Wirkstoff gehabt, aber in seiner beworbenen Aktualität de facto damit gar nichts zu tun hat. Dafür gibt es natürlich schon zahlreiche Begriffe, aber man hat ja als Kunde nichts dagegen, stets daran erinnert zu werden, ein Produkt zu wählen, welches einen fiktiven Zusatzinhalt erfolgreich losgeworden ist und gerade deshalb — des reduzierten Exzesses wegen, der einerseits gar keiner mehr ist und dabei andererseits auch weniger verlockend erscheint — vergleichbaren anderslautenden Produkten überlegen sei.

Die Sehnsucht nach Beschneidung und Normalisierung eines Wildwuchses zeugt von und bezeugt die Macht dies tun zu können. Mit dem Ergebnis eines bereinigten Produktes tut man so, als wäre etwas Zusätzliches mittels eines komplizierten Prozesses wieder herausgefiltert und isoliert worden. Nicht mehr das an sich Gute und Echte wird beworben, sondern paradoxerweise eine veränderte — zum Guten hin verformte — Version des Schlechten. Das Negative an sich wird zum eigenen Gegenteil hin negiert. Das Unbehagen destilliert. Jenes als normal und gewöhnlich Erscheinende, muß — um dies auf Dauer erfolgreich tun zu können — die Mechanismen der Absonderung des Fremden und nicht Erwünschten stets von neuem korrigierend auf sich selbst anwenden. Dies hat etwas von einer Placeboanwendung, aber ein wenig mehr von Suggestion, oder nicht?

Auch die quantitative Anhäufung und interne Bezugnahme vieler philosophischer Bemerkungen scheinen kapitalistischen Produktionsprozesses nicht unähnlich. Nicht ein Surplus ist dem Normalen wie äußerlich angehängt, denn das Normale entsteht nur aus der Entledigung und Filterung eines Exzessiven — die Substraktion des Überfälligen hingegen hinterläßt eine Fehlstelle, einen blinden Fleck, welcher für den Teilnehmer oder Beobachter uneinsichtig bleibt. Aus diesem Grund kann das Normale nur in jenem Fall weiterbestehen, in dem es mit zunehmendem Tempo sein eigenes Material erweitert; im Falle der internen Balance eines solchen Rahmens käme es zum Stillstand. Diese Heterogenität, die sich stets neu bildenden Risse und Lücken, erzwingen einen homogenen kapitalistischen Produktionsprozeß, welcher ein stetiger, sich perpetuierender Exzeß im Inneren des Systems (als Phantasie-Realität-Paarung) zur Folge hat. Es sind in beiden Fällen ökonomische Aktivitäten.

Beobachten wir nicht eine Verlagerung des Raubbaus aus dem Raum in die Zeit hinein? Wir haben keine Kolonien außerhalb des Zentrums mehr, sondern betreiben nun fleißig ein Raubbau an der Zukunft und ihren Rohstoffen, an tatsächlich rohen Stoffen.

Dazu ließe sich Folgendes sagen:

Die Behandlung des Privateigentums durch den Kommunismus gleicht dem Versuch, ein Auto zu beschleunigen, indem man den Motor ausbaut.

Fetisch ist das Nicht-Ertragen-Können, daß etwas nicht anwesend ist.

Das Verwischen beim Zeichnen: Eine klare Schwäche, die die Linien erst zur Orientierung benutzt und sie dann lieber wieder verwischt, unter vorgetäuschter Unschärfe vergräbt. (Analog einer Argumentation mit untergeschobenen Argumenten?) Aber das Verwischte zu thematisieren (ohne Zuhilfenahme der Linien, ohne Bezug dazu) wäre der direktere und ehrlichere Weg. Doch dies wäre eine ethische Entscheidung, weniger eine systematische.

Den Rauch und den Nebel nicht aus Abänderungen des Konkreten und Klaren, durch deren Verwischen bekommen, sondern den Nebel als an sich unscharf seiend zeichnen oder malen — in direkter Weise. Das Unscharfe, Weiche ist keine Version des Scharfen und schon gar nicht eine Vorstufe dessen, ist auch nicht vom Zustand des Klaren direkt abhängig oder daraus logisch herauszulösen, auszuklammern, abzuleiten. Man könnte meinen, etwas Scharfes ließe sich leichter unscharf machen als das Unscharfe zu etwas Scharfem. Ist eine schwarzweiße Fotografie die Vorstufe einer Farbigen? Ist die Farbfotografie eine klarere, an Informationen reichere Version der Monochromfotografie? Sind die Schwarzweißbilder ungesättigte Vorstufen der Farbbilder, die auf einfachem Wege, mit den passenden Zusätzen, zu eben solchen aufgewertet werden können? Eine herbeigeführte Besserung durch Überlagerung von paratem Inventar? Es lässt sich nichts Konkreteres in der Farbe finden, welches das Monochrome im Vergleich dazu als defizitär zurücklassen würde. Keine Verbesserung durch Komplexität.

Im Gegenteil: Man hat das Recht zu vermuten, schwarzweiße Bilder seien gerade die Konkreteren. Der Verarbeitungsprozeß eines farbigen Bildes mittels einer Kamera, mittels Linse, Filmträger und vor allem mittels des Abzugs auf einen — externen und beliebigen — Träger ist gegenüber der Schwarzweißabbildung um vieles abstrakter, undurchsichtiger und fehleranfälliger. Verschiedene Farbschichten eines Farbfilmes, die nur bestimmte Lichtspektren getrennt aufnehmen, Konservierungsverfahren des Lichts auf der Filmemulsion, die nuancierte Beeinflussung beim Entwickeln durch die Chemie, die Umgebungstemperatur, die Abstimmung beim späteren Bildabzug vom Film durch die Art des Vergrößerers und seines Farbmischkopfes, wiederum dessen Linse, des Papiers, nochmals der Chemie und des Umgebungslichtes während der Begutachtung und viele andere Faktoren mehr, deren weitere Auflistung hier kein Platz genügt, lassen diese Art von Bilder beinflußbarer zurück, als sie es bei monochromen tun würden.

Schwarzweißbilder teilen einige dieser Schritte zu gleichen Teilen, es fallen aber die heikelsten und fehlerhaftesten weg. So betrachtet, ist die Farbfotografie abstrakter als die Schwarzweißfotografie.

Ockhams Skalpell als sich selbst verkomplizierendes Theorem: Diejenigen Theorien mit den wenigsten (Zusatz-)Annahmen, sollten denjenigen mit vergleichbar mehreren Annahmen, vorgezogen werden — aber dieses Theorem, das ja vieles vereinfachen sollte, ist eben eine Zusatzannahme, verglichen mit denjenigen ohne Ockhams Skalpell, die es selbst als ›Mangel‹ und vermeidbar hinstellen bzw. einfordern — nur in letzter Konsequenz freilich. (Wäre demzufolge die einfachste Erklärung auch die wahrscheinlichste? Dies hieße, man wüßte schon welche die einfachste Erklärung sei, hätte sie aber nicht parat oder dergleichen.)

Wie kann ich die Zukunft erwarten, mein Schicksal einfach lieben, wenn doch mein Erwarten schon eine Einflußnahme derer wäre?

Ein Archiv der erprobten Argumentationen: Man stelle sich zwei Inseln vor (es wäre unnütz gesondert zu erwähnen, diese wären voneinander getrennt, denn dies beeinhaltet bereits der Begriff ›Insel‹ selbst; aber nun ist es einmal passiert) — nun beschließt eine Insel aus der Entfernung heraus mit der fremden Insel in Kontakt zu treten und dieser in einer verständlichen Botschaft eine Nachricht zu übermitteln. Nach mehreren erfolglosen Versuchen (›erfolglos‹ wäre in Kombination mit ›Versuch‹ ebenso in seiner Funktion anzuzweifeln …) beschließt diese Insel, keine weiteren ›klaren‹ Informationen mehr zu übermitteln, sondern das von dieser Seite aus erkennbare System der anderen Insel zu stören, in deren Inneres einzudringen und so erfolgreich auf sich als externe Entität aufmerksam zu machen. Dies schiene die einzige Möglichkeit der Kontaktaufnahme, auch wenn der Inhalt der zu übermittelnden Nachricht nicht dechiffrierbar wäre. Müßte es einen aus dem Inneren der einen Insel heraus, formulierten Inhalt geben oder reichte bereits die nackte Syntax dafür aus, um wahrgenommen zu werden — wenn denn diese möglich wäre?

Wie näme man mit Fischen in einem Tümpel Kontakt auf und wie ordneten diese indes einen Angler ein, welcher bis in die Mitte des Gewässers ginge und mit seinen Füßen den Schlamm aufwühlte, wenn nicht als tatsächlich extraordinäres, aber dennoch verständliches Naturereignis innerhalb ihrer Welt und innerhalb der Grenzen einer solchen?

Die erwähnte Insel beschließt, zur Etablierung einer Kommunikationsbrücke, weiterhin das Mittel der Störung und der Intervention zu benützen, da allein dies erst, als ein von Außen eindringendes, fremdes Element wahrgenommen werden könne — erst nachdem es erfolgreich aus der Entfernung dorthin mit Gewalt hineingedrückt worden war.

Der Parasit interveniert, betritt das System als ein Element der Fluktuation. Er erregt es oder reizt es. Er setzt es in Bewegung oder paralysiert es. Er verändert den Status, verändert den energetischen Haushalt, seine Auslenkung oder seine Verdichtung.

Wo bitte kommt dies nun her?

Die Bewegung des Rückwärtserzählens ist vergleichbar dem Prinzip von Palindromen. Sie müssen zwangsläufig beiderseits funktionieren. Und dann merkt man, daß die Sache gar nicht rückwärts läuft, sondern, daß das anfängliche Konstrukt nur ein vorläufiges Gerüst, ein Provisorium war. Ein Anagramm wäre auch denkbar, aber besser paßt das hier vorher Erwähnte. Die beiden Enden — die auch als gleichgültige Extreme und Nullpunkte gelten können — denke ich mir wie ›wahr‹ und ›falsch‹, jederzeit gegeneinander austauschbar.

Niemand wird über das Modell hinaus den Anspruch der Vollkommenheit stellen — diese Forderung träfe keinen Punkt. In sich — innerhalb seiner Möglichkeiten — kann ein Modell vollkommen sein (in gleicher Gesellschaft abhängig von allen anderen auf inhärenter Vollkommenheit überprüfbar); darüberhinausschauend bleibt das Modell provisorisch und defizitär — auf einem Auge blind. Es ist eine Frage der Grenzziehung. Selbst eine Brücke dient nur als Übergangslösung.

Man denke sich ein Spiel, bei dem ein Mitspieler nach einem Regelverstoß in einen Zwischenzustand ausgelagert wird — dieser bleibt solange dort bis ein nächster, nach einem vergleichbaren Foul, ihn an seiner Stelle ablöst. In diesem Zwischenspeicher ist nur Platz für einen (Ex?)–Mitspieler, der dort solange bleibt, als kein anderer ihn ablöst. Was mit diesem dann passiert, welche Bedeutung er für das Spiel hat, aus dem er kommt, ist nebensächlich und den Mitspielern nicht bewußt. Bevor der erste Spieler dorthin versetzt wird (wie bestimmte Figuren beim Schach, die aus dem Spiel geschlagen wurden …) ist dieser Platz unbesetzt. Wäre ein solcher Außenstand Teil dieses Spiels? Dies Fehlen als Dauerzustand anzusehen, kann vorkommen, denn das Spiel dauert recht lange.

Träume sind deshalb so fesselnd, weil sie Ausdrücke, Beschäftigungen und Formulierungen des Geistes während einer Phase sind, in der sonst alles andere ruht und ausgeschaltet ist. Was ist dies Andere? Träume bergen Begrifflichkeiten, die aus einer Lücke heraus entspringen, gleich einer, für alle Außenstehenden glatten Oberfläche, an der sich niemand, außer man selbst, festhalten kann; sie bleiben unaufgeraut und der Griff nach ihnen entblößt nur eine leere Hand. Wie ein erstauntes Kind, welches gerade noch das Vöglein in der Hand des Zauberers sah und nun, da es verschwunden ist, zurecht meint es müsse noch einen anderen Vogel geben, denn dieser sei nun schließlich wirklich nicht mehr da.

Denken als Aus-Ein-Ander-Setzung einer (vormals) einheitlichen, reinen Erfahrung welche undifferenziert war.

Man könnte sagen:

Das Ganze ist (schon) das Unwahre.

Das Wahre ist das Ganze.

Totalität ist eine annähernde Ablenkung — man lebt das Leben auch nicht bis zu seinem Ende; es bleibt für den darin Lebenden unvollendet, fragmentarisch, da es keinen rückblickenden Modus erlaubt. Doch woher sollte jemand auf sein Leben blicken können, wenn nicht, von einem künstlich errichteten Hochstand?

Die Träume lehnen sich über den Rand und starren in den Krater.

Könnte man sich Wissen, Weisheit, Einsicht etc. durch Arbeit aneignen, wozu bräuchte die Gesellschaft Institutionen wie zum Beispiel Universitäten, die dies Wissen vergeben, abgeben, ausschütteten? Man sitzt seine Zeit ab und erlangt dann schließlich an einem Punkt die offizielle Grenze des Wissenerlangens und geht dann mit diesem Kompromiß in den Taschen doch recht zufrieden nach Hause.

»Dies bekommst Du, wenn Du es richtig machst.« sagen sie. Was bekommt man dafür und wie unterscheidet es sich von dem, was man dafür bekommt, wenn man es falsch macht? Dieser Weg wird einem weniger deutlich offengelegt.

Erlaubt ist, was nicht verboten ist. Es ist nicht verboten, aus einem Gefängnis einfach herauszuspazieren, falls keiner die Ausgänge bewacht — dies meint man als Außenstehender zunächst —, strafbar ist die Überwindung der Grenzen mittels Gewalt, die Sachbeschädigung, welche beim Ausbruch meistens vonnöten ist, die betrügerische Überlistung der Wärter etc. Dies stellt sich als Frage vor das Prinzip der Straffreiheit der Selbstbefreiung. Ist die Verwahrung in einem abgeschlossenen Haus selbst die angeordnete Strafe, oder ist sie nur eine mögliche Form der Umsetzung? Das scheint eine interessante Frage zu sein.

Zu was wird man verurteilt? Das Urteil und die Strafe sind zwei verschiedene Dinge und müssen nicht zwangsläufig zusammenfallen.

All die gesprochenen Sätze bestimmen jene unaussprechbaren. Meine Wirklichkeit ist stets das Gesagte und das Nichtgesagte.

Zum einen weiß ich jene Dinge nicht, die zu wissen sind und zum anderen jene, die nicht zu wissen sind. In beiden mangelt es mir bestimmt an Wissen.

Manchmal werden zu bestimmten Zeiten Fragen gestellt, die lange nicht beantwortet werden (oder wurden) oder deren Beantwortung in Vergessenheit geraten ist oder deren Antworten vergessen wurden — wie auch immer. Und daß bestimmte jahrhundertealte Fragen immer noch, beziehungsweise wieder so eifrig von uns diskutiert werden, läßt die Frage zu, ob diese Fragen tatsächlich immer noch aktuell sind oder ob wir sagen könnten, wir lebten immer noch zu deren Zeiten. Daß wir Fragen diskutieren, die zum Beispiel im 18. Jahrhundert gestellt wurden, kann auch heißen, daß wir in eben jenem Jahrhundert leben. Und fänden wir uns damit ab, gar keine Antwort mehr zu erwarten, verlören wir damit auch die Fragen selbst.

Ein ganz und gar zeitloses Unterfangen. Und wieder hat man den Eindruck an einer bekannten Stelle zu stehen.

Ich frage mich dennoch, ob es möglich wäre, den Zuschauern die Wahl zu lassen, etwas von einer, gerade beigewohnten, Zauberaufführung mitzunehmen oder nicht. Oder, ob ich jemandem die Möglichkeit eröffnen könnte, davon etwas tatsächlich zu ergreifen, ohne demjenigen gleich meine Tücher, Bälle oder Spiegel mitzugeben, die er dann in seinen Taschen verstauen, nach Hause tragen und in die Vitrine stellen könnte. Oder: Wie ein gedanklicher Anstoß möglich wäre, ohne den Vorgang des Anstoßes, mittels Sprache zu erklären, ohne mehr oder weniger gut darüber zu reden, Hintergründe zu erklären, ohne den Trick zu verraten.

Wenn etwas tatsächlich echt ist, wie zum Beispiel eine neue technische Erfindung oder ein, neu entdeckter und zugleich kontrollierbarer, chemischer Prozeß etc. und jemand überlegte sich, dies nicht als Technik, sondern als Zauberkunst, als Illusion zu bezeichnen, was hätte dies, für die Funktion einer solchen Technik, zur Folge? Immerhin ist es doch bewundernswert, daß Zuschauer, die einer Jungfrauenzersägung, einem Verschwinden und Wiederauftauchen von Personen (oder dergleichen Obskuritäten) als Zeugen beiwohnen, nicht dabei in Schock verfallen und schreien, wie man es, unter gesunden Umständen, annehmen sollte, sondern diesen Vorgängen amüsiert applaudieren. Und sogar noch auf dem Nachhauseweg, wird es jene geben, die doch daran glauben und jene, die nur gekommen sind, sich ihrer Vorurteile bezüglich der Täuschungen zu vergewissern und nach guten Gründen suchen, doch daran glauben zu können.

Ist nicht die doppelte Verneinung eine Ankündigung, eine Angabe eines Fehlers in einer Struktur?

Wir wissen Dinge, aber wir glauben nicht daran. Die Implikaturen, die sich bei dem Betrachten einer Zauberaufführung zum Beispiel in den Vordergrund drängen, werden automatisch ausgeblendet. Und wenn dann etwas davon eintritt, ist man dennoch überrascht. Die Ankündigung von Illusion bewirkt nicht deren Fehlfunktion.

Frage-Antwort-Spiel: —Was macht er denn falsch? —Er macht sehr viele Fehler falsch.

Ein Gedanke: Nicht Menschen haben oder faßen Gedanken, sondern Gedanken haben Menschen. Man könnte sich diesen Zusammenhang, als Vordergrund-Hintergrund-Gefüge vorstellen. Die Menschen unscharf im Hintergrund, gleich einer diesigen Landschaft und die Gedanken im Vordergrund; vielleicht wie ein Portraitgemälde, etwa die ›Mona Lisa‹ mit ihren Feldern und Flüßen in ihrem Rücken.

Der Träger einer Vorstellung ist selbst nicht die Vorstellung. Damit ein Gedanke wahr oder falsch wird, sollte er reduziert werden, aus seiner Einheitlichkeit gerissen und am Schlafittchen gefaßt werden. Er sollte gebrochen werden …

Ist etwas nicht falsch, so läuft jeder Versuch dies aufzudecken und zu entlarven ins Leere. Dieser Anspruch, diese Strategie macht dann Sinn, wenn man etwas dahinter vermutet, etwas Divergierendes, Verstelltes, Verschüttetes, Dupliziertes, welches vor dem Hintergrund des Falschen als solches angenommen wird.

Kann man das, was gewöhnlich als die klassische Logik bezeichnet wird, zum Beispiel einfach nicht ausstehen und möchte dieses untergraben oder negieren, dann macht man nichts anderes als sich vorzugaukeln, man verließe es gänzlich, indem man es durch ihre eigenen Mittel auszugrenzen versucht — man erweitert es jedoch nur und zieht den Kreis weiter. Es einzuklammern und ›nicht‹ oder ein Negationszeichen davor zu setzen, benutzt nur seine eigenen Elemente, mit denen es die ganze Zeit schon operiert, die gar Teile seines Fundamentes sind und die eventuell zu der Abneigung gegen dieses mit beigetragen haben können. Es wäre zwar konsequent und gar erlaubt, es böte aber keinen Ausweg. Am besten, man läßt es unbestimmt oder ignoriert es.

Wäre es überhaupt der gleiche Modus, die gleiche Art der Negation oder ergäbe sich, durch eine ›nach Außen hin‹ verlagerte Operation, eine ›neue‹, mit neuen Attributen versehene, Version davon? Außerdem lieferte man dieser Logik damit nur die Vorlage diese Negation (aus ihrer Mitte heraus) ganz legitim zurückzuweisen und umzudrehen. Man könnte ihr gar nicht klar und verständlich machen, daß sie abgelehnt wurde!

Ein in einer Schlingfalle verfangenes Tier, hat den natürlichen Impuls sich schnellstmöglich wieder daraus zu lösen — jedoch zieht sich die Schlinge mit jeder Bewegung enger zusammen.

Interessant scheint auch die Behauptung, eine Zurückweisung einer Frage mittels Bitte nach noch genauerer Definition der benutzten Begriffe, sei ›natürlich‹ keine Beantwortung (oder zumindest nicht im natürlichen Sinne eines Sprachgebrauchs), sondern eine Zurückweisung derer.



Wenn man sagt: »Oh, dies oder jenes ist von Dunst umgeben der das klare Sehen unmöglich macht — wir sollten schleunigst den Nebel zerstreuen, um klar sehen und studieren zu können!«, so nimmt man das, was man mit Dunst bezeichnet, nicht ganz ernst und stellt es heraus und hinten an oder legt es darüber, wie einen Vorder- vor einen Hintergrund. Gewiß sind manche Leute auch am Dunst, am Nebel, am Rauch und an den Wolken eben so interessiert, wie an jenem, das sie von diesem verdeckt zu sehen glauben oder meinen. Oder anders: Es ist ein verschwommenes Bild, nicht ein Bild, das verschwommen ist. Und was, wenn ein solch erfolgreich verdrängter Nebel die Sicht frei gibt auf Gase und Dünste dahinter?

Es ist ein Weg geblieben — auch im Nebel.

Mir scheint, die Philosophie beschäftigt sich im Kern weniger mit akuten Problemen, als mit Fragestellungen zweiter Ordnung. Betrachtet man sie als Korsett oder als Kleid, von welchem der Stoff, aufgrund des intensiven Gebrauchs (oder des unsachgemäßen Waschens) abgewetzt wurde, bleibt sie fadenscheinig zurück. Doch selbst dies wird von vielen zur Mode erkoren und stolz nach Außen hin vorgetragen.

Sie ist auch völlig ungeeignet und unfähig, tatsächliche Probleme zu lösen: Zum Beispiel könnten im Falle einer Epidemie oder eines Krieges mit dem Philosophieren bedauerlicherweise keine Krankheiten bekämpft oder sich eindringender Feinde erwehrt werden; dazu bedarf es wirklicher Anwendung anderer ballistischer Disziplinen. Es sei denn, die Gegenseite zählte sich selbst zu den Philosophen — aber damit wäre schließlich alles auf den Kopf gestellt. Ein kalter Krieg.

Hier an diesem Punkt nützt es nur noch wenig, sich weiterhin etwas vorzumachen. Die Philosophie wäre in einem solchen Fall völlig handlungsunfähig, da sie keine Anwendung fände und niemand wendete sich in akuter Not hilfesuchend an sie, da sie nichts zu behandeln im Stande wäre. Auch würde die Philosophie — vorausgesetzt die Bedürfnisse erster Ordnung wären bereits befriedigt und transparent gemacht worden für einen tieferen Blick — in einem Modus des Luxus und des Überflusses, nicht dabei helfen können, zu klären, ob der Mensch frei sei oder nicht. Sie kann stets nur sehr bescheiden darauf antworten, was es bedeutet, frei zu sein, das heißt losgelöst von dem tatsächlichen Zustand des Freien oder nicht Freien — in einem hypothetischen Modus. Und würde sie dennoch eine Antwort auf diese Frage finden und damit dem eifrigen Wanderer, eine Abzweigung nach Links oder nach Rechts, empfehlend auf seine Karte malen, so wäre sie problemlösend und kategorisch anwendbar geworden und ihre Antwort in der hauseigenen Vitrine zur Dekoration und gelegentlichen Herausnahme abgestellt. Man meint den Beigeschmack des Trotzes hierin zu bemerken — doch was wäre an einer solchen Vor–Stellung unhöflich oder unangebracht?

Doch was hieße es nun, danach zu fragen, auf was die selbst transparent gewordene Philosophie den Blick weiter freigibt?

Eine gutgemeinte Philosophie ist das Gegenteil von einer guten Philosophie. So müßten wir es mit der Philosophie lediglich gut meinen, um die gute Philosophie zu erzwingen. Oder umgekehrt.

Helfershelfer:

Ein wichtiger Punkt ist doch, ob und wie sich Philosophie anwenden lassen kann. Vielleicht nicht nur auf andere Sachen, sondern auch auf sich selbst. Gemeint ist: Einerseits die bekannten und veröffentlichten Texte, die rückwärts gehend, wieder in das Leben, aus dem sie als Vor-Sätze entsprangen, im Modus des Ankommens zurückkehren können. Und andererseits aber auch: Den umgekehrten Weg, d.h. die Möglichkeiten, aus dem Sud der Gedanken zu einem quasi öffentlichen System gelangen zu können. Ein Versuch, Ideen, philosophische Konstrukte, Gedankenspiele konkret in einem Leben zu verankern und auf dieses musterhaft anzuwenden. Auch wenn dieses Leben nur fiktiv ist, ließen sich diese Philosophien austesten. (Aber wem gehört dieses Leben — wessen ist es?)

Ich meinte, eine universelle Methode der Arbeit und des Vorgehens gefunden zu haben: Eine Idee sollte nur Geltung haben und bestehen bleiben, wenn ihr postulierter Inhalt auch auf sie selbst anwendbar ist. Wenn sie zwar gültige Aussagen über andere Sachverhalte machen kann, sich selbst aber davon ausnimmt, wird sie auch ausgenommen und ist fehlerhaft. Nachdem (oder bevor?) beziehungsweise ›im gleichen Schritt‹ etwas auf anderes angewendet wird, wird es auch auf sich selbst angewendet.

Ob man ein Philosoph ist, weiß man selber nicht. Denn man kann nicht sagen, wie die anderen denken (ebensowenig kann ich mir vorstellen, wie es zum Beispiel wäre, ein Philosoph zu sein, der sich bemüht wie eine Fledermaus zu denken …) und ob sich dieses von der eigenen Denkweise dermaßen unterscheidet, daß es dazu berechtigen würde, diese Bezeichnung zu tragen. Ein Stück Papier hingegen erfüllt diesen Zweck zu Genüge.

Wie oft ich mich schon in meinen Hund hineingedacht habe? Ich sah sie neulich zu Musik tanzen. Sie ist jetzt fast sechs Monate alt und wird langsam etwas stur. Ich muß deshalb etwas strenger werden. Das bin ich auch geworden, obwohl es einige Arbeit kostet und zudem Überwindung; denn man muß dabei recht oft bestrafen obwohl man es gar nicht so meint.

Vielleicht ist die Frage nach den Möglichkeiten der Erkenntnis wirklich spannender als die der aktuellen Gegebenheiten — jene, welche auf vereinheitlichende Gegebenheiten zielt. Psychologisch ist eine solche Erkundung; und spannend, da sie nicht nur die bloße Realität mit der Frage nach ihren Möglichkeiten überspannt; auch weil sie Vielerlei und Allerhand verbindende Kräfte formend dazwischen spannt.

Jeder ist geneigt, nach der erfolgreichen Übersetzung an ein anderes Ufer das Boot vorsichtshalber noch hinter sich herzuziehen. Eine unnötige Last, an der man nun hängt.

Komisch, daß ich beim Wort ›Übersetzen‹, sofort an jemand anderen denke, der dies für mich tut — einen Professionellen, der mit dieser Tätigkeit seinen Lebensunterhalt bestreitet. Und wirklich: es genügt völlig, diesen Dienst in Anspruch zu nehmen, ohne selbst jemals den Akt des Übersetzens auszuführen.

Jemand sagte einmal, die beste Kamera sei die, welche man gerade noch tragen könne. Doch gerade auch durch das Tragen dieses Werkzeugs nehmen die Kräfte des Tragenden zu, so daß das tragbare Werkzeug peu à peu schwerer wird.

Ist es nicht ein Unterschied, ob etwas zweideutig ist, in dem Sinne, daß es bereits etwas anderes (oder sich selbst) in zweifacher Weise deutet oder in dem Sinne, daß etwas nur die Möglichkeit bietet und offen läßt beziehungsweise hält, in zweifacher Weise (von etwas anderem oder sich selbst) interpretiert zu werden? Wäre, dieser Spekulation zufolge, das eine zweideutig und das andere zweideutend?

Ein Rätsel: —Was ist in der Wüste und hat nur ein Bein? —Eine Krähe mit einem Bein. —Was ist in der Wüste und hat zwei Beine? —Eine Krähe? —Nein, zwei Krähen mit jeweils einem Bein. —Was ist in der Wüste und hat drei Beine? —Was?

Aus dem Busfenster blickend, kann ich anhand der Häuser, Bäume etc. so ungefähr die Geschwindigkeit meines Gefährtes einschätzen. Doch manchmal fährt ein anderer Bus neben dem unseren her — wenn sich noch ein zweiter dazwischenmischt, die Straße und die Häuserfassaden verdeckt, diese in meinem Blickfeld ersetzt — und dann, wenn ich diesen anschaue und die Menschen darin, fällt es mir plötzlich schwer zu sagen, wie schnell sich die beiden Busse ungefähr bewegen. Als ob sich nun die Welt darum bewegte. Etwas wurde ausgetauscht.

Normalerweise begreift man die Umwelt als Platz, in dem man sich befindet, als Hintergrund, vor dem man vordergründig auftaucht und sich bewegt …

Es würde mich nicht wundern, wenn nach so langem Philosophieren doch schon alles mögliche gesagt wurde. Und auch gemeint wurde. Besteht zwischen dem Philosophieren und dem Sagen eine Verbindung, so suchte man sie vorerst in einer Person, welche an deren Scharnier stünde. Zwischen Sagen und Meinen, als auch zwischen dem Philosophieren und der Artikulation, kann eine Verbindung bestehen.

Und auch, wenn ich mich wiederholen sollte: Selbst dieser, sich in just diesem Moment ergebende Gedanke — irgend ein anderer Möchtegernphilosoph hat ihn mit Sicherheit bereits souverän vorweggenommen oder heimtückisch gehortet.

Das Gröbste — gemeint ist: das Wesentliche jeglicher gewesenen Philosophie — bedarf lediglich einer Übersetzung — sei es in eine neue Sprache oder eine Rückübersetzung — um als bereits Dagewesenes erkannt zu werden (in der Rückübersetzung), oder als auch so ähnlich (in einer beliebigen Übersetzung) zu gelten. Gerade durch die Übersetzung und die sich daraus ergebenden Verschiebungen und Verlagerungen werden Parallelen leichter ersichtlich.

Manchmal überkommt mich das Gefühl, die uns ans Herz gewachsene Philosophie befände sich in einem nicht mehr aufzuholenden Wettrennen mit ganz anderen Dingen, die ihr nicht nur vorhergegangen sind, sie geradezu (und geraden Weges) erst in dieses Rennen geschickt hatten; sie hat deren heutigen Inhalt bereits in einer anderen Sprache gebrabbelt, ohne dabei einen solchen Stolz, beim Passieren der vorher gelegten Marken, an den Tag zu legen … den Zuschauern blöd entgegengrinsend. Was läßt Dich überhaupt rennen, wenn gar keiner hinter Dir her ist?

Immer geradeaus, auch wenn man dabei eine Kurve nimmt.

Meine Laufbahnen haben sich verselbstständigt — sie sind auch für andere beiläufig begehbar.

Diejenigen Bücher und Medien, welche ich mir aus der Bibliothek ausleihe, haben ja alle ihr eigenes Recht — ihretwegen auch auf limitierte Vervielfältigung und Autonomie. Die sozusagen verlustfreie — auch für sie, ohne an ihrer Substanz Verluste hinnehmen zu müssen — Duplizierung und Reproduktion verbieten sie mir aber. Und im selben Zuge, sich selbst auch auf eine bestimmte Weise. Die Richtung der Benutzung soll nur einseitig verlaufen: aus ihnen, ihrem Material heraus, durch meine Augen hindurch, in meinen Kopf hinein. Diesen Akt stellt man sich bei jedem einzelnen Benutzer etwa gleich vor; er soll stets gleichförmig ablaufen und nicht, ohne vorheriges Abnicken des Herausgebers abänderbar sein. Bei jedem neuen Anlauf, soll der Akt möglichst gleichmäßig verlaufen, wie zurück auf ›Null‹ gesetzt. Wie ein, aus einer Bibliothek geliehenes Buch, nach der Abgabe zurück in das Archiv und den Katalog wandert und möglichst unverändert für den nächsten Benutzer zur Verfügung stehen soll.

Was aber, wenn es so wäre, daß ich ohne bewußten Akt der Reproduktion (der ›quasi‹ im Hintergrund automatisch abläuft) beim Benutzen dieser Medien, beim bloßen Lesen (vielleicht sogar nur beim Betrachten der Schriftarten, der Zeichen, deren Grammatik ich gar nicht erkenne oder gar nicht erkenne, daß es eine gäbe oder nicht erkenne, daß es keine gäbe, oder nicht erkenne, daß es weder eine gäbe noch keine gäbe, noch beides zusammen … was gäbe es noch zu erwähnen oder nicht zu erwähnen? Was bliebe übrig?) — um ihre Lesbarkeit durch mich überhaupt als Bedingung zu ermöglichen — zwangsläufig eine temporäre Kopie davon gemacht würde; etwas das vom Gehalt her ununterscheidbar wäre und sich z.B. nur in einem bestimmten Namenszusatz bürokratisch und zugleich kryptisch äußern würde, aber nur, solange zwischenarchiviert wäre (in meiner Wohnung z.B. oder in einem Regal, Ordner oder dergleichen), als ich es betrachtete oder benutzte. Daß ich etwas gedanklich vervielfältige und dieses dadurch bewahre, scheint niemanden ernstlich zu bedrohen — es wird gar als Tugend verstanden. Daß ich aber das Gleiche, aufgrund mangelnder kognitiver Fähigkeiten, in einer härteren Form speichern muß, ist nicht erwünscht. Wer fühlt sich von wem bedroht? Das gute und das schlechte Gedächtnis.

Dennoch redeten einige, aus ihrer Gewohnheit heraus, noch von einem Original, während andere sich möglicherweise ins Unendliche ragen könnende Erinnerungen davon machen und verbreiten könnten, ohne die innere Integrität, ihre Struktur anzugreifen, gar zu gefährden. Und sicher würden diese, ohne jene Ursprungsbibliothek jemals ehrend zu erwähnen, mit dieser arbeiten, ganz so, als ob sie tatsächlich ihr legitimes Material wäre. Diese sprunghafte (und damit digitale) Weitergabe, würde gewiß viele soziale Hürden, heute bedeutungslos werden lassen, aber genau durch diesen Prozeß, auf sie, als bestehende Hürden, hinweisen.

In dieser Welt des Austausches und Vertauschens, gibt es diejenigen Strömungen, die in dem allesverbindenen Netz durch den Äther, entlang der Linien fließen und in deren Fahrwasser viele mitschwimmen können bzw. die von vielen gleichzeitig befahren werden können — und dann gibt es jene Personen, die Samen pflanzen und die damit im Prinzip Beliebiges züchten können und wiederum andere, die wie Blutigel saugen und damit diese Früchte zusammentragen und zu deren Fortbestand beitragen, ohne jedoch eine weitere Vervielfältigung anzustreben. Eine klassische und direkte Distribution an einzelne Konsumenten.

Was hindert mich daran, anzunehmen, all die klugen Texte funktionierten insgesamt aufgrund von Suggestion? Daß der eine gut und der andere schlecht, derjenige interessant, der nicht, der klug und bedeutend, der dumm oder trivial und vielleicht noch nicht, beziehungsweise nicht mehr, sei — ist ihnen dies innerlich eingewebt oder äußerlich angehängt?

Schließlich beruhen die anderen Künste auch auf Suggestion: Die Vortäuschung von Räumlichkeit in der Zeichnung, die der Identität von Personen oder Objekten in der Malerei, die der zeitlichen und raumverbindenden bzw. -trennenden beim Film. Was aber Bild und Text kombiniert suggerieren, ist schon erstaunlich! Eine Glanzleistung im wahrsten Sinne der Wörter, ein Glanz, der einen selbst als Betrachter, sich darin spiegeln läßt und der gleichzeitig so grell sein kann, daß er seine Ränder unscharf werden lassen (kann) und Dinge an seinem Rand zu überstrahlen und vereinheitlichend zu verdecken vermag. Ja wirklich schade, daß das Leben kein Roman ist. Schade, daß das Glück auf leerer Bahn steht.

Die direkteste und nachvollziehbarste Verbindung, welche von der Philosophie ausgeht, ist die Schriftstellerei. Alles besteht doch nur aus Buchstaben und Knochen.

Entgegnete man jemandem, er/sie würde in seinem/ihrem Umgang kindliche Reflexe zum Ausdruck bringen (oder anders: in diese zurückfallen), so täte man dies vor dem Hintergrund des eigenen Wertesystems, welches das Kindliche als zu überwindende Vorstufe und im gleichen Zuge damit als primitivere Form im Gegensatz zu dem, aus welchem man sich sicher und zielgerichtet nach unten beugend, spräche. Vielmehr würde dieses, als höherwertig und besser aufgefaßte System, gerade mittels einer solchen Behauptung, formiert und bestätigt werden.

Das Verbeugen und das Niederknien sind doch unterschiedlich. Eine Verbeugung wahrt den Stand des Verbeugenden, während sein Rücken dabei krumm wird. Ein Niederknien bringt einen zu Boden, läßt den Rücken jedoch aufrecht und ermöglicht den Blickkontakt. Obwohl man scheut sich dem Boden zu nähern, ist die Verbeugung dennoch die entwürdigendere Geste der Unterwürfigkeit. Gab es nicht strenge Regeln, nach denen Stände sich vor anderen zu verbeugen oder niederzuknien hatten? Es wäre sinnvoll diesen nachzugehen um sich nicht vor dem Falschen zu verbeugen.

Ich könnte mir einen Zustand, einen Vorgang vorstellen, bei dem Leute zehn Mark zahlen um damit an einer künstlerischen Aktion teilnehmen zu dürfen — dafür (um durch das Bezahlen teilzunehmen) aber nichts zahlen müssen. Der Vorgang des Zehn-Mark-Bezahlens ist völlig kostenlos und kostet auch nichts in einer anderen Währung.

Manche glauben die beste Währung für Kunst, sei die Tautologie: Aber nur weil sich etwas in einem Museum befindet, heißt das nicht, daß es Kunst ist. Doch — alles scheint sich scheinbar selbst zu definieren.

Wann ist es der Fall, daß ich erschrocken bin? Wenn ich z.B. nicht an etwas denke und dann (davon) überrascht werde. Überrascht durch etwas, meinem Denken Äußerliches, nicht Zugängliches? Wenn etwas da ist, ich es aber nicht in meiner Anwesenheit bemerke und mir dann rückwirkend eingestehen muß, ich hatte eine falsche Wahrnehmung. Dann folgt der oft schmerzhafte Prozeß der Eingliederung. Doch nach welchem Muster (welches System vervollständigend, bestätigend oder zurückweisend etc.), geschieht dies? Ganz so, als ob dies völlig automatisch im Hintergrund vonstatten ginge. Eine Eingliederung, eine Fügung provoziert einen Schnitt, ein systematisches Zerteilen — oder mittels des Teilens, sich zu einem System formenden, Gliedern —, einer bestehenden Struktur. Der erste Schnitt ist der tiefste — je schärfer jedoch die Klinge des Werkzeugs ist, desto sauberer die dabei entstandene Wunde.

Ich werde mich zum Beispiel erschrecken, wenn ich mich ganz gedankenversunken in einem Raum befinde und unvermittelt aus dem Gefühl des Alleinseins gerissen werde, sobald ich jemanden im selben Raum wahrnehme. Und was tue ich dann? Ich nehme diesen neuen Umstand zur Kenntnis und tue so, als wäre ich in das Zimmer gekommen und als hätte ich diese Person schon beim Eintreten wahrgenommen. Aber ich korrigiere auch meine vorherige Wahrnehmung.

Ändere ich die Situation durch so etwas wie eine nachträgliche Korrektur oder Ergänzung? Und was macht der andere? Er tut so, als hätte ich mich gar nicht erschrocken und gibt mir zu verstehen, daß ich auch bei der alten Situation bleiben könne und nicht nur seinetwegen jetzt etwas in meinem Verhalten ändern müsse.

Wäre etwas stets wahr, hieße dies keinen anderen Hintergrund (mehr?) zu haben, keine Hintergrundannahmen außerhalb dieses ›etwas‹ selbst.

Vergleiche funktionieren für mich in erster Hinsicht nicht inhaltlich, sondern strukturell; deren Syntax steht deren Semantik vor — ist das so? Manchmal wählt man Synonyme besonders wegen ihrer Schreibweise oder ihres Wohlklanges, oder der Varianz und der Abnutzung der bereits benutzten und benützten wegen, des kontrastierenden Potentials wegen etc. und stellt deren Bedeutung hinten an (an was?) — mehr noch: nimmt Verschiebungen, Verwechslungen, Verfehlungen etc. gerne in Kauf, um seine Möglichkeiten zu erweitern.

Oft sitze ich mit jemandem, spät Abends zusammen und dann wird gesagt »Das ist ja so wie …« oder »Das ist ja so als ob …« und dies reicht auch schon um einen Vergleich anzustellen, ohne auszusprechen, was verglichen werden soll. Denn dies ist immer beliebig einsetzbar. Wären nicht mindestens zwei Dinge untereinander vergleichbar, wäre die Welt wirklich vollkommen und lückenlos. Doch selbst dieser Modus muß sich einer möglichen Alternative stellen — und damit wäre ein Vergleich erneut unumgänglich. Unausgesprochen bleibt hierbei die Fähigkeit unterscheiden zu können, ob etwas mit sich selbst identisch sein kann. Doch so trivial ist dieser Unterschied gar nicht.

Ich würde gerne jemand anderem das Wort geben — aber ich bin mir nicht sicher, ob ich diesem damit Recht tun würde. Wer über sich selbst reden will, muß sich für ein bestimmtes Bezugssystem entscheiden.

Mir scheint, das Problem des ›Ich‹ und des Bezugs dazu (ob von mir selbst oder von anderen; also als erste oder dritte Person), ist ähnlich dem, beziehungsweise ist damit verbunden, wie ich die Geschwindigkeit des Zuges, in dem ich sitze, nicht anhand der Beobachtung, des neben mir fahrenden Zuges, festmachen kann. Da es keinen außerhalb des Beobachtungssystems verankerten Punkt für die Bestimmung meiner Fahrtgeschwindigkeit mehr gibt, unterliege ich dem täuschenden Eindruck, dieser Beobachtung entzogen zu sein. Das Abhandenkommen eines externen Bezugspunktes, ergibt eine neu geordnete Konstellation. Die Relation der sich gleichzeitig bewegenden Züge ergibt eine Beziehung zueinander. Dasjenige, welches ich als ›Ich‹ bezeichne, ist an beiden Enden dieses Maßstabes, doch immer ein Bewegliches, sich Veränderndes — die Stange, sozusagen, ließe sich nach allen Richtungen beliebig verschieben und ergäbe damit stets die ähnliche Illusion des gleichen ›Ichs‹.

Auch das Metall des Urmeters bleibt stets ein Meter, selbst wenn es sich durch Hitzeeinwirkung verformen oder wegschmelzen sollte. (War es vorher auch schon eines?) Es wäre etwa so, als ob ich die Bewegung oder den Stillstand aus der Relation der fahrenden Züge folgerichtig ableiten wollte. Ein vergleichbares Bild: Der Wert des Brotes und der Wert der Münzen während einer Inflation.

Es ist fast so, als ob man den Maßstab selbst zerstörte, indem/nachdem man den Stab des Messens brach — die Beziehung zwischen den Zügen (und damit bildlich gesprochen zwischen Welt und Wahrnehmendem, zwischen Subjekt und Objekt) läßt sich doch nicht auflösen, auch wenn ich deren Bezugspunkte beliebig zu verändern im Stande bin.

Wenn ich schon nie wissen werde, wo mein Leben hinführt und was der endgültige, also am Ende gültige, Sinn davon ist bzw. sein wird, was ich anstreben soll und was ich als Ziel ausmachen, was ausklammern sollte, so gibt mir der Gedanke, daß das Verhältnis, die Relation von mir, als sich stets veränderndem Selbst, zu diesem ebenso sich verändernden Ziel, doch stets die gleiche sein kann, eine gewisse Genugtuung. Wie das Verhältnis des Geldes zur Ware während der Inflation — ja, sogar die des Geldes zu seiner physischen Deckung, zum tatsächlichen Pendant; zum Gold zum Beispiel.

Wird nicht morgen gestern heute sein?

Die beste Rückwärtserzählung wäre die, welche erst am Ende zugibt, überhaupt eine Erzählung zu sein. Jene, welche ihre Grundlagen nicht schon vorher, z.B. mittels eines Prologes festlegt, sondern deren Ende in einer Erklärung mündet — welche natürlich bei entsprechender Betrachtung wiederrum nur eine ganz konventionelle anfängliche Vor-Stellung ist; sie wird ja rückwärtslaufend vorgetragen. Wenn eine Einleitung dazu, zu etwas gehört, so muß sie von Hinten durch ein Brückenelement mit dem Nachfolgenden verbunden werden.

Jede Geschichte und jede erzählte Geschichte ist zunächst einmal linear zu lesen, auch wenn die ihr zugrundeliegende Linearität aufgestückelt wurde oder sie gar sowas wie ›rückwärts‹ läuft.

Schaut man sich die Symbole der Tasten auf dem Videorekorder an, so zeigt das ›play‹-Zeichen nach rechts, links daneben ist die nach links zeigende Taste für das Zurückspulen (›RW‹ für ›rewind‹) und rechts neben dem ›play‹-Pfeil ist die Taste ›FF‹ für das Vorwärtsspulen (›fast-forward‹) — nach rechts zeigend. Das Zurückspulen aber erfolgt scheinbar in Echtzeit, nur eben rückwärts, während das Vorwärtsspulen um ein Vielfaches schneller abläuft (meist im fest definierten Faktor Zwei, Vier, Sechs etc.). Ein Multiplizieren des Originals in die Zukunft hinein; ein symmetrisches Aufklappen aus der Vergangenheit heraus.

Die Struktur des rückwärtsgewandten Schauens dieses Systems, ist eine andere, als die der vorwärtsgerichteten — sie ist eine zeitliche Umkehrung oder Spiegelung der normalen Abfolge, während das vorwärtsgerichtete Suchen als eine Modulation der normalen Zeitabfolge beschrieben werden könnte — die Zeitlupe ebenso.

Auch wenn man einen Film rückwärts montiert, verläuft der Schnitt nicht ebenso rückwärts und wird auch nicht rückwärts wirkend verstanden werden. Anders: Könnte man einen Film in seinen Szenen nach Vorne erzählen aber die Schnitte, die Brücken selbst, invertieren, zurück-wärts verlaufen lassen? Vielleicht ist der Schnitt beim Film der Naht eines Kleides vergleichbar, denn der Schnitt im Film ist ja auch ein Zusammenfügen, eine Nahtstelle der Montage, aus deren einzelnen Texturen der Film zusammengesetzt wird. Es ist ja gerade so, daß erst nach dem Schnitt (oder vor einem vorherigen), nach der Trennung, das Neue und Vervollständigende angefügt werden kann. Fast wirkt dies surreal.



Möchte man wissen, was es Neues im Jetzt gibt, könnte man sich das Beständige im Vergangenen dazu heranziehen.

Das Neue entsteht nicht nach dem Alten, gänzlich abgesondert und ohne Bedingung — es ist Teil des Alten und bereits darin als Möglichkeit angelegt. Und die Frage nach dem Alten führt uns zum noch Älteren, bis dahin, wo die Bedingung selbst als Spur eingebettet liegt.

Schon wieder dieser altbekannte Gedanke: »Nur noch dieses eine Mal und dann ist endlich Schluß.« Wie oft hatte ich ihn schon …? Ein wirklich ewiger Kreislauf.

Man sollte am Anfang wieder anfangen.

Also kommst Du zu mir und erwartest, daß ich dazu etwas sage. Doch ich muß Dich enttäuschen, denn Du weißt, ich kann es nicht.

Jeder Satz allein verstummt.

Ertappt man sich dabei, Kreise zu ziehen (fällt einem auf, daß man sich plötzlich wieder am Anfang befindet oder zumindest an einem bereits passierten Punkt), so fällt es dann nicht schwer einen Mittelpunkt auszumachen. Ein solcher ergibt sich folgerichtig, technisch präzise und korrekt platziert, aus den Umrissen und Rändern — quasi rückwirkend. Auch wenn man seine Kreise nicht in Bezug zu diesem Zentrum vorher geplant hat und sie eine Konsequenz solcher Berechnungen wären — ganz im Gegenteil zu den Berechnungen der Schwerpunkte von Körpern, deren Volumen und Form um den Schwerpunkt herum bzw. aus diesem heraus gebaut werden. Dies kann als Besteigung eines Berges zu seinem höchsten Punkt und deren Umkehr zur Startposition gedacht werden.

Wir müssten alles rückwärts gängig machen. Doch wenn selbst die Umkehrung an sich an dieser Forderung hängt, darin inbegriffen ist, stehen wir orientierungslos da.

Ich mag es, wenn jemand mit mir redet und zur Stützung seiner Argumente die Analogie der Sprache oder die der Sehwahrnehmung benützt. Denn beide spiegeln wunderbar die Fähigkeit wieder, sich ganz natürlich an bestimmte Bedingungen zu gewöhnen und diese gar nicht mehr als solche wahrnehmbar werden zu lassen. Eigentlich kann man gar nicht von einer Gewöhnung an etwas reden, denn man gewöhnt sich ja nicht aus einer bestimmten Situation heraus an eine andere, indem man diese beiden verschmilzt, vergleicht, a, kontrastiert etc. — sondern man ist bereits jederzeit unmerklich darin. An was soll man sich denn noch gewöhnen? An die Gewöhnung, das Gewöhnliche?

Wenn man dann aber nach langer Zeit, ohne vormals eine Sehhilfe getragen zu haben, seine neue Brille trägt und damit aus dem Arztzimmer hinaus auf die Straße geht und die Zeiger der Kirchturmuhr sieht und sich dabei denkt: »So sehen also alle anderen diese Ziffern! Ich dachte ich hätte die ganze Zeit gut gesehen und die anderen eben auch so!«, merkt man erst, an was man sich die ganze Zeit lang gewöhnt hatte — oder eben auch nicht.

Nicht nur durch unscharfes, auch durch übermäßig scharfes Sehen kann der Eindruck des Schwindels entstehen.

Wir sehen uns auch nicht allein. Unmerklich. Und dann hält man eine Fotografie in den Händen, 20, 30 Jahre alt und denkt: »Was ist geschehen? Wie kann ich dieses Gesicht sein? Wo ist sie hin, die verlorene Zeit?« Das Werden selbst wahrnehmen — anhand von Auschnitten, Momentaufnahmen? Man springt von Punkt zu Punkt und füllt die Lücken mit allerlei Fragen auf.

Grenzgänger sein, der die Grenzen nicht souverän übersieht, überspringt, verschwinden läßt, sondern sie sichtbar macht, um sie auf beiden Seiten begehbar zu belassen. Was man hört, aber nicht vernimmt, was man sieht, aber nicht wahrnimmt. Niemand hatte je die Absicht, hier eine Grenze zu postulieren. Als könne man sich die Grenzen seiner Welt selbst wählen …

Besteht etwas nicht aus etwas anderem, so bestünde es aus sich selbst. Dieser Zustand kann aber nicht mehr als Eigenschaft selbst begriffen werden, da eine Eigenschaft stets als etwas Externes geführt wird.

Ich komme nach Hause, trete durch die Tür und bin privat. Aber alle meine Argumente werden es auch. Und morgen, wenn ich durch die Tür in die Öffentlichkeit trete, muß ich bedenken, daß meine Gedanken und Argumente es auch sind — obwohl sich bei ihnen (im Wortlaut zum Beispiel) gar nichts ändert. Öffentlich sind sie uneingeschränkt, privat sind sie eingeschränkt; da gefährlich, hier beliebig, ungehindert und gebunden — gut, so.

Zu Hause bin ich ruhig und die mich umgebenden Dinge laut — bin ich unterwegs, kommt es mir vor, als seien die Dinge still, etwas in mir dagegen aber laut. — Und dies scheint auch der Grund dafür zu sein, warum ich von zu Hause weg muß, um unterwegs zur Ruhe zu kommen und um manches anpacken zu können, welches zu Hause ungreifbar bliebe. Manchmal muß man die Dinge erörtern und erfahren; nicht im stillen Kämmerchen, sondern da Draußen. Man kann besser zu den Dingen kommen, läuft man ihnen entgegen und wartet nicht darauf, sie kämen auf einen zu. Die wenigsten haben die Geduld, an den Ufern eines Flusses zu leben und mit seinen Strömungen zufrieden zu sein, gelegentlich jemanden ans andere Ufer zu befördern.

Willst Du Dich entfernen, so mußt Du hierher kommen.

Komisch: Immer, wenn mein Bleistift stumpf ist, sind es meine Notizen auch. Aber ganz stumpf kann er gar nicht sein, denn sonst könnte ich ja nicht einmal dies hier schreiben. Die wirklich stumpfen Notizen sind tatsächlich un(be)schreibbar. (Aber: Es geht immer noch stumpfer; wie die Bleistiftschattierung einer Zeichnung, immer noch dunkler sein könnte, im Vergleich zur vorherigen Version, als man noch nicht wieder darüber hinweggefahren war.) Bis diese ursprünglichen Notizen, vielleicht selbst eine Zeichnung werden, ein Fleck, ein zitteriger, breiter Strich. Sie können sich ganz in das Papier fressen, bis sie aufgrund ihrer überlagernden Penetranz eine Negativform bilden, die den Blick durch ihren Träger hindurch, auf etwas dahinter, freigibt. Natürlich könnte man auch, an all dem vorbeischauen, aber dafür wäre eine Änderung der eigenen Position nötig. So sind sie nur aufgrund des sie umgebenden Materials in ihrer Leere erkennbar. Das Sich-Selbst-Zeichnen ist insofern eine Auszeichnung.

Ich denke, das Besondere am Reisen, am Unterwegssein, ist die schlichte Tatsache, daß man selbst still steht oder sitzt (wie im Bus oder in der Bahn) aber dieser Moment weitergetragen, befördert wird. Man bleibt, im guten Gefühl vorwärtszukommen, an gleicher Stelle sitzen.

Ich kann mir (leider) nicht behelfen, aber die Menschheit ist für mich: »All die Menschen, die ich kenne.« Weiter reicht meine Sicht nicht; so als wäre die Geschichte all dies, was in den Büchern steht, die sie beschreiben. Wer etwas anderes sagt, lügt demzufolge.

Schaue ich mir die Geschichte an, so sehe ich anstatt von Prinzipien nur Erzählungen. Sind sie das gesuchte Prinzip?

Spräche jemand von einem guten oder von einem schlechten Buch, woran hingen seine Beurteilungen? Ginge es darum, Schilderungen geschichtlicher Ereignisse auf ihre Richtigkeit, ihre Wahrheit hin zu überprüfen, woran hinge das Ergebnis solcher Stellungnahmen? Hinge es daran, was geschehen sei, ohne das, was nicht geschehen sei, zu beachten? Wäre ein als gut besprochenes Buch oder Werk aufgrund dessen, was erwähnt wird, gut? Oder aufgrund dessen, was nicht ausdrücklich erwähnt und ausgelassen wird, dem Hinweis auf Leerstellen? Oder gar aufgrund des Fehlens eines solchen Hinweises?

Das nicht Erwähnte ist gleich neben dem Erwähnten — niemand könnte sich eine Seite aussuchen, ohne nicht auch den Rest in Anwesenheit dabei zu haben, unverhüllt … selbst wenn diese Hülle sich bei einer strengeren Überprüfung als leer herausstellen sollte. Doch aus was sollte sich etwas herausstellen?

Nach Außen hin scheint mir eine Entwicklung, ein Fortschritt, natürlich möglich, aber alles in diese Richtung Strebende muß auf Grenzen stoßen. Mit diesen im Huckepack oder im Gepäck, kann man sich nur noch mühsam und schleppend bewegen — selbst in umgekehrter Richtung. Mich (oder auch jede andere Person) betrachtend, scheint ein nach Innen vollzogenes Fortschreiten, Ent-Falten, Ent-Wickeln in die Unendlichkeit möglich — selbst mühelos, wenn man dies nur wünscht. Natürlich läßt sich eine solche Gegenüberstellung nur billig konstruieren … es werden zwei unterschiedliche Maßstäbe angelegt. Und ein weiterer dritter, der mir sagt, daß diese zwei unterschiedlich sind.

Ich habe einmal bei einem Nachfahren eines berühmten englischen Zoologen gelesen, das Bewußtsein sei ausschließender Natur. Es wurde behauptet, alles sei im Grunde wahrnehmbar, nur filtere unser Bewußtsein partielle Elemente in seiner spezifischen Wahrnehmung heraus, um nicht von der Ganzheit des Seins überfordert zu werden und um dadurch erst überlebensfähig zu werden, beziehungsweise zu bleiben. Und genau jene verschlossenen Pforten der Wahrnehmung müssten nun wieder gereinigt werden — im Traum finden wir sie weit offen, im Wachzustand müssen sie mit Gewalt eingetreten werden. Und dann kann subjektiv zwischen diesen beiden Zuständen gar kein Unterschied mehr ausgemacht werden; nur noch in der äußerlichen, externen Betrachtung.

Wie verblüffend es doch anmutet, daß der Wachzustand selbst die erlebten Träume im Nachhinein zu filtern im Stande ist; und selbst wenn er uns dieser potentiell offenstehenden Möglichkeiten der Erkenntnis nicht beraubt, so werden diese doch zumindest, von dieser Art des Bewußtseins, verwaltet und kommissioniert. Doch wer hat die Kraft, sich ohne fremde Unterstützung, einer solchen Instanz konfrontativ entgegenzustellen? Bestünde generell die Möglichkeit der nachträglichen Revision, könnte man sich alles nur erdenkliche erlauben.

Was ist Teil von etwas anderem, was worin verschachtelt? — möchte man sich so ausdrücken. Er bezog sich auf einen anderen Engländer und wiederrum andere Engländer auf ihn und auf seinen Bezug. Vor was sollten wir noch Angst haben? — Ja sicherlich, sie werden öffentliche Plätze und Schulen nach uns benennen … doch nicht hier, sondern auf einer anderen Insel.

Ja: Bilder entsprechen der Realität. Aber zu glauben, indem man die Bilder zur Seite rückt, anzweifelt oder deren Position unverändert läßt und nur ihre Transparenz abändert, könne man die sie bedingende Realität dahinter erkennen, scheint mehr als trügerisch zu sein. Die Bilder sind die Realität — auch ohne materielle Manifestationen derer, blieben immer noch die Projektionen eines Bildes übrig. Wie in einer Kamera, alle aus ihr möglichen Bilder stets enthalten und jederzeit abrufbar sind. Zu glauben, die Bilder loswerden zu können (sie als Ergebnis der Realität zu betrachten …), entblöße automatisch das Echte und reinige das Verstellte, klärte es — dies ist eine Illusion.

Selbst im Falle eines Verlustes, verschwindet kein einziges Bild — es gesellt sich zu all jenen, welche auf ihre Trächtigkeit warten. Jedes Bild scheint in jedem Kontext tragbar. Die Bedingung eines Tragenden, ist ein in ihnen selbst nur selten verankerter Zusatz.

Du selber mußt die Fernbedienung loswerden.

So wie ich die Bilder als Ausgangspunkt hernehme, als Podium oder Sprungbrett, so tue ich es mit getätigten Kommentaren, vorgefundenen Zitaten und Fragmenten auch — ohne diese allzu ernst zu nehmen, ohne mich allzu abhängig von ihrem Gebrauch zu machen im weiteren Verlauf — also entweder während des Sprungs in Richtung des kalten Wassers oder während des Posierens auf dem leicht erhöhten Podium unmittelbar davor. Mir schient diese Haltung einer Präventivmaßnahme vergleichbar.

Analogien zu benutzen ist wie am Wegesrand oder in einer fremden Stadt jemanden nach dem Weg zu fragen und dann anhand der Beschreibung (und der Reaktion des Beschreibenden: zögert er, ist er sich gleich sicher, wie beschreibt er die Route und so weiter) die Wahrscheinlichkeit der Richtigkeit der Auskunft abzuschätzen.

Ich fühle mich wie ein Wanderer, der durch die Länder zieht und sich an die Sitten und die Sprachen gewöhnen muß — jetzt noch trage ich nur jene mir wohlklingenden Laute und Ausrufe, die den meinen ähnlich sind, zusammen; verstehen kann ich sie nicht. Nur bestimmte Muster fallen mir auf, diese sammle ich und hoffe dennoch, später durch die Montage dieser ein Bild jener Länder abzeichnen zu können. Aber vielleicht sind jene Schnipsel — wenn ich oder ein anderer Kundiger sie (inhaltlich) verstünde — die unbedeutendsten Artikulationen jener Sprache und ich bin auf ihren Wohlklang reingefallen, weil sie doch den meinigen so gleichen?

Mithilfe der eigenen Sprache, von unbedeutenden Ausdrücken einer anderen Sprache zu reden, schwächt nicht nur die vermeintlich unterlegene, sondern zugleich auch die, aus welcher eine solche Moral heraus, postuliert wird. Wir reden hier von Sprache.

Ich bin wie ein Schwamm, der, wo immer er hingelegt wird, alles aufsaugt — manchmal fühle ich mich als noch ungesättigter Schwamm.

Schaut man sich ein in einer bestimmten Schriftart geschriebenes Wort an, so kann man ohne große Mühe, aus diesen wenigen Lettern, auf das Aussehen anderer Lettern schließen. Denn diese, zum selben Font, zur selben Schriftfamilie gehörigen Zeichen, stehen nicht nur zufällig in einer bestimmten Beziehung zueinander — es besteht dazu auch innere Notwendigkeit. Oft sind sie sogar ineinander verschachtelt, verstrickt — kleinere Buchstaben sind Teile von größeren. Ein gemeinsames Merkmal dieser Teilgruppe führt uns zu ihr verwandten, ableitbaren; und diese (beiden) zu weiteren, so daß man durchaus auf ein System stoßen kann, von dem das einzelne Wort in jener Schriftart, nur ein stellvertretender Ausdruck ist — ›pars pro toto‹. Denn eine Schriftart wurde schließlich gemäß eines vereinheitlichenden Systems gestaltet — hierarchisch von oben nach unten verlaufend. Schön, wie manche Zeichen ihre ursprüngliche Verknüpfung als Abbilder der Umwelt zu verbergen suchen und sich von den Dingen lösten, die Freiheit des beliebigen Austausches, der rotierenden Belegung dabei ermöglichend. Diese Magie wohnt nun den Wörtern inne, zumeist der gesprochenen Laute.

Wie verhält es sich mit Handschriften und Ähnlichem?

Beim Erlernen einer neuen Sprache kennt man die fremden Ausdrücke oder Teilausdrücke bereits — viele klingen den eigenen ähnlich oder werden ähnlich geschrieben. Es kommt darauf an, diese Vertrautheit in ein neues System zu bringen, die Verbindungen gemäß der noch unbekannten Sprache zu ordnen und die Beziehungen untereinander zu erlernen.

Welch Glück, daß man schon eine Sprache parat hat, welche hierfür posieren kann und welche man nie lernen mußte — als Muttersprache ist sie einfach da.

Man hat das Gefühl, die Körper der Menschen würden ein- und ausgeblendet werden. Bleiben können sie nicht, sie sind unbeständig. Ist man dann geneigt zu denken, die Seelen oder die Gedanken, könnten darüber hinaus bestehen? Obwohl sie im Prinzip mit jedem Augenblick, in jedem Moment kommen und gehen, haben sie das ›Zeug‹ dazu, über die Zeitdauer der körperlichen Träger hinweg zu überdauern und mit jedem neu eingeblendeten Körper weitergetragen zu werden, über den Dingen zu schweben, zwischen den Individuen zu kleben.

Wie man vielleicht Gedanken faßt — so als gäbe es sie unverändert und unabhängig vom Fassenden (wie Fische ohne Fischer) —, fassen Menschen Ideen. Die Frage ist, was für eine Art von Netz dafür nötig wäre. Sollen die Maschen groß sein oder lieber eng, das Netz klein und handlich oder groß? Manche Gedanken faßt man lieber mit einem kleinen aber engen Netz, andere Netze läßt man weit und flechtet sie sehr großmaschig. — In welchem Netz wohl dieser Gedanke hängengeblieben ist? Durch welche Löcher er wohl hindurchschlüpfte?

Die Ausformulierung eines Gedankens ist vielleicht ähnlich der Vorgehensweise, welche ich beim Ausdruck und Abdruck meines Schmerzbewußtseins, mittels eines Schlages oder Trittes auf die Tastatur der Schreibmaschine benutzen kann — ob ich mich nun aber dabei zusammenreiße und ein »Aua!« komponiere und zustande bringe, ist doch im Prinzip egal; es sei mir alles recht, auch dieses allgemeinverständliche »Aua!«. Jedoch auch ein »aau-à« oder vieles anderes mehr — ja wirklich alles, sich daraus ergeben Könnende! Selbst mein müder Kopf, der sich neigend auf die Tastatur drückt, sei mir recht.

Natürlich könnte ich auch die Tasten neu anordnen, so daß mein gleicher Faustschlag ein erkennbares »Aua« hervorrufen kann. Ich könnte die getippten Zeichen optimieren, hätte ich denn ein Ziel. Wäre denn ein Zerschlagen, Zertrümmern der Maschine auch ein solcher Ausdruck meines Schmerzes? Ja: Für mich durchaus, denn diesen Ausdruck konnte ich ebenso absehen und verstehe ihn momentan auch sehr wohl — für jemand anderen, mag es aber nicht in der gleichen Weise gelten können. Es sei denn, wir näherten uns aneinander an, den selben Standpunkt teilend.

Hasennetze sind da um der Hasen willen; hat man die Hasen, so vergißt man die Netze. Worte sind da um der Gedanken willen; hat man die Gedanken, so vergißt man die Worte. Soweit alles beim Alten, aber wo fände ich einen Menschen, der die Worte vergißt, auf daß ich mit ihm reden kann?

Gibt es Fragen, deren Antworten ›ja‹ und ›nein‹ zugleich richtig sind?

Ist der Mensch so geschaffen, daß er sich selbst töten kann? Wenn ein Mensch ohne Hilfsmittel — also vollkommen nackt in einer Blase gefangen wäre — könnte er sich in einer sonst auswegslosen Situation selbst umbringen? Würde er versuchen sich zu erwürgen, fiele er nur immer wieder in Ohnmacht; das gleiche, würde er den Atem anhalten. Vielleicht könnte er, nach einiger Zeit, wenn die Fingernägel lang genug sind, sich damit lebensgefährlich verletzen? Wahrscheinlich ist er aber, wie alle anderen Tiere auch, nicht in der Lage, aus sich selbst heraus seinem Leben ein Ende zu setzen, sondern bedarf immer Hilfsmittel wie Messer, Stricke, Schluchten etc. dazu.

Wäre es möglich, sich die Art seines Sterbens auszusuchen, so gefiele mir die Idee, sich just den Moment des Liebesaktes auszusuchen — einen Höhepunkt überwindend. Und damit wäre der kleine und der große Tod nicht ein und das selbe, aber zumindest näher beieinander.

Nicht einmal ein superschnelles deutsches Auto kann einen Unfall verhindern — selbst ein Rettungswagen ist von einer Kollision nicht ausgenommen. Und dann ist es doch ein einfaches, mit Luft befülltes Kissen, welches einen vor dem harten Aufprall beschützt. Und man steigt aus und rettet doch noch seine Welt.

Flüstert man mir etwas zu, glaube ich es lieber, als wenn man mir das gleiche mithilfe eines Megaphons ins Ohr pressen würden.

Ich habe mir überlegt, ob es nicht besser wäre, zu all jenen Dingen und Verhältnissen, über die ich nichts oder nicht genug weiß (angelehnt an welchen Maßstab?) — ausgenommen dieser Spekulation natürlich —, auch nichts zu sagen, anstatt mich mit all den kurzen Ansätzen und dem spärlichen Halbwissen in solche Diskussionen einzumischen. Doch was ist mit dem professionellen Schweigen? Was könnte ich hier tun, um mich nicht einzumischen? Und dann darf ich jene Sachen, deren Ausmaß sich eben erst durch jedwede Artikulation bestimmen lassen, nicht vergessen.

Einfach aufzustehen und zu gehen, sich weg bewegen, sich entfernen — manchmal (aber auch immer öfter) treibt mich dieser Gedanke in die Enge. Was gibt es den Leuten und mir nicht? Was bestärkt sie und läßt mich im selben Zuge zweifeln? Dieses Schauspiel an Diskussionen und Meinungen — welche Relevanz haben sie? Was ist die Verbindung zu ihrem Inhalt? Und wieso meine ich nicht dazuzugehören? Tue ich es? Müßte ich dann mehr oder weniger tun, um nicht mehr daran teilzunehmen — wollte ich mir einen Spalt offenlassen?

Das ist ähnlich dem, was ich einmal von einem Philosophen hörte, der von einem Jungen hörte, der angeben sollte, ob die Zeitwörter in gewissen Satzbeispielen in der aktiven oder der passiven Form gebraucht seien, und der sich nun darüber den Kopf zerbrach, ob z.B. das Zeitwort ›schlafen‹ etwas Aktives oder etwas Passives bedeute. Doch was ist ähnlich dem?

Die von der Erleuchtung provozierte Dualität (die sie auflösen und ständig überwindet haben möchte?), äußert sich in der von ihr initiierten Vorstellung, diese fände in der Zukunft statt oder fand bereits in der Vergangenheit statt — und mit dieser Formulierung hätten wir wieder jene aufzulösende Dualität, von der wir vorher sprachen. Aber die Bedingung der Möglichkeit der Überwindung liegt in der provisorischen Dualität, der Aufrechterhaltung von reinen Möglichkeiten. Man fordert ja auch nicht ›per se‹ immer etwas neues, sondern beharrt auf der reinen, allgegenwärtigen Möglichkeit des Neuen. Erleuchtet zu sein, hieße eben sich auch um die Bedingungen dieses Wertes zu kümmern und sich dieser Aufgabe nie zu entledigen.

Stünde man hoch oben auf dem Mast, hätte man eine wunderbare Übersicht und erblickte gewiß als erster die Küste, jedoch kann man keinen Schritt mehr zur Seite machen. Ein Bambus ist biegsam, weil er ständig dem Wind ausgesetzt ist und von diesem tagtäglich gebeugt wurde, wohingegen eine deutsche Eiche tief im Boden verwurzelt ist, aber weit weniger flexibel bei starkem Wind oder Sturm.

Das Problem der Erleuchtung ist eine Frage des Wahrheitswertes der Aussage diesbezüglich.

Sich einer Aufgabe stellen.

Oft hört man jemanden »Ich gebe auf.« sagen. Ganz so, als wäre danach nichts mehr, als schneidete man etwas damit ab. Und wirklich scheint diesem Ausdruck etwas zu fehlen, ein Substantiv etwa, denn was gibt denn derjenige schließlich auf?

»Hast Du was zum Schreiben?« kann auch auf Unterschiedliches verweisen. — Wie könnte man dazu kommen, die ›Aufgabe‹ zweifach zu verstehen?

Sobald das eine durch ein anderes ersetzt wurde und man dabei nicht richtig zuschaut, verliert man schnell den Überblick über die vormals klar voneinander getrennten Dinge. Oft hilft nur ein vollständiges Zurücksetzen. Wie man Dinge wieder in die Kiste packt, diese verschließt, schüttelt und sich mit einer sauberen Neuanordnung des Inhalts zufrieden gibt.

Die Hütchenspieler lassen nicht nur die Kugel verschwinden, sie selbst verschwinden plötzlich auch.

Allein schon das Geben in der Aufgabe deutet auf eine aktive Handlung hin, weniger auf ein endgültiges Einstellen solcher Wünsche. Das Geben erinnert mich stets an diejenigen Geschenke, welche man weder gewünscht hatte, noch ihrer bedarf, welche aber von jemandem an andere weitergegeben werden und denen man sich unfreiwillig annehmen muß. Geschenke sind Ausdruck eines Wunsches, einer ethischen Haltung, welche sich von Außen aufzwängt.

Wenn niemand über Züge redet, was fährt? Die Bewegung bewegt sich nicht, ist aber in Bewegung.

Es scheint durchaus mehr Gründe zu geben aufzuhören, als weiterzumachen. Der einzige Grund weiterzumachen, ist der in die Zukunft verschobene Punkt des Aufhörens. Man bereitet sich einen Rollweg aus Kiesel, dem Abgrund entgegenlaufend — mit genügend Schwung schafft man es vielleicht einige Sekunden lang in der Luft zu hängen.

Dieses automatische »Aha!«, das Erstaunen, wenn man seine Stimme als Aufzeichnung hört, oder wenn man sich in einem Bild, im Spiegel erkennt — und zwar immer dann, wenn das alte Bild, an das man sich gewöhnt hatte, angezweifelt, geändert, ersetzt wird; wenn man zu einem anderen übergeht — wie erleuchtend und reinigend diese spärlichen Selbsterkenntnisse sind …

Eine Aufgabe hat viel mit einer Ersetzung gemein. Denn das Aufgegebene hat Platz gemacht für etwas noch Unbesetztes. Ein Tausch hat stattgefunden. Doch bleibt die Frage, ob das Aufgegebene wesentlich ist oder ob dies ein Beliebiges sein könnte.

Die Philosophen sind wie Treibhäuser, in dem die Samen künstlich aufgekeimt und gezüchtet werden. In der Natur wäre der Wuchs wilder — so wie er, vor deren Kultivierung, auch schon war — und die Früchte gesünder und die Abwehrkräfte gegen Schädlinge erheblich vitaler. Die Parallele zu Käfigpapageien, die freigelassen schnell desorientiert wären und verenden würden, ließe sich hier anschließen.

Schade, daß man philosophische Gedanken nicht wie Samen streuen kann und dann nur zu einem späteren Zeitpunkt wieder kommt, um deren Früchte zu ernten.

Wenn man etwas in den Mittelpunkt seines Lebens stellt und nicht dazu fähig ist, es zu nähren und zu befruchten, kann es alles andere vergiften. Das kann so etwas wie eine simple Idee sein oder die Perspektive, die man auf sich selbst und die Welt um sich herum hat.

Ließen sich Gegensätze mittels Quantifikationen ihrer selbst auflösen? Von einer heterogenen, dualistischen Zweiheit, zu einer homogenen Vielheit? Die Idee eines Gegensatzes, durch Quantifikationen seiner selbst, durch unaufhörliche Addition immer mehrerer Gegensätze auflösen? Viele Gegensätze sind wenige und unendlich viele Gegensätze sind gar keine Gegensätze.

Aus Quantität kommt ja bekanntlich Qualität — und ich habe das schon so oft gedacht, daß es mittlerweile sogar stimmt.

Wenn ich schon nicht dogmatisch sein darf in meinem Vorgehen aber jedes Mal darauf beharre, doch Recht zu haben, wie also könnte ich mein Anliegen überzeugend vermitteln?

Überfluß und Überschuß als Gegenpole verstanden? Ein Überschuß als Vorrat — aber von was? Wörter der Sprache als Vorrat zum Bau von Sätzen verstanden wissen.

Ein Wunsch von mir ist es, einen Brief, einen Satz, ein Bild, ein Pola herzustellen, ohne eine Implikation zu provozieren. Wie schafft man das? Ohne etwas zusätzlich zu meinen. Ohne dem Betrachter und Zuhörer das Gefühl zu geben, es sei etwas mehr dahinter. Ohne einen Versuch des Dahinterkommen-Wollens zu provozieren. Im Kontrast dazu: Wie formuliere ich einen Satz etc. ins Unendliche? Mit einer sich selbst verschachtelnden, implizierenden Kette? Wäre es denn noch ein Satz im gewöhnlichen Sinne? Wie könnte ich dies, bei einem Bild, einem Symbol, einem einzigen Wort etc. machen? Die Gewöhnung wird durch den sich stest im Ablauf befindlichen Prozeß neu definiert, in Frage gestellt.

Die Frage, was die Botschaft, die Lehre und was die Interpretation, das ›blow-up‹, die Hineinlegung ist; wann dies zusammenfällt? Wann kann man von dem Gleichen reden?

Wie ein Punkt gleichzeitig auf zwei Geraden liegen kann, indem man sich ihn in der Überschneidung dieser denkt.

Wenn ich etwas, z.B. ein kleines oder kurzes Zitat, hernehme und benutze, ohne eine Angabe, wie dies zu verstehen wäre (ohne Erklärung), und der Leser dennoch etwas versteht (also wenn man eine Etappe überspringt; ähnlich der Merkmale einer Pflanze, die sich erst nach einer periodischen Auslassung wieder in abständigen Generationen zeigen), so käme mir dies gut und zweckmäßig vor. Denn schließlich möchte ich in diesem Fall nicht das Verstehen des Zitats und der Erklärung benutzen oder bezwecken — oder gar die Erklärung selber — sondern eben nur das offensichtlich Gegebene. (Könnte man dies einen analytischen Anspruch nennen?)

Es ist ja schließlich auch nicht der Rausch das Wichtige, sondern das dabei Wahrgenommene. Dies ist zu trennen. Es ist in ähnlicher Weise erneut herauszufiltern, wie dasjenige, welches den Rausch bewirken soll, vormals ebenso von seinem Hintergrund herausgetrennt und isoliert wurde.

Wenn man nie aussteigt, dann kommt man auch nie an. Selbst wenn man dauernd im Kreis fährt (oder fährt man immer geradeaus ›auf‹ dem Kreis, anstatt kreuz und quer, innerhalb seiner Begrenzungen?), kommt man nie an, auch wenn man aussteigt. Aber das wäre nicht das gleiche Aussteigen, wie bei der Fahrt am Anfang. Aber selbst hier kann es sein, daß ich, wenn ich nur lange genug immer vorwärts fahre, beim Ausgangspunkt (wieder) aussteige. Sollte man sich rausschmeißen lassen, seines Platzes verweisen lassen, den Kreis verlassen? — Sicher, man würde bestimmt interessante Gegenden mitunter zufällig sehen und kennenlernen dort draußen — nur mit dem Unterschied, sich für diese Reise niemals freiwillig entschieden zu haben.

Ist jemand über alle Berge, so bräuchte man nur an einem beliebigen Punkt seiner vorherigen Route auf ihn zu warten.

Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.

Weniger ist Zukunft — noch ein bißchen weniger und wir haben unsere Zukunft.

Ich habe den Verdacht, mit Jesus und Buddha und Allah, verhält es sich nicht anders, als mit allen anderen Ansätzen auch — sie alle zusammengenommen sind Entschuldigungen, erfunden, um das Spiel der Bezüge und alle philosophischen und religiösen Gedankenversuche auf etwas Großem fußen lassen zu können. Bedarf es solcher Fiktionen als Fundamente, Sockel?

Wie oft geschieht dies ebensogut, wenn sich ein paar gebildete Leute zu einem Kreis zusammensetzen und schon nach dem zweiten, dritten gesprochenen Satz, ihr vorgesetztes Thema verlassen haben und schon wieder über diejenigen Dinge reden, in genau dem Stil, zu dem sie alle abgerichtet wurden und den sie so selbstverständlich beherrschen. Autisten unter sich.

Der Ausgangspunkt, der ja auch das Thema der Diskussion sein sollte, ist ihre untereinander stillschweigend ausgemachte Entschuldigung, so zu reden und sich reden zu hören und jeden anderen reden zu lassen, wie sie es so gerne immer wieder tun. Eine Performance, ohne dabei etwas zu durchstoßen.

Je mehr sich eine Gruppe (schon vorher) einig ist, desto mehr reden die Mitglieder, desto besser kennen alle ihren und den Text der Anderen und den Moment des Einsatzes, die Pausen, die Struktur, die Partition. Selbst die Zweitbesetzung bleibt hintergründig austauschbar.

Halten wir uns doch solange in den besten oder zumindest in den guten Lügen auf, bis wir eine Wahrheit finden. Aber die haben wir schon lange, denn von ihr aus haben wir uns die schönen Lügen gestrickt; erst durch sie können wir überhaupt von Lügen sprechen. Haben wir sie nur vergessen? Oder sind es gar keine Lügen — täuscht etwa die Wahrheit wahrhaftig über sich selbst? Das klänge absurd. Aber es ist schließlich auch egal wie etwas im Moment klingt, denn etwas klingt immer und immer kann ich etwas als klingelnd, als Klingendes wahrnehmen, benennen, bezeichnen, bezichtigen, oder im Stadium des Noch-Nicht– oder Nicht-Mehr-Klingens betrachten — gerade weil etwas nicht klingt, als nicht klingend … Was wäre ein Heilmittel ohne einen Kranken, den es heilen würde? Und schließlich: Wären alle vormals Kranken geheilt, vergäße man rasch die Funktion der Heilmittel. Es bliebe nur eine Bezeichnung übrig, die niemand mehr richtig verstünde. Aber wiederum: ohne Lügen auch kein Begriff von Wahrheit. Wo stehen wir?

—Ich hatte es nicht zustande gebracht, zweimal zu lügen. —Wir hatten es nie geschafft, nur ein einziges Mal zu lügen. —Ich lüge Dich nur einmal an. —Wir haben ein einziges Mal gelogen.

Darüber werde ich jetzt mal nachdenken.

Ja selbst der Nationalismus braucht eine andere Nation um wirken zu können!

Das Bewußtsein ist wie ein Scanner, der, wenn er genug Leuchtkraft hätte, alle Aspekte der Welt erfassen könnte. Wäre alles mit allem verbunden, würde auch ein Ding allein reichen um mittels dieser Kettenbeziehung auch tatsächlich alles andere zu erreichen.

Seltsam, daß ein Schauspielstudent bei seinen Prüfungen danach geprüft wird, wie gut er eine andere Rolle spielt, wie überzeugend er seinen eigenen Charakter in den Hintergrund stellt um die fremde Rolle mittels einer Illusion darzustellen und nur Dialoge, Monologe und Wörter eines anderen Menschen, der ebenso nur eine fiktive Rolle mit seinen Charakteren zum Ausdruck bringt, verkörpert. Dazu wird er geschminkt, agiert auf einer Bühne innerhalb einseitig konstruierter Kulissen und wird von Scheinwerfern bestrahlt — natürlich kann er bestimmte Merkmale seiner Physiognomie, seiner Stimme und so weiter, nicht völlig verbergen. Aber es ist nicht eine Prüfung, die seine eigene Meinung, seinen momentanen Erkenntniszustand etc. testen soll, sondern das Vermögen, etwas vorzugeben, was er selbst nicht ist. Oder wird er danach beurteilt, welchen Kompromiß er darstellen kann, zwischen einem, der vorgibt und einem, der ist, zwischen der Rolle und ihm als Person ohne Rolle — welchen Schnittpunkt er sich durch den Leib wählt? — Vergleichbar einer gut gespielten schlechten Szene, einem Rauschen in hochwertiger Aufnahme und Wiedergabe, einem unsauberen Ton sauber spielen.

Auch wenn ich Schauspielern zuhöre und ich darüber im Bewußtsein bin, diese sprechen einen auswendig gelernten Text, so meinen ich bei einem mir bekannten Thema, bei Inhalten die mir von selbst etwas sagen, diese Schauspieler würden alles Gesprochene improvisieren.

Wenn ich zwei Vöglein wär’ und vier Flügel hätt’, so flöge die eine Hälfte zu Dir und die andere blieb’ bei mir.

Wäre es möglich, daß ich der einzige Mensch auf der Welt bin und alles andere, alle meine Freunde und so weiter nur eingebildet, nur ein ziemlich überzeugendes Resultat meines Geistes sind? Wäre das denkbar? Denkbar schon, denn es läßt sich keine Beschränkung im Denkbaren ausfindig machen. Schade nur, daß es dann nicht noch mehr solche Leute, wie mich gibt! Aber wenn dies so wäre, dann wäre ja auch genau jener Gedanke, jene Idee, daß es nur meinen Geist gibt, auch eine ebensolche Einbildung, oder nicht?

Ja, auch die Idee, daß die Idee eine Einbildung sei und so weiter, immer fort … ein Traum in einem Traum in einem Traum und so weiter. All dies findet man immer wieder vor, sei es in Büchern oder in Gedanken oder in Träumen.

Immer, wenn ich die Augen schließe und die Welt da draußen nicht anschaue, habe ich das Gefühl, sie ist jedes Mal eine andere als sie davor gewesen war.

Wurde etwas ersetzt oder verändert?

Ich habe das Gefühl, gerade dadurch falsch zu liegen, daß meine Äußerungen stets voreilig (und überstürzt) getroffen worden sind.

Würden wir morgen, über Nacht, alle nackt aufwachen und alle unsere Fabriken, Universitäten, Lager, Geräte etc. — wäre all dies plötzlich verschwunden und wir lebten in einem gewissen nachgeholten Naturzustand, wie lange würde es wohl dauern, wieder all jene Dinge und Errungenschaften unserer, so lieb gewonnenen Zivilisation wieder aufzubauen? (Doch wer ist ›wir‹?) Wenn uns alles genommen ist, außer unserem Wissen über die Dinge, deren Herstellungsprozeß, deren Aufbau und so weiter, würde es genau so lange dauern diese wieder herzustellen, als dies vorher gedauert hatte, oder wären wir schneller, da wir schon das theoretische Wissen darüber vorliegen haben?

Wie lange würde es dauern, all diejenigen kleinen Fabriken aus rohen Holzbrettern zusammenzubauen, die für die Herstellung jener Kleinteile nötig sind, mit denen man dann z.B. die Bestandteile einer Dampfmaschine herstellen könnte um dann wieder andere Komponenten für komplexere Dinge herstellen zu können? Würden wir wieder an den Vorabend unseres Verlustes gelangen oder würde die Entwicklung, trotz unseres gemeinsamen Wissens um die letztendlichen Möglichkeiten des Fortschritts, eine andere Bahn nehmen und zu ganz anderen Errungenschaften führen?

Wie steht es dann mit der Philosophie und wieso wäre eine solche Ersetzung in der Fragestellung (›Wissen‹ mit ›Philosophie‹) angebracht? Auch wenn ich die bis dato erreichten Geistesanstrengungen und Errungenschaften kenne, wie schaffe ich es, diese aus einem Rohzustand nachzuvollziehen und aus mir selbst heraus aufzuholen? Ich mag zwar die Speerspitze dieser Ideen wohl kennen, aber schaffe ich es, all jene Einzelteile selbst herzuleiten, um nach einem Verlust jener, diese wieder zusammenzutragen und zu einem vergleichbaren Gedankenkonstrukt zusammenzufügen? Bin ich in der Philosophie auf eine, der Wirtschaft vergleichbare Arbeitsteilung und Spezialisierung und den Einkauf von Grundelementen angewiesen? Auf einen stetigen Tausch von Gütern und Werten …?

Die Philosophie hat schon immer die Stärke gehabt, Gebiete aufzugeben und an Bereiche abzugeben, die es, im Verlauf ihrer Entwicklung, besser zu wissen gelernt hatten, als sie selbst. So geschah es mit der Physik, der Chemie, der Psychologie, der Theologie, der Mathematik, der Biologie, den Sozialwissenschaften und so weiter. Nicht nur ist die Philosophie eine vorzügliche Hebamme — sie ist auch eine sehr angenehme Reisebegleiterin für viele Abenteurer, von denen sie früher oder später, überholt oder auf der Strecke zurückgelassen wird.

Fände sie von selbst wieder an den Ausgangspunkt ihrer Reise zurück oder begnügte sie sich an Ort und Stelle zu warten? Kein Fluß in Sicht.

Warum gibt sich die Philosophie nicht selbst auf? Doch an wen sollte diese Verantwortung weitergegeben werden können? Könnte man den Mut aufbringen und die letzte Bastion räumen, zugunsten von was auch immer? Geben wir doch alle übrigen Handlungen, Strategien, Grundsätze, Methoden etc. an die Spaziergänger, Dichter, Bauarbeiter, Prostituierten, Musiker, Wartenden, Obdachlosen, Bankangestellten und Mütter ab und lassen es sein!

Stünde das Gebäude bereits, so wäre das Gerüst nicht mehr notwendig. Es sollte nur wieder aufgebaut werden, wenn man wieder etwas an ihm zu verbessern hat oder wenn man ein neues Haus bauen möchte. So, mit dem Gerüst stest vor Augen, könnte man meinen, es sei Teil des Gebäudes — eine statische Notwendigkeit oder eine architektonische Zierde.

Von der essentiellen Notwendigkeit zum schmückenden Dekor.

Es gibt noch zwei Dinge, die mich immer wieder ins Staunen versetzen: einmal der Himmel über mir und dann mein Gewissen in mir. Alles andere kann in Formeln, Hypothesen und so weiter gefaßt werden, so daß es ein jeder zu verstehen vermag — aber diese beiden bleiben mir ein Rätsel. Selbst Kants Schriften sind kein Rätsel mehr.

Wenn bei der Formulierung eines Gedankens etwas verloren geht, welchen Wert hat dann eine solche Aussage, die ebenso ein unvollständiger Ausdruck eines Gedankens ist? (Ist dies ein billiger Trick? Nein, denn nicht jeder kann sich ihn leisten.)

Zum Schluß mag nur noch ein einziger Gedanke übrigbleiben; es muß aber nicht ein ganz genau bestimmter sein (›die Lösung‹), sondern es ist ein beliebiger, denn es ist der einzige. Welcher Mensch der letzte Mensch sein wird, spielt für die Reduktion der Menschen schließlich auch keine Rolle mehr. Außer genau dieser — dieser und nur dieser Mensch — könnte rückwirkend etwas Entscheidendes verändern. Dies (und Vorheriges) birgt die Frage nach der Selbstreproduktionsmöglichkeiten eines Systems.

Steht etwas in vordergründigem Kontrast — also ohne die Zuhilfenahme von weitläufigen Rahmenbedingungen zu etwas anderem — (jemand etwa, der lange und fettige Haare hat, aber in einer sehr ordentlichen und sauberen Wohnung lebt), so kann man davon ausgehen, diese Kombination sei so gewollt und ist nicht nur ›so‹ beiläufig entstanden, kein Produkt des Zufalls und der Nichtbeachtung. Weder das eine, noch das andere, noch beides zusammen ist in einem solchen Fall zufällig und gegeben, sondern in einer kontrollierten Balance zu verwalten. Etwas, das sich in einem funktionierenden System nur allzu offensichtlich als Fehler ausgibt (was sich in einem Ganzen als hervorgehobenes Einzelteil zur Schau stellt), bleibt — gerade wegen dieser Offenheit — oft suspekt. Wie ein simulierter Fehler zur Ablenkung.

Manchmal, in bestimmten Situationen, ist es vorteilhafter eine Sache unglaubwürdig erscheinen zu lassen; besser ausgedrückt: die Gründe für den Zweifel gleich mit dazu zu geben, hineinzupacken. Denn einerseits hat man so einigermaßen Kontrolle über die Art und die Reichweite des Zweifelns und andererseits erhöht eine solche Methode gleichzeitig die allgemeine und vordergründige Akzeptanz. Wie bei einem Zaubertrick, welcher speziell anzweifelbar gestaltet wird, um gerade dadurch als Zaubertrick umso besser zu funktionieren.

Sokrates wurde nicht angeklagt, weil er neue Götter, sondern weil er neue Dämonen eingeführt hatte. Im Vergleich zu den Göttern schienen diese aufgrund ihrer Ambivalenz, weit gefährlicher. Sie können nämlich gut oder schlecht sein.

Meistens denkt man sich die Fiktion als Spiegelbild der Realität — etwa in der Utopie oder Dystopie, welche so ganz nicht mit der realen, momentanen Lebenswelt vereinbar zu sein scheinen … also als etwas weit Entferntes (in mehrerlei Hinsichten; z.B. zeitlich, sozial und so fort.)

Aber Fiktion kann auch als etwas aufgefaßt werden, was sich nur geringfügig von Realität unterscheidet, was genau daneben liegt (in diesem Wortsinne auch: »Damit liegst Du aber daneben!«.) Etwa wenn ich so tue, als hätte ich jemandem alle Schulden zurückgezahlt, es aber nur neunundneunzig von hundert Teilen waren (dies ist nicht teilweise zu vernachlässigen), oder wenn ich jemanden mit braunen Haaren beschreibe, obwohl ich diesen mit schwarzen sah und die Möglichkeit der Beschreibung (mit der Färbung) ›mit schwarzen Haaren‹ bestünde.

Dieses minimale Danebenliegen, dieses gerade so nicht Decken und Stimmen beängstigt mich ungleich mehr als allgegenwärtige Zukunftsutopien, Fantasiegeschichten, Märchen; all jenes, welches für sich allein funktionieren kann und sich nicht mehr um unsere Welt schert — vergleichbar Kreisen, die sich gleichmäßig um eine Mitte ausbreiten, gleich Wellen im Wasser, die sich um den eindringenden Stein scheren.

Eine weit auseinanderliegende Verstimmung könnte in einem bestimmten Bezugsrahmen sogar noch eine Art Harmonie oder ein Zusammengehören, ein Sich-Ergänzen suggerieren, wobei ein kleiner Abweichkomplex doch unmittelbar alle voneinander divergierenden Elemente in ihrem Umfeld bemerkbar macht.

Es ist nicht so, daß man Fiktionen zu ernst nimmt (verwissenschaftlichte, soziologische, psychoanalytische Analysen) — unserer Täuschung, dem Wahn, unserem Wahnbild liegt die Annahme zugrunde, Fiktionen nicht ernst genug nehmen zu müssen. Man glaubt, das Fiktive sei lediglich ein Spiel, eine Metapher — fernab der Realität und davon losgelöst. Es ist aber realer, als es sich selbst präsentiert. Man braucht die Entschuldigung bzw. Rechtfertigung in Form einer Fiktion, eines Spiels (Computerspiele, die einen Töten und Vergewaltigen lassen, oder auch Ponyreiten) um zeitweise so zu sein, wie man wirklich ist (exklusive des Wunsches und der Begierde, dies nur im Spiel zu tun). Die Fiktion erlaubt Sachen zu sagen, zu tun und durchzuspielen, die sonst wegen sozialer oder kultureller Restriktionen nicht möglich wären und sanktioniert werden würden. Denn es ist ja gar nicht real. Es berührt ja nichts hier, auf unserer Seite.

Ist es so, daß man jemand ist und diese Identität rückwirkend akzeptieren muß oder hat man die Freiheit, sich auszusuchen wer man ist, sein möchte? Beide Varianten sind gleichermaßen eine Last.

Sucht man sich die Philosophie aus oder sucht sich die Philosophie einen aus? Man würde ja denken, man könnte die Kontrolle darüber bewahren, was man macht und was einen beschäftigen soll. Oft denkt man gar richtig, man hätte die Wahl, dies oder jenes zu tun. Hätte man die Wahl, welchen Philosophen würde man sich als seine Mutter aussuchen?

Die Philosophie als Luxus: Es kommt die Zeit, da wird Philosophieren wieder das, was es zuvor einmal gewesen war: ein elitärer Zeitvertreib für all die, welche sich eine solche Berufung leisten können. Der ohnehin schon beengte Zugang zu ihr wird zugemauert, Wegezölle werden eingerichtet werden, so daß nur noch wenige in Erwägung ziehen können, sich einen solchen ›faux pas‹ zu leisten. Die, welche ohnehin ihren Lohn nicht selbst verdienen, werden sie im Inneren dieser Festung, zu allerlei Gespött verführen, in ihrem Namen so manches von der Brüstung herunterposaunen — wie es vorher schon ihre Väter taten.

Die Idee des Karma ist für viele deshalb so schön und reizend, da man scheinbar dasjenige, das man erwünscht zu bekommen, das, was man erhofft zu sein, im Grunde selbst autonom, aus sich selbst heraus, bestimmen kann — von seinem jetzigen Standpunkt ausgehend, zum Positiven, wie zum Negativen hin verfärbend. Eine Möglichkeit, ein Versprechen, etwas über bisherige Grenzen hinaus weiterzutragen, sich ein Floß, aus losen, umherliegenden Teilen zusammenzubauen. Dies ist klar: die Verbindung. Aber es ist nicht klar, welche Implikationen diese Verbindung hat. Oder anders: Man ist genau das, was man vorher in sich hineingesteckt hatte. Treibgut als Chance. Doch selbst solch Treibgut braucht niemand aufzulesen, gäbe er den Wunsch auf, wieder wegzukommen — woandershin, wo alles besser sei als hier.

Daß Du in Deinem verschlißenen Mantel herumläufst, ist Ausdruck Deiner Eitelkeit, arm sein zu wollen und es zu zeigen.

Was mich an anderen Menschen so rührt, ist ihre Einsicht in die Dinge, ihre ehrliche und unverstellte Sprache, sich selbst beschreiben zu können. Aber genau diese Ehrlichkeit, diese spontane Fähigkeit, meine ich bei mir selbst zu vermissen. Nähme ich mir diese Sprache, diese Einsichten, so würde ich jedoch bloß imitieren. Es gibt keinen Weg zurück. So wie man sich Reisen durch die Zeit nur nach Vorne vorstellen kann, kann man sich die Entwicklung einer Person auch nur nach Vorne vorstellen — und zwar tatsächlich vorgestellt, nicht dahinter. Aber man sagt auch: vor-her und nach-her, was geradezu umgekehrt zu funktionieren scheint. Hier ist sie also, die Einsicht, jemand befände sich auf meiner Seite (oder umgekehrt: ich auf der des Anderen) — ein beruhigendes Gefühl hinterlassend.

Jeder hat einen Akzent, ohne diesen freilich zu bemerken. Welcher ist meiner? Und hat es Sinn, diesen durch Sprachtraining und Selbstberichtigung verbessern und an etwas, zugleich Höherwertiges und Fremdes, angleichen zu wollen? Den Akzent, den ich habe ist der der Meinungen der Anderen, der angelernten Ausdrücke und Ideen.

Ich stapfe daher durch den Dreck bedeutender Metaphern, Meter für Meter …

Die Mauer wird dabei niedriger, verschwindet schließlich ganz, läuft aber unterirdisch weiter. Kein Tageslicht.

Keine Grenzen mehr, aber dennoch wird darum gekämpft. Die Umgrenzungen lassen kein Licht hindurch; so bin ich mit meiner Taschenlampe unterwegs, Schritt für Schritt in die Dunkelheit hineinleuchtend.

Alle Sicherheiten in der Erkenntnis sind selbstfabriziert und damit für die Erfassung der Wirklichkeit wertlos. Wir untersuchen alles, nur nicht unser Suchen.

Die Vernunft sitzt im Kopf. Und warum ist der Kopf rund? Nun, weil das Universum als perfekte bzw. perfekt gedachte Form, auch rund ist; und damit ist der Platz für die Vernunft, in einem runden Gefäß am besten aufgehoben. Ist der Kopf deshalb rund, da er sich in seiner Entwicklung an die Form des vernünftigen Universums angepaßt hat? Oder ist er eh rund und die Vernunft hat sich die adäquateste Form all jener Körper als Träger ausgesucht? Ist der Kopf ein rundes Vernünftiges im großen runden Vernünftigen? Ein Mikrokosmos im Makrokosmos? Ein Abbild? Sitzt die Vernunft im Kopf?

Das Universum bringt einen Beobachter seiner selbst hervor — mehr noch: einen sich selbst selbstbeobachtenden Beobachter des von diesem so erdachten Universums.

Nähert man sich einer Sache allzusehr, so verliert man sie aus dem Auge und ihr Trägermaterial kommt, die dargestellten Dinge peu à peu ersetzend, zu Gesicht. Wie bei einer immer weiter ins Detail gehenden Vergrößerung, die langsam das Dargestellte zugunsten des Darstellenden (be-)merkbar macht. Bekommt man das Vergrößern selbst zu sehen?

Hat man die Stufe erreicht, das Material selbst im Fokus zu haben, verliert man sich mit der bisherigen Vergrößerungstechnik, die zu ihr geführt hat, zwischen ihrer Darstellung; und läßt man selbst das Gitter des Materials, die Fäden aus dem es genäht ist hinter sich, erfüllt reine und absolute Homogenität das Blickfeld innerhalb seiner Begrenzungen — je nachdem wo man sein Zentrum wählt; die Verlagerung hin zu einer anderen Stelle als deren Mitte aber muß nun sprunghaft verlaufen. Entfernt man sich wieder, werden die Übergänge zunehmend undeutlicher.

Das Material, die Sprache, die Striche, die Farbe etc., sie können nicht an sich unscharf sein. Durchlaufen sie mehrere Abbildungsprozeße, so zeigt sich auf der Oberfläche, der als unscharf dargestellten Regionen, das Material als durchaus scharf. (Als ob der Faden der Naht nicht abreißen, nur kürzer würde.) Ich muß es hier anders ausdrücken, da mir in meiner Situation bestimmt Begriffe nicht zugänglich sind. Also was ist die Unschärfe, wenn nicht etwas im Material selbst verankertes?

Die Schönheit des Alltagslebens scheint immer eine Verdeckung von Alpträumen zu sein. Sobald man ihr zu nahe kommt, verliert das Schöne, seine aus der Ferne erkennbare Textur und wird gräßlich.

Nicht der eigene Tod ist das Furchtbare (schließlich analysiert man dieses Stadium nicht mehr in den alten Kategorien und eine Integration in die alte Welt scheint auch unnötig zu sein), sondern der Tod der anderen — insbesondere der Nahestehenden und auch Naheliegenden — ist das Fürchterliche; denn man selbst muß weiter damit leben. Er erinnert uns Lebende an unser eigenes Ende. Das Wissen vom eigenen Tod ist rein historisches und indirektes Wissen; daß wir sterben, wissen wir, da wir Lebende andere beim Sterben erleben.

Ein Widerspruch in sich; einem Nackten in die Taschen fassen …

Erst habe ich Angst davor, daß mir nichts einfällt, dann, daß es nicht gut ist, dann, daß ich es mir nicht merken kann, dann, daß ich das Aufgeschriebene nicht mehr lesen kann, dann, daß ich nicht mehr weiß, was ich damit gemeint hatte. Und dann — irgendwo dazwischen — dieses auf dem Weg zu verlieren.

Vor der Auflistung mit all den Stufen, von denen ich befürchte, sie würden schiefgehen können, steht natürlich die Stufe der Möglichkeit des falsch Denkens, aus der dann die folgenden Stufen kausal falsch wären und reines Spiel, reine Dekoration — ein auf falschen Prämissen gebautes Haus mit marodem Fundament. Aber wenn dies so wäre, dann kann ich auch mit meinen Folgerungen durchaus richtig liegen.

Wirft man einen Stein auf den Mond und ist der Mond aus Käse, so fände man sicherlich einen geeigneten Stein dafür.

Das wäre ja so, als hätte jemand berechtigten Grund auf die Beute eines Diebes neidisch zu sein — und doch kann man sich eines solchen Gefühls nicht erwehren.

Sagt man, Tiere hätten Feinde, in der Art von natürlichen Feinden, so glaube ich dies lieber, als spräche man in der gleichen Manier von Pflanzen, z.B. Bäumen oder ganzen Landstrichen, zusammengesetzt aus Korallen oder unterirdisch von Myzelien durchzogen. Denn im Falle der Tiere, kann ich leichter akzeptieren und einsehen, daß diese ein Verhältnis zu ihren Feinden pflegen und diese umgekehrt auch zu ihnen; eine Bindung, welche Achtung und gegenseitige Wahrnehmung einschließt und zum konstituierenden Faktor einer solchen Beziehung macht.

Gleich einem Tier, das den müßigen Kampf scheut und statt dessen die Flucht wählt, begreife ich mich. Bloß setzte ich mir zum Ziel diese Flucht tanzend vorzuführen und so dem Gegenüber, einen ästhetischen Augenschmauß zu bieten.

Dicht am Prinzip der Polas: Schreibe Deine Texte im Sofortbildverfahren. Lasse die Trennung von Film und Abzug, Negativ und Chemie, Kameraeinstellungen etc. einfach weg.

Vermeide Unordnung.

Vielleicht verhält es sich so, wie die Ordnung der Zahlen: ich habe eine Menge von (primitiven) Zahlen (z.B. 1, 10, 3, 6, 12, 5, 2 etc.) und ordne diese. Soll ich diese ›der Reihenfolge‹ nach ordnen? Nach welcher Reihenfolge? Aufsteigend? Absteigend? Nach einem bestimmten (persönlichen oder ästhetischen) Muster? Falls ich dies mache, wie rechtfertige ich dieses (quasi beliebige) Muster? Wenn ich nun keine Zahlen habe, sondern eine Anzahl von Äpfeln z.B. — wie ordne ich diese? Der Größe nach? Nach Gewicht? Nach Gesundheit, Alterungsstadium, Fäulnisgrad? Einer Kombination solcher Kategorien folgend? Nach Geschmack? (Dafür muß ich diese aber kosten, muß wissen, wie Äpfel überhaupt schmecken und meine im Besonderen? Und ich kann vor allem nicht wissen, ob der nächste Apfel nicht besser schmeckt, als der vorherige — dabei wird mein Geschmacksempfinden von den vorherigen beeinflußt und ergibt sich nur aus der Komposition aller von mir gegessenen Äpfel.)

Wenn ich das Bedürfnis nach einem System habe, woher kommt dieses sehnsuchtsvolle Rufen? Vielleicht gibt es ein solches System nicht in ebendiesem Bereich, oder es ermangelt mir der Fähigkeiten dieses zu verstehen (und dazu bräuchte ich wiederum ein übergeordnetes System) — oder ich lehne es ab, da es mir nicht paßt; vielleicht höre ich einfach nicht oder nicht aufmerksam genug zu?

Wenn ich in einem Gespräch keine Frage an mein Gegenüber habe (also keine Möglichkeit des ›inputs‹), so habe ich vermutlich auch kein Interesse am Diskutieren und kann nur mit großer Mühe folgen oder zuhören. So frage ich manchmal etwas, damit ich besser zuhören kann. Dabei spielt es aber keine Rolle, ob ich diese Fragen laut stelle oder mir nur aufschreibe oder nur daran denke.

Behauptungen, in einer kristallklaren Sprache eingebettet, die stets wahr sind, sowie jene, die sich widersprechen, bleiben als die uninteressanten Fälle hinter allen anderen zurück. Sie bieten keine weiteren Möglichkeiten, außer den in ihren Fundamenten zementierten. Sollte eine Aussage bewußt uninteressant sein oder dies gerade vermeiden?

Ich denke an das Bild des Schnittpunktes, welcher sich gleichzeitig auf zwei sich schneidenden Linien befinden kann. In der dreidimensionalen Darstellung, sogar auf drei Linien und so fort. Für jede Dimension kann eine weitere Linie durch diesen Punkt gezogen werden. Hieße dies, bei der Ausfüllung des Raumes (also wenn keine weitere Linie mehr hinzugefügt werden kann, ohne daß sich mindestens zwei überlagern), könne keine Dimension mehr addiert werden? Bedingt die Möglichkeit der Linien die der Dimensionen und nehmen die Möglichkeiten der Linienziehung mit jeder hinzugefügten ab, denn anfangs ist die erste vollkommen frei in ihrer Setzung, die letzte aber ist zwangsläufig vorgegeben, sie ist der negative Raum in dieser Konstruktion, ein singulärer Hohlraum.

Wenn im Wald ein Baum umfällt und niemand hört es, ist dieser Baum umgefallen, macht er ein Geräusch oder nicht? Wenn ich etwas mache und niemand weiß davon (vielleicht vergesse ich es selbst), existiert mein Schaffen dann oder nicht?

Dies bleibt eine interessante Frage, auch wenn sie scheinbar schon zur rhetorischen Frage verkommen ist und nicht mehr ernst genommen wird. Bevor man etwas loslassen kann, muß man es erst greifen. Was gibt mir die Gewißheit, es gäbe etwas, das wieder losgelassen werden kann. Denn was meint man denn überhaupt be– oder ergriffen zu haben? Man denke sich dies wie die Funktion von Klammern.

Ich glaube nur das, was ich sehen und anfassen kann — glaube ich dann auch alles, was ich sehen und anfassen kann? (Führt das eine zum anderen?)

Existiert Gott oder existiert er nicht? Regnet es oder regnet es nicht? Macht es Sinn, diese Fragen zu stellen? Es macht ein bißchen Sinn!

Ein beliebiger Querschnitt durch den Laib läßt sicher ein paar Maden sich winden.

Bis wohin läßt sich die Welt zerlegen?

Pause.

Und hätte ich gar die Teile, mangelte es mir dennoch an ihrer Konfiguration, an den Konjunktionen. Wo, bitte schön, kommen denn diese her? Wäre die Welt zerlegbar in kleinste Einheiten, so ließe sich nicht vermeiden, auch anzunehmen, diese verhielten sich alle gleich — doch gerade dieses Verhältnis scheint unter ihnen ungeklärt.

Dächte ich mir die Welt aus bloßen Dingen ohne Relationen, so taufte ich die Leerstellen zunächst als Verbindungen, ohne dafür ein eigenes Symbol benutzen zu müssen, ohne den Namen des Kindes dabei auszusprechen. Wir hätten alle Kunde, sprächen aber nie davon. Und so schweigen wir darüber. Worüber sollte man schweigen können?

Vor (und nach?) den Dingen steht vorerst die Beziehung. Ist es auch ihre Beziehung? Hat man die Verbindung, die Konfiguration, ist man über diese hinaus bereit, Geschenke anzunehmen ohne nach dem gönnerhaften Spender zu fragen.

Es mag eine ästhetisch fragwürdige Geste sein, jedoch spricht nichts dagegen, erhaltene Geschenke, an andere weiterzuverkaufen. Wer nun auf die Moral einer solchen Transaktion hinweist, karrt bloß seine eigenen Werte auf die allgemeinen Marktplätze seines vertrauten Dorfplatzes und weiß nichts von den langen Schatten der Wolkenkratzer in der nächstbesten Stadt.

Ich würde gerne einem Museum etwas von mir schenken — und man könnte glauben, dieses nähme sich solcher Geschenke gerne an — aber solcherlei Tranferleistungen werden zumeist abgelehnt, da durch deren Annahme weitere Verpflichtungen entstehen. Die Illusion, welche von dem Begriff ›Geschenk‹ suggeriert wird, liegt in der Unverbundenheit und Einseitigkeit, dem sauberen Schnitt, welcher stets mit dem Geben assoziiert wird.

Die höchste Form des Transaktionshandels sind Geschenke. Heute bekommt oder sucht man sie, man macht sie nicht.



Ich bin nicht zerlegbar in Teile. Ich habe keine Eigenschaften, da alles neben mir stehende und mich umgebende schon lange vor mir, sich seine Eigenschaften gesichert hat — in Abgrenzung zu diesen fällt es mir leicht, mir ebenso eine Eigenschaft zuzuweisen, sich ein Bild zu machen. Darüberhinaus muß es nichts geben, das hinzutritt.

Hätte ich die Möglichkeit eine einzige Frage an eine allwissende Fee zu stellen, so fragte ich sie, ob sie tatsächlich allwissend sei. (Doch wäre sie tatsächlich allwissend, könnte sie mit meiner Frage vermutlich gar nichts anfangen.) Dann könnte ich mich umdrehen und den Weg, der mich zu ihr führte, mit dickerem Pinsel in meine Karten eintragen und diesen Weg, als bereits begangen etikettieren; denn ihn nochmal anzutreten, brächte nicht viel mehr, als sich dabei der Aussicht zu erfreuen.

Alles rückwärtsgängig zu machen reicht nicht aus um es zu verstehen; denn verstünde ich es nicht, kehre ich es wieder um und alles bleibt unverändert. Man müßte es anders machen. Eindringen in den inneren Ablauf, hier und da zerlegen, umstellen, Teile größer oder kleiner machen, weglassen. (Und dann ist es besser, man verschweigt, daß man es war, der all dies in Unordnung brachte — denn vieles ist vernachlässigbar.)

Wäre eine Ordnung ersichtlich (Bindeglieder zwischen den unterschiedlichen Teilen zum Beispiel), könnte man sich die darüber– oder nebenhergesetzten Ordnungen sparen; denn diese wären im ersten Fall ebenso da, nur glatter in ihren Fugen.

Während der Kommunismus die Konfrontation der Klassen hervorhob, tat es der Faschismus in Bezug auf Nationen und Rassen. Der Kapitalismus nun, stellte den Kampf zwischen Kommunismus und Faschismus als Thema dar.

Man hat manchmal das Gefühl, Menschen würden mit dem, was sie sagen und schreiben, gerade bezwecken, nicht verstanden zu werden. Es klingt alles so kompliziert und merkwürdigerweise geht man, wenn etwas unverständlich bleibt oder den Anschein dazu macht, automatisch davon aus, daß es, für einen selbst, zu kompliziert sei. Je unverständlicher eine Aussage bleibt, desto mehr an noch nicht verstandenem Inhalt wird darin vermutet. Ist das so?

So wie Buddha und seine Anhänger ihre Roben aus den Stoffresten der verbrannten Leichen flickten, so setze ich meine Textur aus den Flicken eines imaginierten Lebens zusammen. Und ziehe damit selbstzufrieden und orientierungslos durch die Wälder und Dörfer dieses Landes.

Derjenige, der sich selbst verachtet, achtet sich immer noch als Verächter.

Inspiration ist eine seltene Angelegenheit. Und wenn man selbst weiß, sein eigenes Denken ist abhängig von anderen, von ihnen davorstehenden Ideen bestimmt, bleibt Zweifel übrig. Die Unsicherheit, sich über alles legend, alle Glieder durchdringend, kann gar nicht mehr als isolierter Faktor ausfindig gemacht werden — sie ist da, unaussprechbar, aber alles zeigt auf sie. Alles konzentriert sich nachträglich auf ihre Mitte. Sie legt sich über Motive, wie sich die Unschärfe über Bilder legt und nicht mehr an den gezeigten Dingen selbst ausmachbar bleibt. Es wird gesagt, Ideen die als Inspirationen bezeichnet werden, erschüfen sich selbst und nähmen sich selbst im gleichen Moment wahr. Sie wären über ihr Auftauchen selbst erstaunt und darüberhinaus wäre nichts anzuzweifeln. So wie wir in Träumen, im selben Zuge, Erschaffen und Beobachten können.

Etwas wirklich Verschiedenes denken — nicht nur die Unsicherheit innerhalb des Bekannten.

Wenn unsere Sprache oder Schrift, bestimmte Gedanken, nur unvollständig ausdrücken, was ging allein schon beim Formulieren dieser Idee, dieses Gedankens, an dieser Stelle verloren und welchen Sinn hat dann eine solche, sich selbst in Frage stellende Behauptung? Müßten insofern, Gedanken in ihrem Gehalt, immer übertrieben ausgedrückt werden, damit deren verlustreiche Formulierung, im Zuge der Reduktion, doch dem rohen Gedanken nahe kommen kann? Was sollte angehängt werden, um als berechenbarer Verlust gelten zu können?

Ich spiele ein Spiel, dessen Regeln ich nicht vollständig verstanden habe. Könnte ich mich den Regeln dieses Spiels entziehen (natürlich, ohne diese zu verstehen)? Oder könnte ich mich nur einer Gegebenheit entziehen, die mir auch bekannt ist? Und welchen Sinn hat es einerseits, zu behaupten, man spiele das Spiel zwar mit, aber nicht nach den, ihm zugrundeliegenden, Regeln? Kenne ich die Regeln nicht vollständig, so kann ich nicht davon reden, überhaupt mitzuspielen. Und spielte ich mit, so muß ich denn auch die zugrundeliegenden Regeln kennen. Man stelle sich ein Spiel vor, dessen Ziel es sei, während des Spielens neue Regeln für selbiges Spiel zu erfinden.

Befände ich mich nun, innerhalb der Begrenzungen eines solchen Spielfeldes und befolgte ich zufällig alle Regeln, ohne mir über diesen Zustand bewußt zu sein (zum Beispiel wenn die einzige Regel besagt, still dazustehen und die Augen zu schließen), so hätten alle anderen Spieler das Recht, mich als vollwertigen Teilnehmer anzusehen, oder nicht?

Ich habe mir eine Bahn gelegt, auf der ich, sobald mein Stolplern schließlich einsetzt, in diesem Zustand, ein kleines und für mich überschaubares Stück, weiterrutsche.

Ich lehn’ mich kurz zur Seite und erwarte einen Stoß.

Die Mauer ist weg, aber nun erst sieht man die dahinter liegenden Grenzen.

Auf zur nächsten Grenze.

Hätte man die Freiheit, sich einen Schauplatz für eine Revolution auszusuchen, so bediente man sich höchstwahrscheinlich zweier Grundszenarien: der Umgebung der Armen oder der, der Arbeit und Produktion. Denn damit hätte man umgehend auch jene Subjekte im Fokus, welchen eine solche Revolution zunächst zugute käme. Diese Art der Geschichtserzählung wäre jedoch allzusehr eingeschränkt … Und dächte ich nun daran, diese abzuändern, so finge ich zunächst bei mir selbst an.

Ich fange stets mit den Dingen an, die ich einsehen kann und auch einsehe. Ausgehend von dieser Sicht, können Skalierungen vorgenommen werden, können weitere Räume ausgeleuchtet werden, ohne sie dabei als Material verfeuern zu müssen. Reflektierte Fluchtpunkte tiefer in die Räume hinein verlagernd.

Die Bleistifte werden nicht durch das Schreiben kürzer, verbrauchen sich dadurch nur wenig — sie werden durch das Spitzen gekürzt, welches das scharfe Schriftbild ermöglichen soll.

Aus Grundlagen (banalen Mustern, Überlegungen) zu einem System gelangen oder diese zu einem System formen. Dies sind zwei unterschiedliche Ergebnisse. Das eine ist eine Ableitung zu einem davon losgelösten System, ein Sprung auf die Insel, das andere ist wie einen großen Kreis darumherum ziehen, oder einfach alles in eine Kiste stecken und irgendwie beschriften.

Hätte ich auch unendlich viele Wörter hier in meiner Kiste — ihrer Ordnung mag ich zwar nicht beipflichten, abzählbar blieben sie dennoch.

Meine Position entspricht einer Annahme im klassischen Sinne — ich nehme die Fragmente erst einmal so an, wie sie sind … Ich versuche, ein positiver Mensch zu sein und meinen Erzählungen solange zu vertrauen, als ich eine kritische Position gegenüber den Genesungsprozessen dieser einnehmen kann.

Es soll so etwas wie ein »Uuuhhh!« oder ein »Aaahh!« oder ein »OOOhhh!« sein — aber weniger in dem Sinn eines Andere erstaunenden oder sich selbst erstaunenden »Aaahhs!«, auch nicht im Sinne eines bewundernden »Oohhhhs«, sondern stets in dem »Uuuhhh!«-schen Sinne. Verstanden als eine ›time-to-study-my-life‹. Keine Prostitution ist die bessere Lösung. Rent a foreigner, he is a social act, the price is correct. Unity without a problem was a dream. — Vor dem Hintergrund der aufgehenden Sonne stehend, ein kleines Feuer entfachen.

Im Grunde ist das Ganze — so konstruiert und zusammenhangslos es sein mag — eine Selbstbetrachtung, die von ihrem Tun nichts wissen will oder so tut, als ob sie keine wäre. Ein Zerfressen des Subjektes während der Selbstbeobachtung. (Nun, so gibt es sich im Inneren: Ein Negieren des Selbst durch sich selbst.)

Doch welche Einsichten ein Außenstehender haben mag, bleibt für jeden solchen offen.

Beinhaltet das Ideal (der teleologische Endpunkt, die Konkretisierung eines Idealzustandes) sein eigenes Idealbild, aus der noch nicht vollkommen realisierten Vergangenheit? Oder ist im Idealzustand kein Idealbild mehr enthalten?

Ich meinte, zurückgehen zu können und dabei irgendwo anzukommen, wo man vorher schon einmal gewesen war — so als wäre nichts geschehen, so als bedürfte ich all diesen Zusatz gar nicht. Doch das Abgehen dieser Wegepunkte, immer weiter zurück, bringt mich nicht mehr dorthin zurück. Ich habe mich verlaufen auf diesem Weg. Das Rückwärtsgehen entlang dieses Weges, ist nicht eine Spiegelung oder eine Modifikation des ursprünglichen Weges — es hat den Beigeschmack von Verstellung, von Täuschung und nicht zuletzt die Eigenschaften eines von müden Charakteren geprobten Schauspiels. Ich merke nun, ich bin die ganze Zeit lang abgelenkt worden …

Gewußte Dinge zu vergessen, ist wie in der Zeit zurückzugehen. Eine Rückwärtsbewegung und Kontraktion mit abnehmender Ausleuchtung der Räume. Ein Blick rückwärts durch einen transparenten Schleier … Ich habe auf die meisten Dinge einen Blick geworfen, aber einen unscharfen.

Selbst ein Schlag auf den Kopf, bei dem man so einiges vergißt, kann einem zu denken geben. Ich habe nichts dabei gelernt, aber das sollte schon genügen. Wir werden erst aufhören, wenn unsere Herzen aufhören zu schlagen. Wen interessiert dabei der Kopf?

Einige — sagen wir ruhig: alle — Informationen haben wir nun vor uns liegen. Manche offen, manche verdeckt durch andere, viele Überlagerungen und Löcher dazwischen. Ich warte auf jemanden, der mir einige Stoppschilder und Umleitungspfeile aufstellt.

Die Idee, es wäre alles leichter, zeigte sich auch alles gleich und unmittelbar, scheitert an der darin enthaltenen Sprechweise vom Zeigen. Denn zeigt sich nicht alles selbst? Die eigentliche Forderung ist doch: Es wäre alles leichter, zeigte sich uns alles. Ob sich nun etwas sich selbst zeigt, können wir solange nicht beantworten, geht uns solange nichts an, bis wir selbst nicht das Zeigende sind, zu ihm geworden sind; bis wir zusammenfallen und einen Standpunkt einnehmen.

Das ist doch selbstverständlich … — wie seltsam dies doch klingt.

Eine Geschichte zu erzählen bleibt die natürlichste Art, Informationen zu übermitteln — man ist an alles gewöhnt, ist die Erzählweise, das Spiel mit Narration und Linearität, die ihr innewohnende Dramaturgie gewöhnt.

Früher erzählte man sich Geschichten. Ich erinnere mich, daß mir mein Vater manchmal ein Bilderbuch in die Hand gab und schwieg.

Wenn etwas von alleine aufhören kann, warum dann nicht auch von alleine anfangen? So viele Dinge sind nicht hängen geblieben, weil man denkt: »Nicht jetzt; das nächste Mal — da paß’ ich besser auf und dann ist es, wie beim ersten Mal.«

Die Sentimentalität, welche man dem Leben gelegentlich entgegenbringt, zeigt sich daran, mit welchem Gefühl man einen frischen und warmen Laib Brot anschneidet und zugleich die Gewißheit darin aufblitzen sieht, die letzten hart gewordenen Reste in ein paar Tagen wegzuschmeißen; oder es jemandem anderen zu geben, zum Beispiel einem Hund.

—Die wir verloren glaubten, sind uns vorangegangen.

—Sie haben unsere Spur aufgenommen. —Du meinst sie folgen uns? —Ja. Sie folgen uns sicher. —Wie Hunde?— Nein, wie Wölfe.



träume

Ich muß zugeben, es gab Träume, die ich anfangs gar nicht hatte — ich schrieb sie mir nur so auf, des Themas wegen, welches ich interessant fand. Ich verpackte eine Idee in die Form eines Traumes, so wie man Waren verpackt, um sie vor den Gefahren des Transportes zu schützen. (Es gibt Unternehmen, die ihr Geld mit der Produktion und dem Vertrieb von Verpackungsmaterial verdienen. Und selbst diese Verpackungen werden für ihren Transport verpackt, da sie Ware und nicht Hülle sind. Doch man entledigt sich ihrer rasch nach dem Kauf.) Doch dies gehört hier nicht mehr dazu.

Aber dann wurden diese zu meinen und ich träumte sie doch so ähnlich. Ich hätte das Geschehen auch durchaus genau so wieder aufschreiben und ausformulieren können, aber das hatte ich ja vorher schon getan. Nun sind die Träume Ausdruck der Beschreibung. Die Dinge scheinen mich verändern zu wollen.

Ich hatte geträumt, jemanden zu fotografieren. Ich erinnere mich, daß dies der Anfang meiner Träume war.

Als ich sie (die eine) fotografieren wollte, war das unmöglich — sie entzog sich ständig der Kamera und ich konnte kein Bild von ihr machen. Von einer anderen aber war es viel einfacher ein Bild zu machen. Sie stand sogar nackt vor mir um fotografiert zu werden. Was war das für ein Unterschied zwischen den beiden! Das alles passierte einige Tage nachdem mir die Polaroidkamera (es war eine ›Polaroid Lightmixer 630 SL‹) geschenkt wurde. Komisch, dieser Name: Lichtmixer. So als ob der Hersteller darauf hinweisen wollte, daß die Kamera irgendwie das Licht vermischt und dann erst ein Bild macht … aber wieso Licht vermischen, zusammenführen? Es gibt doch nur ein Licht. Wahrscheinlich ist der Blitz gemeint, den man nicht ausschalten kann; aber man könnte ihn überkleben, wenn man kein Blitzlicht wünscht — aber dann ist das Pola wahrscheinlich stark unterbelichtet, da das Gerät immer davon ausgeht, daß das Licht des Blitzes stets zu dem natürlichen Umgebungslicht dazukommt. Egal, wie das auch sein mag: Ich hatte viel Spaß bei dem Fotografieren, habe den Blitz aber nie überklebt.

Ich träumte, in einem ausländischen Laden für gebrauchte Kleidung zu sein. Ich befand mich im Inneren des Ladens und die Verkäuferin gab mir zu verstehen, ich solle erst meine Jacke ablegen und dann weitergehen, um mich umzuschauen. Ich gab sie der Frau — diese sagte daraufhin etwas freundliches zu mir (zumindest sagte sie etwas in einem freundlichen Ton) — und ich ging an den zahlreichen Kleiderständern mit den unterschiedlichsten Bekleidungsstücken vorbei. Ich fand eine Jacke, die meiner ähnlich sah, probierte diese an und war darüber erstaunt, daß sie von der gleichen Art war, wie meine eigene — nur etwas moderner und sportlicher im Aussehen. Am Kragen hatte sie sogar eine herausnehmbare Regenkaputze, welche transparent war. Ich stülpte sie mir über den Kopf und dachte, falls es regnen würde, könnte ich davor geschützt sein und gleichzeitig hindurchschauen und sehen, wie die Tropfen auf den transparenten Kunststoff herunterprasseln. Ich erinnere mich, mit dieser, für mich neuen aber für jemand anderen gebrauchten Jacke an meinem Körper, auf die Straße hinausgegangen zu sein und mich in die Menge der Passanten eingegliedert zu haben.

Diese Szene — mein Heraustreten — beobachtete ich von schräg oben. Meine Sicht auf die engen Straßen dieser Altstadt wurde durch spitze Giebel und Dächer verstellt, während mein Blick sich langsam von dem Strom der Leute löste und diese triste Szenerie, in völliger Gelassenheit und Normalität, zurückließ.

Im Nachhinein wird mir bewußt, daß dies eine bekannte holländische Stadt gewesen war.

Ich träumte, ich hatte Gold und dieses in einem kleinen Loch im Wald versteckt — am nächsten Tag, fand ich dort etwas anderes vor. Doch woher ich das Gold überhaupt hatte, war mir nicht bewußt; meine Taschen waren — glaube ich — voll und davon ganz schwer. Ich zweifelte plötzlich, ob ich dieses Andere, was mir wie eine Ware erschien, tatsächlich als Getauschtes fand, welches mir jemand gegen mein Gold, heimlich und fast spurlos ersetzt hatte … denn zuerst hatte ich diesen Eindruck. Jetzt denke ich, daß es vielleicht gar niemanden Anderen gab, der überhaupt sowas wie Ware hatte und immer auf der Suche nach Löchern war, in denen er diese gegen aufgefundenes Gold tauschte. Konnte es nicht sein, daß sich das Gold jedes Mal (vielleicht durch Lichtmangel, oder durch Kälte oder Luftfeuchtigkeit etc.) über Nacht in etwas verwandelte — in etwas anderes? Oder sich zurückverwandelte in Gold aufgrund eines direkten Mangels? Oder immer, wenn ich mich von ihm entfernte?

Ich hatte gar nicht erwartet, dort etwas anderes zu finden. Es war mir gleichgültig, was ich dort fand, ich war aber aufgrund der Überraschung gut gelaunt — ich dachte aber gleich daran, daß ich das nächste Mal durchaus enttäuscht und verärgert darüber sein könnte. Jetzt, da ich meinte, das Spiel zu begreifen, bestand die Gefahr dabei, auch etwas in diesem Akt zu verlieren und nicht mehr das herauszubekommen, was man hineingesteckt hatte. Oder hatte ich nur Angst davor, dem Akt des Tauschens und seiner Regelmäßigkeit zu viel Bedeutung zu schenken und es gewöhnlich werden zu lassen? Irgendwann könnte ich womöglich beide Enden des Aktes — mein überflüssiges Gold auf der einen Seite und das Getauschte auf der anderen Seite — völlig voneinander abkoppeln und mich dann nur noch auf das Tauschen an sich konzentrieren.

Ich denke mir: Was Alchemisten einst erträumten, dafür bürgt mittlerweile ein einfaches Stück Papier. Es ist Geld. Begleitet aber auch von einer Wandlung von der Schönheit des Tausches zum Kalkül der Sorge. Fiktionen tauschen die Besitzer.

Ich träumte, mittels einer Gleichsetzung einen Umschwung bewirken zu können; damit käme ich von einer Seite auf die andere. Ich erinnere mich aber auch, mir nicht sicher gewesen zu sein, dies nicht schon vorher geträumt zu haben.

Ich träumte, etwas von dem ich nichts wußte, sei passiert. Und erst im Traum und in der Erinnerung daran, wußte ich nun davon. Etwas bereits Geschehenes hat mich überholt und nun werde ich dieser Tatsache gewahr. Ich bin erstaunt, es auf diesem Wege zu erfahren.

Ich träumte von Wörtern. Wörter, die aus kleinen Buchstaben zusammengesetzt waren und an einer Tafel klebten, so wie die großen Wörter in der Grünewaldstraße, deren Buchstaben sich zu einem Knäul zusammendrängten und sich jeweils in ein einzelnes Symbol verwandelten. Es gab auch Kombinationen in der Form, daß unter den Symbolen kurze, lange, geschwungene Striche waren, davor Haken, Punkte, Wellen etc.

Ich träumte, in einem kleinen und vollkommen dunklen Zimmer gewesen zu sein, in dem alles was gesagt wurde, nur entweder wahr oder falsch war. Ja, es war vollkommen dunkel und trotzdem bin ich mir sicher, daß es ein Zimmer war und dieses Zimmer habe ich als leer empfunden — das weiß ich einfach so, es war mir gegeben, ohne daß ich dies natürlich irgendwie hätte nachprüfen können in der Dunkelheit (außerdem dachte ich im Traum nicht daran); dafür hätte ich das Licht einschalten müssen und dafür hätte es Strom gebraucht und so weiter. Es wäre von ganz woanders etwas Fremdes hinzugekommen.

Alles, was gesprochen und gedacht wurde, war automatisch wahr oder falsch, so als ob es nur diese beiden Zustände geben könne. Ich weiß noch genau, daß ich während meines Traums diese Idee hatte und sie unbeabsichtigt leise und wiederholend vor mir hermurmelte. Nur weiß ich nicht, ob sie wahr oder falsch war in dem Moment. Wie könnte ich dies herausfinden?

Ich hatte das Gefühl, es gäbe ein Geländer irgendwo hier drin, dessen glatte Stange ich umgreifen könnte und deren Verlauf ich eine Weile folgen könnte — obwohl ich gar nicht aus dem Zimmer heraus wollte, hoffte ich, diese Führung wäre geschwungen und mit einem anderen Raum verbunden; vielleicht sogar mit einem anderen Stockwerk. Mir kam der Gedanke, daß andere darauf Turnübungen und Klimmzüge machen könnten (vielleicht sogar, unmittelbar neben und unbemerkt von mir, ein anderer), aber diese Bilder kenne ich nur allzu gut aus dem Fernsehen, wenn die Olympischen Spiele übertragen werden. Deshalb kam mir vermutlich auch dieser Vergleich in den Sinn.

Ich träumte, aus einem Raum (war es eine Hütte?) auf die Straße hinauszugehen und mit meiner mir zugewiesenen Aufgabe zu beginnen. Ratlos stand ich da, blickte zuerst dahin zurück, wo ich hergekommen war, dann auf den Boden, bückte mich schließlich hinunter und begann aus der Hocke heraus mit einer Hand zwei Zigarettenstummel aufzulesen. Ich wurde hinausgeschickt um welche aufzusammeln — der Grund dafür war mir nicht bewußt, ich bedachte ihn im Traum auch nicht.

Meine Situation erinnerte mich daran, wie Obdachlose dies tun, um sich aus den aufgesammelten Resten, wieder neue Zigaretten zu drehen. Doch die ersten, von mir aufgelesenen Stummel, waren fast unverbraucht, nur an ihren Spitzen angezündet und davon angeschwärzt; und damit sah ich meine Aufgabe als erledigt an. Ich ging damit ebenso ratlos in den Raum zurück, verwundert, nicht noch weitere suchen zu müssen. Jetzt denke ich, es war einfach nur Pech, daß ich mich mit dieser Aufgabe nicht beweisen konnte.

Ich träumte, wir führen in einem Zug. Sie saß links neben mir, uns gegenüber saß eine andere und an ihrer rechten Seite ein Rumäne, dessen volle Plastiktüte mit Salat ich in meinen Händen hielt. Er sprach Rumänisch; ich konnte ihm nicht antworten, da ich die Sprache nicht sprechen konnte. Das einzige, das ich ihm sagen konnte, war: »Nu mai stiu sa vorbesc romaneste.« Sie allerdings unterhielt sich angeregt mit ihm, während ich aus seiner Salattüte den ganzen Rest aufaß. Ich verstand, was er sagte und leitete es an sie weiter, ganz selbstverständlich. Er erzählte, daß seine Familie sehr wenig zu Essen habe und so weiter. Daß ich seine Tüte unbekümmert leerte, machte mir in diesem Augenblick ebensowenig aus, als allen anderen auch. Niemand bemerkte etwas.

Wir fuhren eine breite Straße etwas hügelaufwärts entlang — womöglich waren wir gar nicht in einem Zug, sondern in einem Reisebus — und ich erblickte ein stattliches Sandsteingebäude, eine Gaststätte, mit dem Wort ›Fischer‹ im Namen. Eine deutsche Gaststätte in Rumänien, denn spätestens jetzt ist sicher, daß wir dort sein müßten.

Später — es war, als ob wir Schauspieler wären und wieder einmal die Vorstellung hinter uns gebracht hätten — stand ich abseits unserer Gruppe, hinter den schweren, dunklen Vorhängen der Kulissen im Dunklen und hatte eine Plastikschüssel mit ihrem Salat in der Hand, von dem ich auch einiges aß. Dabei überkam mich ganz plötzlich ein unwohles Gefühl und ich begann, einiges von dem schon sehr welken und teils trockenen Salat für den Rumänen aufzusparen, um ihm diesen nachher zu geben.

Ich glaube die Gaststätte hieß ›Peter Fischer‹ aber so genau kann ich das nicht sagen.

Ich träumte, ich ging mit Peter spazieren und als wir am Kanal, hinter der Holbeinstraße entlang gingen und die Fische im Wasser sahen, sagte ich zu ihm: »Sieh nur, wie die Fische sich im Wasser tummeln! Das ist Ausdruck ihrer Freude.« Da sah mich Peter kritisch an und sagte: »Wie kannst Du das wissen? Wie kannst Du denken, diese Fische empfänden irgendeine Art von Freude?« Da entgegnete ich ihm: »Wie kannst Du wissen, daß ich es nicht weiß?« Ich vergegenwärtige mir, daß unser Gespräch fast Wort für Wort so verlief. Wir hielten uns auf einem allgemeinen Platz direkt am Wasser auf.

Ich träumte, ich war in einem großen und dunklen, von vielen unterschiedlichen Menschen gefüllten Saal, an dessen einem Ende sich eine recht kleine und schlecht beleuchtete Bühne befand. Die Stimmung war gut, ja fast feierlich (obwohl ich nicht daran teilnahm, so wie es alle anderen mit großer Begeisterung taten).

Auf dieser Bühne stand ein Mann, der einige Zeit lang etwas redete und dann den nächsten Gast vorstellte und dieser dann unter großem Beifall seine Stelle einnahm, während sein Vorgänger fröhlich winkend die Bühne verließ. Dieser sprach auch über Dinge, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, und stellte den nächsten Gast vor. Es kam sogar vor, daß jemand den letzten Sprecher wieder ansagte und dieser dann wieder den gleichen, so wie eine kurze Verwirbelung oder eine Rückwärtsbewegung innerhalb dieses Verlaufs. Und ein jeder neuer Gast hatte stets dieselbe Aufgabe: angesagt zu werden, auf die Bühne zu kommen, kurz für das Publikum über etwas zu reden (manche sangen aber auch) und dann den nächsten Gast anzusagen — so kam es mir vor. Es war eine endlose und sinnlose Kette von Einführungen und Unterbrechungen; aber die anderen Leute merkten dies gar nicht und jubelten stets von neuem.

Während des Traumes bemerkte ich dies gar nicht, ich war ja daran unbeteiligt und nahm die Dinge einfach so hin, wie sie sich abspielten und hielt es für einen ganz normalen, unauffälligen Vorgang. Aber nun frage ich mich, ob ich nicht doch im Traum richtig lag mit dem Gedanken, es sei alles in Ordnung gewesen (die Struktur als intakt zu sehen!) und nicht, so wie jetzt im Nachhinein, es für eine sinnlose Abfolge von jeweils anderen Auftritten zu halten. Immerhin könnte ich nicht gewußt haben, daß dies keine Aneinanderreihung von Auftritten war, sondern eine Verschachtelung und damit nur ein einziger. Es schien möglich, daß dies keine aufeinanderfolgende und gleichberechtigte Sequenzen seien, sondern ein einziger, in sich geschlossener Vorgang gewesen, dessen Anfang ich leider nicht mitbekommen hatte und weshalb ich nun dermaßen unterschiedlich über die grundsätzliche Art dieses Schauspiels zu denken veranlaßt bin.

Ich hatte nicht nur nicht den Anfang nicht mitbekommen, sondern das Ende ebenso nicht. Ich kann nicht mehr entscheiden, ob es hilfreich und angebracht wäre, Schnittmarken einzufügen, zu teilen, die Teile zu ordnen, Übergänge zu definieren etc. Und wenn dies gemacht werden würde, so scheint es doch auf beide Arten gleichermaßen angewandt werden zu können. Mir kam die Frage, an welchem Ort, in welcher Stadt dies alles passierte und dann fragte ich mich, ob es eine Verbindung zwischen solchen Veranstaltungen geben könnte …

Ich träumte, nachdem ich am Vorabend in einem Buch gelesen hatte, ein Soldat eines römischen Lagers gewesen zu sein, in dessen Umfang ein Apfelbaum eingeschlossen war. Und des folgenden Tages, als unser Heer wieder aufbrach, fand der Eigentümer die Äpfel auf seinem Baum — so reif und wohlschmeckend sie auch waren — alle wohlgezählt wieder. Ich dachte mir im Traum, ich möchte nach diesem Beispiel mit den Früchten der Philosophie verfahren und ihren Baum unangetastet lassen — auch wenn sie ungepflückt herunterfallen mögen und verfaulten. Wer ist der Eigentümer solcher Früchte?

Ich träumte, in einem Geschäft gewesen zu sein; es war kurz vor Ladenschluß. Und während ich herein kam und automatisch meine gewohnte Runde drehen wollte (gegen den Uhrzeigersinn), bemerkte ich eine Veränderung. Ich meinte, die Anordnung der Waren sähe anders aus, als ich es in Erinnerung hatte: Alles war nun zum Eingang, an die rechte Seite hin, vorgelagert gewesen und die mir eingeübten Wege und die Positionen der Waren, sowie die Proportionen des Baus, hatten ihre Gültigkeit verloren. Ich ging dennoch so weit hinein, wie ich konnte und recht bald, nach einigen Schritten, kam ich auch schon an die Kasse, an der eine Frau saß und mir erklärte, es werde einiges umgeräumt, aber ich solle mich davon nicht stören lassen. Es war alles wie sonst auch, nur die Kasse war diesmal mitten im Geschäft. (Sie war natürlich immer noch die Begrenzung zwischen dem Gerchäft und dem Außenbereich — räumlich befand sie sich eben im Zentrum des Baus.) Ich könne trotzdem nach wie vor alle Waren kaufen, ich müsse ihr nur diese benennen und sie würde sie dann für mich holen. Aber es war nicht so; das Geschäft war einfach durch die neu positionierte Kasse plötzlich zweigeteilt: der Bereich davor, in dem es nur wenige Waren gab (Obst und Gemüse, Getränke) und dann der Bereich dahinter, der immer noch so aussah wie vorher, nur mit dem Unterschied, daß ich ihn nicht betreten konnte, sondern die Kassiererin in meinem Auftrag die Waren aus dem Sortiment zusammensuchte. Ich meinte zu ihr, ich wolle keine Umstände machen, schließlich sei es ja schon kurz vor Schließung und ich könne ja am nächsten Tag kommen — hinter mir warteten schon geduldig einige ältere Menschen. Aber sie bestand freundlich darauf, gesagt zu bekommen, was ich noch zusätzlich zu den Sachen wünsche, die ich aus dem kleinen Vorderbereich selbst mitgenommen hatte. Ich sah aber nicht sehr weit in den Raum hinein und konnte mir auch nicht merken was sonst noch im Angebot des Marktes war, also nahm ich einfach nur eine kleine Süßigkeit, die in Augenreichweite hinter der Frau stand und die mir zufällig in den Blick kam. Das tat ich weniger aus Bedürftigkeit, als vielmehr aus dem Gefühl heraus, ihr einen Gefallen damit zu erweisen. Ansonsten wünschte ich nichts mehr und ging. Ohne durch den Laden zu gehen und die Dinge zu sehen, konnte ich nicht sagen, was ich noch kaufen wollte.

Im Nachhinein bemerke ich, wie selbstverständlich diese Prozedur für die Frau gewesen war (sie bestand ja schließlich darauf, mich nicht beirren zu lassen und weitere Waren zu ordern) und ich frage mich, ob dies nicht sowas wie ein Test oder ein Modell für zukünftige Einkäufe gewesen sein könnte. Es schien so, als ob sich für mich etwas geändert hatte, aber nichts für die Verkäuferin.

Ich träumte, ich kam durch die untere Eingangstür (jene, die der Straße zugewandt war; nicht die in den Innenhof führende) in den Flur unseres Hauses, dort wo die Briefkästen auch sind. Dabei bemerkte ich wie ganz nebensächlich, daß mein Name, draußen auf dem Klingelschild, wieder einmal von jemandem unkenntlich gemacht wurde. Die Schrift war zerkratzt — ich wußte, es war mein Name darunter und deshalb reichten auch die von Hand darüber, besser: dazwischen sich drängenden Kratzer völlig aus, um den Namen noch lesen zu können. Für jemand anderen, jemanden, der die vorherige, komplette Schrift nicht kannte, oder der ganz einfach schlecht sah, mußte dies natürlich einen befremdlichen Eindruck machen — dachte ich — ganz so, als gäbe es den Namen ganz und gar nicht mehr (obwohl er ja nur teilweise von Kratzern verdeckt war) oder so, als wäre jemand ausgezogen und müsse nun aufgrund dieser schnell und bürokratisch vorgenommenen Aktion innerhalb der Gemeinschaft von Namen an diesem Klingelschild gar nicht mehr beachtet werden. (Jetzt kommt mir ein seltsamer Gedanke: Denn entweder ich ließ es einfach so sein und die Schrift würde, durch die des nächsten Mieters, ersetzt werden oder ich ersetzte meinen eigenen Namen …) Es hatte eine besondere Bedeutung für mich, denn ich nahm an, jemand würde mich besuchen kommen in nächster Zeit.

Draußen war es hell und sonnig, der Flur war kühl und dunkel. Ich traf einen anderen Herrn, der einige Etagen über mir wohnte, den ich aber immer nur im Vorbeigehen sah oder Draußen, sich mal dem Haus nähernd, mal von diesem entfernend. Er hatte einen, etwas aus der Mode gekommenen Kleidungsstil mit viel Jeansstoff, trug längere Haare und sprach ganz undeutlich, einige quadratische Papierstücke in der rechten Hand haltend und sagte mir, während er dabei seinen Briefkasten auf– und zuschloß und noch mit anderen Dingen beschäftigt zu sein schien, er wolle jedem Bewohner eines davon geben. Auf dem obersten Stück, erkannte ich die Form des Schreibens: Es gab links oben einen dreizeiligen Teil mit dem Namen und der Adresse des Absenders (in diesem Fall war es eine Frau; seine Frau, nehme ich an) und dann mit einigem Abstand darunter einen Text — alles war handschriftlich verfaßt worden. Obwohl ich nur Bruchstücke seiner Worte tatsächlich verstand, war mir klar, er wollte ein System im Haus etablieren — irgendwie mit Buchstaben, welche auf die Bewohner verteilt werden — welches die Leute nacheinander ablösen sollte, in irgendeiner Art von Verantwortung. Ja, er sagte sogar: »Dies ist doch besser, dann hat jeder einmal die Verantwortung.« oder sowas Ähnliches.

Das Hauptprinzip war das der Ablöse und Weitergabe. Ich verstand, wie es funktionieren sollte: Jemand zum Beispiel bekommt etwas, welches er dann einem anderen weitergibt; diesen Erkennungsgegenstand gibt es nur einmal und somit weiß man etwas, wenn man diejenige Person findet, welche ihn gerade hat. Es schien irgendein Problem gegeben zu haben, was ihn veranlaßte, sich eine solche Regelung zu überlegen und diese hier in der Anwendung zu testen Oder kannte er ein solches, bereits funktionierendes System vielleicht von jemand anderem, einem anderen Haus und meinte, hier etwas verbessern zu können?

Ich nahm mir, den guten Willen meines Mitbewohners unterstützend, ein Blatt davon mit, obwohl ich mir sicher war, es würde nicht funktionieren — denn dazu wäre es das Beste, alle Bewohner machten mit. Aber ich dachte, es gäbe mit Sicherheit einen, der nicht daran teilnimmt — ob ihm dies reichen würde?

Ich kam an meine Eingangstür, sie war zu, aber nicht verschlossen. Es überrraschte mich gar nicht mehr, es wartete auch niemand mehr auf mich — ich ging in das Zimmer und sah einige Dinge verstreut herumliegen. Scheinbar (und erstaunlicherweise) fehlte nichts. Ich nickte bei diesem Anblick automatisch und ich erinnere mich, kurz nach dem Aufwachen überlegt zu haben, ob es einen Unterschied gäbe zwischen jemandem, der in eine Wohnung einbricht, um etwas herauszunehmen, was vorher darin war und jemandem, der mit dem Ziel, dort etwas zurückzulassen, in eine Wohnung einbricht. Beides wäre gleichermaßen verboten und hätte dieselbe erniedrigende Wirkung. Für die einen wäre es sicherlich besser, sie würden bestimmte Dinge nach einem Einbruch in ihrer Wohnung zusätzlich vorfinden — Dinge, die sie zum Beispiel dringend bräuchten; dies wäre eine Situation, die vielleicht die wenigsten als Schaden angeben würden. Oder einen fremden Personalausweis etwa. Und für die anderen wäre ein Diebstahl in gewissen Fällen vielleicht ebenso vonnöten, da sie sich dieser Dinge niemals aus eigenem Antrieb entledigt hätten oder sie sich ihnen auf die Dauer als schädlich erwiesen.

Die Frage nach der Bedeutung der Akkumulation oder Reduktion von Hab und Gut hatte ich mit Sicherheit nicht im Traum bedacht; sie ist auch der Frage, nach dem davor stattfindenden Akt des Eindringens, an sich nachgestellt, egal ob dieser mit guten oder schlechten Absichten stattfand … Hätte sich nun also jemand etwas aus der Wohnung genommen, aber nicht mittels eines Einbruchs etwa, sondern auf andere Art und Weise, durch einen gemeinsamen Bekannten, einen Freund oder gar vielleicht durch tägliche Präsenz in dieser Wohnung; und würde nun dieser jemand wollen, daß diese Beschaffungsart nicht auffällig sei, so käme ihm ein nachträglicher Einbruch, bei dem gar nichts entwendet wird, sehr willkommen. Oder würde dennoch etwas entwendet werden bei einem Einbruch ohne Diebstahl? Diese Handlung wäre nun Anlaß genug, alle benötigten Personen, Orte, Gegenstände, zeitliche Abfolgen, Motive etc. so zu fabrizieren, daß der vorherige Diebstahl, ohne den Einbruch unplausibel, konstruiert oder gar nicht bemerkbar bliebe.

Es ist dieser kurze Moment, in dem die Ritze sichtbar wird und man bemerkt, daß es einen Spalt zwischen der Tür und dem Türrahmen gibt, welcher dann Anlaß zur Spekulation gibt, welcher die Lücke zwischen der äußeren und der inneren Welt deutlich macht. — Ich frage mich nun, ob die Frau dieses Herrn auch hier in dem Haus wohnte oder ob er alleine war, denn ich kann mich erinnern, ihn regelmäßig mit einer Frau gesehen zu haben. Ja, manchmal hatte er eine (und sogar die gleiche) Begleitung, aber daraus war nicht klar, ob diese Frau auch mit ihm zusammen, in der gleichen Wohnung, leben würde.

Ich träumte, ich wäre mit meinen Eltern und mitten in diesem Zusammensein fragte meine Mutter unvermittelt mit freundlich-fragender Stimme: »Wollt ihr ein Spiel spielen?«, so wie sie das öfters frug. Und alsbald war auch schon eine Schachtel da, eine von jenen, in denen hundert Spiele zusammengefasst sind für Spieler von 8 bis 88 Jahren.

Aber wie sonst immer (auch wenn sie am Weihnachtsabend frug, ob wir denn in die Mette gehen wollten), sagten wir, ich und mein Vater, eigentlich immer ich und damit sprach ich aber auch für ihn: »nein«. Mir war, als ob diese Schachtel, mit all ihren Spielen, so etwas wie ein Neuanfang böte, eine Art und einen Weg, neben dem Spielen zu Reden. Eine Ausrede. So als ob mit dem Spielen alle Probleme verschwinden könnten. Das nächste Mal, sage ich vielleicht: »ja«. Auch wenn ich nur mit meiner Mutter spielen würde.

Ich träumte, ich kam nach Hause, so wie ich es viele Male zuvor auch gewöhnlich tat und ich fand meine ganzen Sachen auf dem Rasen, in der freien Zwischenfläche zwischen den Gebäuden, stehen und liegen, direkt neben dem Sandkasten und der aufgehangenen Wäsche. Es hatte den Anschein, jemand hätte meine Wohnung ausgeräumt und alles, was sich darin befand, draußen wieder in ihrer ursprünglichen Anordnung aufgestellt. Ich ging zu den Gegenständen, in ihre Mitte hinein und ich fühlte mich — im Nachhinein muß ich sagen: seltsamerweise — wie zu Hause, obwohl ich wußte, jedermann könnte mich von Innen betrachten, aus ihren eigenen kleinen Innenräumen heraus fixieren und beobachten. Ich sah Gesichter aus ihren Wohnungen, aus den Fenstern heraus auf den Platz schauen, wo ich nun ganz selbstverständlich auf dem Sofa lag, auf dem ich sonst tagsüber in meiner Wognung saß. Es wurde dunkel und ich akzeptierte, daß ich nun hier bleiben würde, zumindest für diese Nacht. Ich muß eingeschlafen sein, denn hinterher wurde mir klar, daß niemand die Sachen und Möbel herausgestellt hatte, sondern die Hülle, die Wände drumherum, wie bei einer Glocke abgenommen, hochgezogen wurde und alles an seiner ursrünglichen Position geblieben war.

Ich träumte, ich wäre jemandem gefolgt. Ich bewegte mich, mal nach rechts, mal links herum durch die Zimmer und Flure, eines mir unbekannten Hauses. Mein Blick folgte meinen Augen und sobald ich in einem Zimmer ankam und mich umschaute — einer kurzen Pause gleich — nahm ich die Spur wieder auf und alles begann wieder von vorne. Es waren zwei nebeneinander unregelmäßig verlaufende Schleifspuren, die mich dazu veranlaßten auch diese Tür zu öffnen. Jedes Mal, wenn ich den Spuren weiter folgend, in einem Zimmer ankam, schloß ich immer wieder eine weitere Tür auf.

Im Nachhinein frage ich mich, ob ich nicht an jemanden dachte, der einen Anderen — vielleicht einen Verletzten oder eine Leiche, etwas Schweres und Träges zumindest — hinter sich herzog. Und die Spuren wären dann — in dieser Version — die der Schuhe des Gezogenen gewesen. Ich wußte gar nicht, was meine Aufgabe gewesen und was der Grund dafür war, diese Verfolgung aufzunehmen oder gar fortzuführen.“

Ich träumte, in einer großen Halle zwischen Regalen, die von unzähligen, symmetrisch angeordneten Neonröhren beleuchtet wurden, jemandem gegenüber zu stehen. Diese Frau war meine Vorgesetzte und frug mich einige Dinge, scheinbar um den korrekten und zufriedenstellenden Ablauf meiner Tätigkeit zu überprüfen. Ich fühlte mich dabei unterbrochen, ließ davon ab und begann mich mit ihr zu unterhalten.

Die unzähligen Kontrollfragen wurden dabei von ihr in einem knappen und unfreundlichen Ton an mich gestellt, aber ich wußte auch, daß dies Teil ihrer Arbeit war und nichts mit uns als Personen zu tun hatte. Ich begann, das Interesse daran zu verlieren und fing an die Fragen zu wiederholen, nachzufragen, wie es denn gemeint sei, ließ sie die Fragen anders formuliert wiederholen oder überlegte unnötig lange, bis ich ihr antwortete. Dann stellte ich mich dumm, sagte nichts mehr und versuchte irgendwie auf die Ergebnisse meiner Arbeit zu verweisen, auf irgendwelche Daten und Statistiken, an denen sie dies ebenso ablesen hätte können und wollte in Ruhe gelassen werden. Und dann verlor sie die Geduld und zum Schluß, als sich die Situation zugespitzt hatte, sagte sie abschließend noch eine Sache zu mir, die für mich eine persönliche Beleidigung war, die nun gar nichts mehr mit ihrem anfänglichen Anliegen zu tun hatte.

Sie ging weg und ich wußte, ich war hier, in meiner alten Position, nicht mehr erwünscht. Mein Ausweichen, mein Verweigern, veranlasste sie dazu, mir einen ehrlicheren Kommentar zu geben, den ich sonst nicht zu Ohren bekommen hätte. Diese künstlich provozierte Bemerkung ließ mich mehr über mich erfahren. Mir schien, dies sei der Preis für eine solche Erkenntnis gewesen.

Das merkwürdige daran war aber, daß sie selbst bei dieser abschließenden Beschimpfung, einen für uns beide typischen Fachterminus benutzte und es mir nicht einfach in Deutsch sagte.“

Ich träumte, jemand, der mein Vater sein könnte, kam herein und rief uns zu, während wir drinnen spielten: »Schnell Kinder, das Haus brennt! Rennt heraus! Wieso merkt ihr denn nichts?« Wir nahmen ihn aber nicht ernst und spielten weiter mit unseren Puppen, Baggern und Bussen. Dann plötzlich meinte er, draußen gäbe es noch viel mehr und viel schönere Dinge zum Spielen. Wir eilten alle nacheinander durch die einzige Tür des lodernden Hauses nach außen.

Selbst das mit dieser Geschichte Gemeinte bleibt ein Traum.“

Ich träumte, wir wären alle auf großer Schatzsuche und reisten gemeinsam in die Ferne. Alle waren sehr müde und keiner außer dem Reiseleiter wußte, wie lange die Reise noch dauern würde — geschweige denn wo der Schatz vergraben wäre. Daß es diesen gab, wurde uns vor dem Reiseantritt aus tiefstem Herzen versichert.

Plötzlich kamen wir zu einer Stadt, erholten uns, bekamen aber nach der Pause von unserem Leiter gesagt, er hätte diesen Ort durch Magie entstehen lassen. Er hätte zudem einseitige Kulissen von seinen Helfern aufbauen lassen, da das Ziel noch in der Ferne sei und sich sowieso keiner von uns so weit weg bewegen würde, daß die Außensicht der Kulissen sichtbar würden. Unsere Raststätte sei nur eine Zwischenstation und eine Zauberei.

Wir waren alle enttäuscht, manche gar verärgert, aber sehr ausgeruht; und nach einiger Zeit legte sich unsere Enttäuschung, samt Frust und wir reisten weiter.“

Ich träumte des öfteren beim Arzt gewesen zu sein und ihm von meiner Krankheit zu berichten. Er diagnostizierte zuerst die ›Seinskrankheit‹, denn ich glaubte alles sei — er gab mir ein bestimmtes Heilmittel. Ich kam aber wieder, denn ich hatte dann die Krankheit des ›Nichtseins‹, denn ich glaubte alles sei gar nicht. Er gab mir wieder etwas, damit ich geheilt wurde. Ich kam aber ein drittes Mal zu ihm, denn ich fand die Heilmittel so beruhigend und wohltuend und wollte mehr davon.

Ich träumte diese szenische Abfolge in Anlehnung an etwas viel Ernsterem, das ich einmal irgendwo las. und das mich scheinbar selbst im Traume beschäftigt.“

Ich träumte, in einem Zug gewesen zu sein, welcher an seiner Endhaltestelle — kurz vor einer tiefen Schlucht — angekommen war. An die Fahrt konnte ich mich nicht mehr erinnern — ich muß geschlafen haben, denn ich hatte das Gefühl soeben aufgewacht zu sein.

Die Szenerie ähnelte der eines Westerns. Meine Reise war zu ihrem Ende gekommen, ich stieg aus dem Waggon aus, ging den staubigen Pfad entlang der Schienen zurück, bis ich auf jemanden stieß. Ich begegnete einem Mann, der mich anlächelte und musternd von oben bis unten ansah und zu mir meinte, ich sei wohl nicht von hier, nicht aus dieser Gegend. Ich bezog seinen Kommentar auf Details an meiner Kleidung. Mir war klar, daß ich ihm Recht geben mußte, um keine weiteren Nachfragen zu provozieren, denn ich wußte, der Grund für mein Auffallen war, daß ich aus einer anderen Zeit kam. Dies traute ich mich ihm aber nicht zu sagen.

Sollten Zeitreisende uns einmal in der Zukunft besuchen, so näme man bestimmt von ihnen an, sie wären von einem weit entfernten Ort gekommen und nicht aus einer anderen Zeit.“

Ich träumte — wie schon viele Male — jemand wäre in meiner Wohnung gewesen. Es ist jeweils eine andere Version, obwohl die Wohnungen immer gleich aussehen; eine leicht modifizierte Konstellation desselben Geschehens in gleich aussehenden Räumen, gleichen Grundrisses. Draußen im Flur saß ein Pärchen: Er mit dem Rücken zu mir; sie ihm und mir und der Eingangstür gegenüber sitzend und beide waren beim Pausieren. Sie saßen auf den Treppenstufen und aßen ihre Jause, die lange, pechschwarze Leiter mit den regelmäßigen, aus runden Holzstäben gefertigten Sprossen zwischen den Etagen angelehnt und diese von unten bis oben hin hindurch verbindend. Für mich war in diesem Moment klar, daß sie sich damit durch das offene Küchenfesnter Zugang zum Inneren verschafft hatten.

Es war fremd in meiner Wohnung, leer die Zimmer, die ich auf meinem Weg zur Tür passierte; — und ich stand so da, in der Türschwelle und sah ihnen beim Essen zu. Sie bemerkten mich scheinbar nicht, was mein Gefühl der Machtlosigkeit in dieser Betrachtung wohl zum Ausdruck bringen sollte. Sie redeten auch nicht, sie machten Pause in etwas, dessen Anfang ich nicht bemerkt hatte und dessen Fortsetzung noch bevor stand; aber sie waren sich in etwas einig. Ich war irgendwie selbst schuld, das Fenster so offen zu lassen und insbesondere so viele, für Andere nach Außen hin, als begehrenswert erscheinende Dinge, zu Hause zu haben. Wenn ich es mir recht überlege, war ich nicht traurig oder gar wütend — ich hätte ihnen die Sachen gar so gegeben. Welche Sachen eigentlich? Ich vermißte gar nichts, obwohl es leer war. Das einzige, was eine Leerstelle hinterließ, war mein Bild, das ich einige Wochen vorher, aus einem unabgesperrten Dachbodenabteil mitgenommen und in das Zimmer gehängt hatte.

Ich muß noch einiges tun, bis jeder Dieb enttäuscht mit leeren, hängenden Armen meine Wohnung verläßt. All dies scheint auf einem Mißverständnis zu beruhen.“

Ich träumte, in einem Zimmer gewesen zu sein und in einer Ecke, mir gegenüber, befand sich ein Lesesessel, auf den ich zielstrebig zuging — ich wollte mich darauf setzen, warum auch immer. Doch sobald ich nahe an ihm dran war, entschwand er. Ich dachte: »Also war es kein Sessel, sondern eine Täuschung!« In ein paar Sekunden sah ich ihn aber wieder, an genau der gleichen Stelle stehen. In der Zwischenzeit wandte ich mich davon ab und betrachtete die Struktur und die feinen Risse der Wand. Ich dachte: »Also war der Sessel doch da und sein Verschwinden war eine Täuschung!« und wachte mit einem Lächeln auf, so wie es nur ganz, ganz selten passiert, wenn man im Traum einen noch unbekannten oder vergessenen Witz erträumt oder eine Geschichte, die man mal gehört oder gelesen hatte — oder wenn man meint, eine ganz besondere oder neu entdeckte Bedeutung in dem gerade Geträumten zu erkennen. Irgendwie war ich zufrieden und konnte direkt wieder einschlafen.“

Es ist schon länger her, aber ich träumte, ich wäre in einem wunderlichen Land — war ich Einwohner, Bürger oder Reisender auf der Durchreise?

Mein Mantel lag an einer bestimmten Stelle — hatte ich ihn verloren, vergessen, liegengelassen? —, an die ich ich mich aber sehr gut erinnern konnte. Ich wußte, er lag in einer tiefen Furche, auf einem Ackerboden, neben dicken, trockenen Schollen aus lehmiger Erde. Es gab einen dunkelgrünen Waldrand an der einen Seite dieses Feldes. Auf meinem Weg dorthin, kam ich an einer Stadt vorbei (es war mein Rückweg), denn ich mußte die von ihr wegführende Brücke benutzen, um zu der Stelle gelangen zu können. Ich weiß nicht, ob sie der Gewässer wegen erbaut wurde, denn ob sie über einen Fluß führte, kann ich nicht sicher sagen. Es war eher, wie eine darübergelegte Verbindung zwischen dem Land, den Äckern und der Stadt, welche die Hauptstadt dieses Staates gewesen sein muß.

Als ich mich dem Zentrum dieser Stadt näherte (dazu mußte ich keine Brücken passieren — die einzige lag im rechten Winkel, rechts abseits meines Weges und führte in die leicht hügelige Stadteinfahrt), wurde ich ihres Glanzes und der glitzernden Steine, des Schmuckes und des strahlenden Prunkes erst gewahr. Ich war erstaunt, diesen Ausblick zu haben, aber auch darüber, dies so klar und deutlich zu träumen, eine dermaßen hohe Auflösung zu erblicken.

Ich fand meinen Mantel tatsächlich wieder und legte mich zu ihm auf den feuchten Boden, in ihn hinein, wie in eine perfekt passende Hülle, in die man ohne jeglichen Zwischenraum schlüpfen kann und blieb dort in der Furche liegen und wartete darauf, einzuschlafen. Ich glaube, ich tat dies, weil ich auf meinem Weg aus der Stadt heraus, ab dem Betreten der Brücke gehetzt wurde oder besser: mich so fühlte, denn an Bewohner kann ich mich nicht entsinnen und begegnet war ich auf meinem Weg auch niemandem. Vielleicht hatte ich es auch nur eilig hierher zurückzukommen.

Ich träumte, unser Haustier lebte noch und befände sich immer noch in seinem inzwischen vollkommen zugewachsenen Käfig im Keller. Als ich zufällig hinunterging in diese angenehme, vom feuchten Lehm abgegebene Kühle, an den Holzlatten und Kartoffelkisten vorbei (eigentlich sollte ich meiner Mutter etwas holen, das sie zum Backen brauchte), sah ich ihn in seinem erbärmlichen Zustand — er war wie der Robinson Crusoe gewesen sein muß: zottelig, scheu, verdreckt, scheinbar paranoid und starren Blickes … wir schauten uns eine Weile gegenseitig in die Augen, dann lief ich wieder hinauf und rief meiner Mutter »Er lebt! Er ist im Keller!« zu. Sie aber war sich sicher, er wäre dort nicht und sagte nur völlig gelassen und beiläufig, daß er schon seit langer Zeit gestorben sei. Das wußte ich natürlich. Mir blieb nur das schlechte Gewissen, mich früher nicht genug um ihn gekümmert zu haben.

Ich träumte, ich befände mich in einem kleinen und dunklen Laden, gerade nachdem ich der Frau hinter dem Tresen einige Pfandflaschen überreichte. Es war eine ganz gewöhnliche Situation: Draußen war es hell vom Tag, hier drinnen kühl und das Licht gedämmt. Hinter dem Tresen stand noch eine andere Person: ein dicker und glatzköpfiger Mann, welcher die ganze Zeit lang stumm war. Zuerst dachte ich, die Frau hätte mir einen Schein auf den Tresen gelegt und ich war erstaunt, denn dies mußte eindeutig zu viel Geld sein, für die wenigen Flaschen, die ich ihr gab. Als ich nach dem schon sehr abgenutzten und leicht zerdrückten Schein (es waren 20 Mark) greifen wollte, fand ich drei unterschiedlich große Münzen in meiner Hand. Zuerst ging ich davon aus, dies sei nun der richtige Betrag, aber ich erkannte die Fremdheit der Münze in der Mitte: Sie war die größte und ich hatte eine solche noch nie gesehen. Es war ausländisches Geld. Ich sagte der Frau, ich könne doch damit nichts anfangen und wollte richtiges Geld von ihr. Sie aber meinte sehr bestimmt, dies sei nicht möglich und außerdem hätte sie allen anderen vorher immer wieder gesagt, daß sie jedem die Münzen gebe, die sie verdienten. Ich sah auch den Mann zu ihrer Linken an, der wie beschämt wegschaute, aber nichts sagte. Ich sah die Frau, mit verschlossenen Armen und mit dem Rücken an das Holzregal angelehnt stehen, nichts mehr erwiedernd. Woher hatte sie das Geld?

Ich träumte, es war Nacht und wir waren in England vor einem Wohltätigkeitsladen und warteten auf den nächsten Bus. Das Gerücht ging um, am Morgen fuhr der letzte und der nächste Bus werde in Bälde kommen. In die entgegengesetzte Richtung fuhren regelmäßig welche, so daß sich auf der anderen Straßenseite nur wenige Wartende ansammelten.

Die Menschen wurden immer mehr, dazwischen Gespräche auf der Straße. Ich vertrieb mir die Zeit, indem ich in den Laden ging und mir die Sachen anschaute; so wie man dies tut, wenn man nicht gezielt nach etwas sucht, sondern seinen Blick über die Dinge gleiten läßt.

Der Raum war sonderbar leer und in ihm befanden sich Tische mit Dingen in Haufen darauf und spärlich gefüllte Schränke an den Wänden. Und tatsächlich glitt mein Blicken ohne jegliche Reibung durch den Raum und über die verschiedenen Dinge — wie eine geschwungene Linie, wellenförmig, an ihnen entlang. Es hatte etwas von einer Wohnungsauflösung oder einem Ausverkauf, bei dem die zu verkaufenden Dinge immer nur weniger werden.

Der Verkäufer erklärte mir — ohne daß ich danach frug — etwas zu einer seltsamen, ausländischen Kamera, die man wie ein Visier vor beide Augen hielt. Ich nehme an, sie funktionierte nicht, beziehungsweise, daß sie ohne weiteres Spezialzubehör, quasi unbenutzbar war — ganz abgesehen von den Filmen, wenn sie denn welche benutzte.

Draußen glich die Menge einem Flüchtlingslager und ich telefonierte mit einer Freundin, die gerade in New York war und mir versicherte, heute morgen den Bus genommen zu haben. Ich beschloß, nicht länger zu warten und versuchte mein Glück an einem der Ausgänge abseits dieser Straße. Er war wie mit Gerümpel verstellt: Ein kostbar aussehender Sessel lag verkantet zwischen beiden Seiten. Er stand gekippt auf zwei Beinen.

Ob ich hier entlang ging, weiß ich nicht mehr, aber daß ich eine jugendliche Stimme im Gang den anderen zurufen hörte: »Kommt schnell her, es ist einer.« — sie meinte wohl: ein bestimmter, einer von einer gewissen Anzahl — »Es wird viele Unfälle geben …«. Ich hatte das Gefühl, sie erhofften sich bei mir viel holen zu können; so wie ein Tourist, nachdem er ausgeraubt wurde in jenem Stadtteil, vor dem er gewarnt wurde hinzugehen, sich ausgenutzt und mitschuldig fühlt. Ich war erstaunt, daß diese Kinder sich so viel von mir erwarteten. Das Aufwachen war unvermeidlich.

Schließlich heißt es doch: »Wer es dahin schafft, schafft es überall«. Oder heißt es: »Wer es da schafft, schafft es überall«?

Ich träumte, ich war irgendwo am Rande einer Stadt (an deren Vorstadt) — es war Tag und sehr sonnig (wie in einer Wüste) — und ich ging von Draußen herein in einen Wohnanhänger, der innen wie ein Zimmer ausgestattet war. Ich sah mich um — an allen Seiten war er begrenzt — und bemerkte sofort, daß hier kein Bett darin war. Ich war erstaunt, ja ich erinnere mich, ich war sogar leicht erbost, daß selbst dieses nicht zu dem Inventar dazugehörte. Ich war enttäuscht und machte mir Gedanken, ob es wohl ginge, hier zu leben und auf dem Boden zu schlafen oder auf dem Tisch. Ich empfand diesen Raum als mir zugewiesen.

Der Traum wurde unterbrochen, es gab einen Sprung und plötzlich bewegte sich der Raum und fuhr. Eine Freundin stand draußen und rief mir zum plötzlichen Abschied etwas hinterher, während ich, ohne Kontrolle über den Wagen zu haben, versuchte diesen auf die Fahrbahn zu bringen und mich in den Strom der anderen Wagen einzuordnen und nicht mit diesen zusammenzustoßen. Ich sah mich um und erblickte die Gestalt meiner Freundin, sich verabschiedend und von Staub umgeben, dem Wagen hinterherlaufen. Aber bald darauf kam ich auch schon an eine Ampel, an der ich versuchte den Wagen zum Stehen zu bringen, was mir aber nicht gelang; die Ampel schaltete dann auf Grün und der Wagen fuhr ungebremst weiter, immer weiter in Richtung Stadt. Ich begab mich, ohne Kontrolle über mein Gefährt, und ohne dies überhaupt zu wollen, immer weiter und immer schneller gen Zentrum — die Strecken kamen von rechts und von links immer wieder zu großen Fahrbahnen zusammen, welche dann wieder — durch Ampeln und Zugübergänge abgegliedert — in immer breitere Strecken mit unzähligen nebenherlaufenden Fahrbahnen mündeten.

Ich war Teil dieses Stromes, mich dem vermeintlichen Zentrum nähernd, ohne überhaupt zu wissen, wer oder ob sich überhaupt jemand in den anderen Wägen befand.

Jetzt im Nachhinein kommt es mir fast schon ironisch vor, daß ich mir eine Situation erträumte, die ihre eigene Grundlage in Frage stellte: Es gab ja kein Bett in diesem Wagen, den ich in meinem Bett liegend geträumt hatte. Dazu war es ausgerechnet noch ein Wohnwagen — wie sollte ich darin wohnen, ohne einen Platz zum Schlafen zu haben?

Aber ein Bett ist ja schließlich nicht die Bedingung für das Träumen — es ist, ja man kann sagen, ein Vehikel dafür. Träume sind doch nichts anderes als eine andere Art des Denkens, welche durch den Schlafzustand ermöglicht wird. Sichtungen, Visionen bei Nacht.

Ich träumte, auf dem Bauch zu liegen und von jemandem begutachtet zu werden. Meinen Kopf in beiden Händen haltend, zunächst hin und her in einer Schaukelbewegung wendend, dann nach allen Seiten hin neigend, ging ich diese Achsenbewegungen mit geschlossenen Augen freiwillig mit. Mir war, als hätte sich die Welt von außen einen Zugang zu meinem Kopf gebahnt, die nun beide auf ihre Richtigkeit hin untersucht werden sollten.

Ich träumte von jemandem eine Situation, eine Kette von Begebenheiten geschildert zu bekommen. Ich kannte dies alles schon, da mir das Gleiche von einer Freundin ein paar Tage zuvor erzählt wurde. Es war so, als wiederholte sich dies nun in meinem Traum — im letzten Moment aber, nachdem mir bewußt wurde, daß dies eine Aufarbeitung dieses Gesprächs war, erkannte ich, daß mir dies nicht von dieser Freundin selbst, sondern von der anderen Person, auf die sich die Schilderungen bezogen, erzählt wurde. Ich hatte nun das Gefühl alles von beiden Seiten einheitlich, in der gleichen Weise erzählt zu bekommen — mit mir als Mittelpunkt und Membram, nach beiden Seiten hin permeabel — und so den Eindruck von Wahrheit, von Kongruenz. Lediglich der Erzähler war ausgetauscht, die Begebenheiten aber die gleichen geblieben. Was für eine Art von Ersetzung fand hier eigentlich statt?

Ich träumte (nachdem ich am Vorabend einen Film geschaut hatte), ein starkes und sättigendes Gefühl in mir gehabt zu haben und die Wahrheit über die Entdeckung des Benzolringes zu erfahren. Dies war nur eine kurze Episode und mehr ›Geschichte‹ (wie sie sich sonst, in meinen Träumen meist entfaltet) war diesmal nicht dabei.“

Jemand, der mir sehr nahe ist, erzählte mir von seinem Traum: Ich habe geträumt, ich war mit einer Freundin in einem großen Saal. Zu ihm führte eine breite, zweiarmige Treppe, alles war hell erleuchtet und funkelte. Wir hatten, ebenso wie die anderen Mädchen, bonbonfarbene, barocke Kleider an, aus glänzendem Satin.

In dem Saal probten einige Mädchengruppen einen Tanz — so auch wir. Wir waren vielleicht zu Zehnt in unserer Gruppe.

Für den Tanz gab es einen Text, den es zu tanzen galt. Nach einer Weile bekamen wir Ideen, aber nur für den zweiten Akt, der erste erschloß sich uns nicht und blieb langweilig.

Also schlug ich vor, den ersten Akt doch einfach wegzulassen und mit dem zweiten zu beginnen. Das taten wir auch. Alle hatten Spaß, außer mir, ich stand mitten in der Gruppe und fühlte mich allein und traurig. Ich hatte, glaube ich, keine Rolle im zweiten Akt.

Dann lief ich weg, meine Freundin kam hinterher und wollte mich trösten. Mir kamen die Tränen, aber ich wollte nicht, daß sie das sieht.

Mit diesem Gefühl bin ich aufgewacht.

Obwohl dieser Traum nicht von mir stammt, so erkenne ich mich darin wieder und bin darüber erstaunt; denn er hätte auch mein eigener sein können.“

Ich erwachte und erinnerte mich daran, geträumt zu haben, ich wäre im Traum, als Beobachter meiner Träume, deren Inhalt einen Schritt voraus gewesen. Ich war nicht innen in der Handlung meiner Träume, sondern befand mich darüber, davor. Als ich aber aufwachte, hatte ich erst diesen Gedanken — der Inhalt, dieses im Wachzustand gefaßten Gedankens, reichte ganz tief in den Traum hinein und fußte darauf. Wie ineinander verschachtelte Schachteln.

Es ist noch keiner aus seinem Leben heraus aufgewacht, so daß er dieses wie im Traume betrachten könnte. Doch der Last entledigt, kann man sich an so vieles nicht mehr erinnern.

Ich habe einen Traum, der nicht verfliegt, sondern erst noch Gestalt annehmen muß.



Tagebücher

Freitag, den 6.Oktober 1989

Wenn dies hier alles vorbei ist, schaue ich mir die Welt an.

Ich sah vorhin aus dem Fenster, aber Du hast mich nicht gehört. Am Horizont ein Feuerwerk. Du gingst vorbei und hast nichts gesagt. Sollte ich von Dir verlangen, daß Du mich befreist? Ich will es nicht, bedarf aber Deiner Hilfe. Ich will nicht, daß Du mich freisetzt, denn dann hast Du wieder etwas getan und ich habe nichts dabei gelernt. Ich brauche keine Geschenke.

Heißt nicht, frei zu sein, auch verloren zu sein? Früher ging man in die Wüste oder wurde zumindest dorthin geschickt. Komm, laß uns die Fahnen im Wind betrachten. Wecke mich, wenn es vorbei ist.

Freitag, den 6.Oktober auf Samstag, den 7. Oktober 1989

Ich lag so da und mir schien heut’ Morgen, als ob der Schlaf meinen Traum behüten wollte. Wie kann der Traum den Schlaf verlängern?

Mit dem ersten Wahrnehmen der weißen Struktur an der Wand war mir auch bewußt, nun wieder wach zu sein. Woanders, auf der anderen Seite. Und ich mochte den Gedanken und lächelte bei der Vorstellung, ich wurde von dem Traum hinausgezögert.

06:10 Uhr

Manchmal schreibe ich mir kurze Anleitungen, Merkhilfen oder noch genauer auszuformulierende Ideen — davon bleibt aber nicht mehr viel übrig, denn sobald ich sie dann in die Tat umsetze, werden sie unerkennbar und verschmelzen mit dem Übrigen. Ich sitze bei mir auf dem Sofa und sende mir selbst Botschaften, die ich an anderer Stelle in der Zukunft wieder lesen werde – auch diese hier war einmal eine solche. Und nun ist sie weder bei mir, noch vor- oder nachgestellt.

Mir scheint, das Aussetzten der Sprache sei hierin die Grundbedingung für das Schreiben.

Ich muß mit den Sätzen an meinem eigenen Leben arbeiten, so daß ich nicht noch einmal neben mir stehe.

06:21 Uhr

Heute saß ich alleine so da und meinte plötzlich, eine Stimme zu hören. Ich verstand davon nichts – nur gut, daß ich nicht im Freien saß, sondern Drinnen war, so daß mir die ganze Situation nicht gänzlich unerklärbar blieb. Ich saß so da und meinte, jemanden zu hören, aber es war nur mein eigenes Átman.

06:43 Uhr

Soll ich wirklich glauben, der Herr Immanuel Kant spricht zu mir, wenn ich die Schriften lese, die seinen Namen tragen? — Auf was beziehe ich mich denn, wenn ich von Kants Ideen rede? Auf die Person oder auf das Bild, das davon übrig blieb und nun geisterhaft durch die Hörsäle und Publikationen schleicht? Was habe ich davon, was hat man generell als Gesellschaft davon, zu wissen, eine bestimmte Person, hätte diese Texte genau so verfaßt wie sie aktuell vorliegen? Was ist mit Sokrates’ Reden?

Was dächte Kant, läse er seine eigenen Sachen, was dachte Nietzsche, als er seine eigenen Schriften las? Was wird passieren, wenn ich meine eigenen Aufzeichnungen lesen werde?

Mir ist manchmal so, als ob in den ganzen Büchern gar nichts darin wäre, gar kein Wirkstoff, der einen beeinflussen könnte — sondern: Man freut sich die ganze Zeit darauf, ist darauf konzentriert, behält es im Bewußtsein und dann bei der Anwendung ist gar kein Wirkstoff mehr nötig, — es hängt vielleicht alles nur von seiner Vorbereitung ab?

Die Frage ist doch: Was ist es an einer Person, einem Text, etwas Vor- und Gefundenem, das man interessant und spannend findet? Was ist das Fesselnde daran oder darin?

Vermittels dieser Bücher hoffe ich, aus ihnen heraustreten zu können, durch sie hindurch zu gehen, sie zu überwinden. Sind sie Mittel zum Zweck? Ich habe den Eindruck in diesen Büchern zu leben … wo stehe ich?

Ein ganz und gar anonymes Werk aber ist für Dritte nicht verständlich. Es ist nach Außen hin — ohne weiteren Bezugsrahmen — nicht verständlich kommunizierbar. Obwohl der Autor als solcher, auf jeder Stufe der Kette, fraglich und austauschbar bleibt, besteht die Forderung nach einer Kausalitätsbeziehung zwischen Werk und Schöpfer, formal stets weiter.

Doch wer, außerhalb eines Textes, sagt und meint was? Ist nicht der Letzte in der Kette der Meinungen der eigentlichen Sagende? Unabhängig von allen anderen Sagen und Verstrickungen?

Schriftsteller schreiben Bücher, fiktive Geschichten – Philosophen schreiben über die Wahrheit. (Was aber nicht heißt, sie schrieben auch die Wahrheit.) Was, wenn die (geschriebene) Philosophie nur eine Ansammlung von Geschichten wäre? Fiktive Werke, in die der Leser zeitweise eintauchen, seine eigene Realität damit vergleichen oder mit der beschriebenen tauschen kann? Welcher Motivation bedarf es, als Philosoph zu schreiben? Was treibt sie an, solche Mutmaßungen und Zusammenhänge zu konstruieren? Die neuen Philosophen vielleicht, weil sie die alten widerlegen, angreifen, verbessern, bestätigen, zitieren etc. wollen. Was, wenn es eine Reihe von in einer Urgeschichte verankerten Mißverständnissen ist, welche aber nie schriftlich verfaßt wurden?

Jemand muß dies ernsthaft in Betracht ziehen und prüfen.

08:00 Uhr

Ich beschloß heute, in meiner Wohnung kein Gemüse mehr anzubauen, wie mein Vater es auf dem Ackerboden vor mir tat, sondern nur noch gelegentlich, sofern mir danach sei, Blumen zum Blühen zu bringen. Im Heimlichen. Meines Vaters Vater war ein Bauer, wie so viele Väter anderer es auch waren. Davon blieb der Name übrig. Ich wandle mich langsam, denn alles, was ich brauche, wird mir von anderen hergestellt und ist greifbar nahe. Ich richte mich nach diesem Angebot, bediene mich daran, wie alle in meiner Umgebung und hoffe, die Grundlagen dabei nicht zu verlernen. Dies ist meine Blütezeit. Doch was hat mich bestäubt?

Ist Philosophieren nicht wie exotische Gewächse züchten? Man erstellt ›strains‹, genetische Auswahlen der besten bzw. schönsten, bekömmlichsten, bequemsten Phänotypen und deren Kombination untereinander. Dabei sind bestimmte Kombinationen unmöglich bzw. zeigen erst in späteren Generationen Resultate oder Degenerationen, Krankheiten, Mutationen, Phänotypen. Manche darin enthaltenen Ideen sind dominant bzw. rezessiv.

Ich wünschte, jemand stellte mir eine neue Evolution auf, denn die jetzige ist eine Lüge.

08:27 Uhr

Was der Sinn des Lebens sei? Ganz einfach: Versuche freundlich zu anderen, ehrlich zu Dir selbst zu sein, mache ein paar Kinder während Du noch jung bist, respektiere die Welt um Dich herum, vermeide den Umgang mit habgierigen Menschen, gehe ab und zu spazieren, höre Musik. Und ja, denke hin und wieder an den Sinn des Lebens, auch wenn Du von den Vorgaben der anderen umgeben bist. Lasse einiges offen.

Du mußt Dein Leben nicht ändern, denn Dir steht alles noch bevor. »Du mußt Dein Leben ändern.« – dies wurde schon oft als Allheilmittel propagiert. Gelegentlich höre ich es wieder im Vorbeigehen.

Immer dieses Müßen … es hinterläßt ein Gefühl der moralischen Verschuldung … etwas nachzuholen, irgendwo endlich anzukommen, endgültig das richtige Sofa und den richtigen Schrank für seine kleine Wohnung gefunden zu haben, endlich ein Problem als gelöst abzutun.

Manchmal wenn man im Zug sitzt und die vorbeifahrende Landschaft betrachtet, haftet sich der Blick an die vorbeiziehenden Dinge, manchmal sogar so gierig, daß man, obwohl alles mit Sicherheit vorbeikommen wird, bereits mit den Augen an den Rand springt, um die Dinge ein paar Momente früher zu sehen. Es kommt doch alles einmal in den Blick — keine Notwendigkeit vorauszuschauen. Warum in die Ferne schweifen?

Je weiter ich eine Sache von mir wegschiebe, desto besser kann ich diese betrachten. Denn ich selbst bewege mich relativ schnell und so erspare ich mir beide Bewegungen zu synchronisieren.

Wissenschaft beginnt dort, wo Objektivität gesichert ist.

Spricht man vom Mittelmaß oder von den Tugenden des mittleren Weges, so werden diese meistens maßlos unter- oder überschätzt.

09:40 Uhr

Von all den Bildern, die mir eine Zeit lang so nahe waren, habe ich den Großteil vernichtet — es hat mich viel Mühe gekostet. Man kann sie weder leicht zerreißen, noch sonstwie auslöschen. Ich mußte sie verbrennen. Als von den vorherigen Bildern in meinem Waschbecken nur noch Asche und Rauch übrig war, blieb ich bei einem stehen, als ich mir die Person darauf genauer ansah. Ich hielt inne, denn mir war so, als wäre die Verbindung zu der dargestellten Person zu stark. (So wie man sich erzählt, manche indigene Stämme glaubten, mit jeder Aufnahme auch ein Teil ihrer Seele herzugeben.)

Obwohl es doch nur ein Bild war, zog es eine Grenze zwischen mir und dem, auf was es verwies. Und wieder hatte ich das Gefühl, hier wurde etwas ausgetauscht, ersetzt. Über die Reihenfolge hatte ich mir vorher keine Gedanken gemacht, denn ich hatte vor, ausnahmslos alle zu verbrennen. Dieses eine Bild ist sowohl Teil der verlorenen, als auch der übrigen. Ich werde aber niemals alle los.

Manchmal bin ich ja schon geneigt, auch einen Abzug von den gefundenen Negativen zu machen, mir die Chemie zu besorgen, mit den Papierformaten, den Gradiationen, mattem oder glänzendem Papier zu experimentieren – aber ich habe ja noch einige Polas übrig und vielleicht mache ich ja ein paar Bilder von den Bildern, vielleicht wie sie so zufällig auf dem Tisch liegen oder geordnet an der Wand hängend …

Ich habe die ganze Zeit lang immer nur mein Augenmerk auf die dargestellten Personen gelegt – nun frage ich mich, wer denn diese Bilder gemacht haben könnte. Näme ich alle zusammen, so könnte ich vielleicht den jeweiligen Urheber ausfindig machen, herausrechnen.

11:28 Uhr

Beschreibung einer Skizze: Zuerst gibt es einen gepunkteten Strang, der mit einer geschweiften Klammer mit »Beobachtung« beschriftet ist. Darunter spaltet sich dieser, wie in einer Sanduhr, nach unten rieselnde Strang, mittels zwei Pfeilen nach links und rechts. Links ist ein angedeuteter Papierstapel und ein umkreistes »er«, rechts davon steht »mein Teil« und ein angedeutetes aufgeschlagenes Buch. Dieser ganze zweite Teil — unterhalb der Beobachtung —, ist mit einer geschweiften Klammer, mit der Bemerkung »Sortieren« markiert. Dieses ganze Gebilde hat nun wieder eine, alles umschweifende Klammer, deren Spitze nach Unten zeigt. Darunter: 1. Beobachtung des Gesamten 2. Wieder Einordnen? Zu wem?“

11:41 Uhr

Gestern Morgen, um kurz nach fünf, hatte ich einen festen Sitzplatz in der Bahn und konnte dadurch vieles leichter und weniger umständlich aufschreiben. Es ist wirklich eine Schande, daß man im Stehen nicht schreiben kann. Man muß gehen, damit …“

12:00 Uhr

Als ich unlängst mit Milam unterwegs war, sahen wir eine Inschrift über dem Eingangstor eines Kranken– oder Irrenhauses: Er übersetzte es folgendermaßen: »survival of the fittest«. Milam meinte spöttisch im Vorbeigehen »… aber schau doch – sie sind verrückte Männer!«“

Mittag

Zwei Stunden Warten vor dem Blumen Hanisch. Niemand, den ich kannte, kam vorbei.

Eine Uhr nehme ich mir nur selten mit, aber tue ich es, so habe ich das Gefühl, ich sei ein kleiner Weltmittelpunkt und alle anderen Uhren, an denen ich vorbeigehe, müßten sich nach meiner eigenen richten. Als ob die Sonne einen zweifachen Schatten über ein und den gleichen Stock werfen könne. Habe ich keine dabei, vergeht mir die Zeit schneller und ich bemerke den Unterschied zwischen der, von den, von mir passierten Uhren, angezeigten Zeit, nicht mehr.

Fragt mich jemand, wo ich am Samstag zu einer bestimmten Uhrzeit gewesen bin, so frage ich mich zunächst, wo ich denn jetzt bin.

15:09 Uhr

Als ich meine alte Schreibmaschine vor einigen Tagen, zum Verschenken in den Flur stellte, befiel mich so ein sonderbares Gefühl, damit auch etwas von mir selbst herzugeben — so als müßte ich, vor der endgültigen Über- bzw. Abgabe, sicherstellen, daß ich nichts Persönliches darin zurückgelassen hätte (aber nicht nur ein versehentlich vergessenes, vielleicht noch nicht einmal beschriebenes Stück Papier zum Beispiel), so als könnte der neue Besitzer damit auch meine Gedanken überreicht bekommen, die in den Tasten und dem Gehäuse potentiell stecken, sich verstecken.

Komisch, bei einem Bleistift oder einem Füller dächte ich dies wahrscheinlich nicht. Aber ist in dem Bleistift die Idee nicht genauso enthalten, angelegt und möglich, wie in meinem Kopf oder meiner Zunge, indem ich all dies (zur Übermittlung) benutzte?

Aber in den Büchern findet man diese, nicht wahr? Damit fängt es ja schließlich an!“

15:12 Uhr

Neulich traf ich Michael. Er sah nicht kränklich aus, nur leicht gekränkt. Er schien nicht ganz er selbst zu sein.

15:52 Uhr

Eine Möglichkeit der Ordnung ist die chronologische Ordnung. Doch warum?

Ich habe mir vor einiger Zeit die Mühe gemacht, eine playlist zu erstellen:

1. David Hasselhoff:

Looking For Freedom (3:54).

Looking For Freedom, 1989.



2. Red Hot Chili Peppers:

Under The Bridge (Album Version) (4:24).

Blood Sugar Sex Magik, 1991.



3. Bon Jovi:

Bad Medicine (5:16).

New Jersey, 1998.



4. The Rolling Stones:

Wild Horses (5:42).

Sticky Fingers, 1971.



5. Iron Maiden:

Another Life (3:23).

Killers, 1998.



6. Bon Jovi:

I’ll Sleep When I’m Dead (4:43).

Keep the Faith, 1992.



7. The Rolling Stones:

All About You 4:17.

Emotional Rescue, 1980.



8. David Hasselhoff:

Crazy On A Saturday Night (3:41).

Single, 1984.



9. Einstürzende Neubauten:

Ich gehe jetzt (3:32).

Perpetuum Mobile, 2004.



10. Volkslied:

Lili Marlen (3:32).

Leip, 1915/Schultze, 1938.

16:12 Uhr

Ich erinnere mich, daß ich, als ich noch zur Schule ging, mich freiwillig für Erste-Hilfe-Kurse zur Verfügung stellte. Ich sollte natürlich so echt wie möglich, ›krank‹, ›verletzt‹ sein — ich hielt zum Beispiel einmal den Atem so lange wie möglich an oder blieb bewegungslos auf einer Bare liegen. Ich war seltsamerweise sehr gerne ›krank‹ und ich kann mich noch gut erinnern, daß andere es nicht verstanden, warum man dabei mitmachen sollte, ohne einen direkten Nutzen zu haben. Eine Pseudobehandlung im Liegen. Ein Lernen nicht ausgeschlossen.

16:25 Uhr

Wenn ich von Diskussionen über Zeit schreibe, benutzte ich: »Jemand sagte was von Zeit. Man selbst sagte was von gehen lassen«.

16:33 Uhr

Gestern Abend spielten wir Reise nach Jerusalem. Nicht alle konnten dorthin mit, denn als die Musik aufhörte, begann der spielerische Kampf ums Überleben, um den nächsten Platz, der mit jeder neuen Runde aber erneut auf dem Spiel stand. Dieser Mangel war dem Spiel ganz natürlich gegeben. Der Langsamste wird unter Geschrei und Protesten ausgesondert und schaut dann weiter zu. Die Tauben sind sowieso ungeeignet mitzuspielen – aber wir Stummen schon.

16:52 Uhr

Gestern habe ich am laufenden Band gearbeitet, habe die Geschenke der anderen sorgfältig verpackt, die Leerräume der Schachteln jedes Mal mit Papier aufgefüllt. Als alle gegangen waren, blieb ich länger und genoß die Zeit in Ruhe.

Als ich mich auf dem Nachhauseweg befand, war ich spät und wurde erwartet, hatte aber keine Möglichkeit, Bescheid zu geben. Sie wird sich bestimmt Sorgen machen, denn einmal war ich zu spät und sie hat sich keine Sorgen gemacht — im Gegenteil: Sie wollte mich dafür rügen. Dann sahen wir uns, an ganz anderer Stelle, zu gänzlich anderer Zeit wieder.

17:39 Uhr

Ich bekam neulich eine Aufgabe gestellt, welche den Ausgangspunkt – das scheinbar offizielle Ende meiner gegenwärtigen Situation – bearbeiten soll, welche sich mit der offiziellen und in naher Zukunft, zu erwartenden Situation des Abschlußes, der beglaubigten Beendung eines Teilabschnittes, beschäftigen soll.

Der erste Teil stammt nicht von mir, der zweite ist von mir, aber leider unvollständig im Vergleich zum Ersten. Ich sehe hier noch keinen Punkt, die Beschreibung ist noch nicht an ihrem Endpunkt angekommen. Schaue ich mir diese Formulierungen genauer an, fällt mir daran auf, daß der erste Teil, erstens nicht von mir selbst stammt und zweitens bereits regelkonform strukturiert und einwandfrei zu seinem Ende gebracht wurde. Lediglich der darauf folgende Teilabschnitt, war von mir eingebracht, hinzugefügt worden, ist aber weder auf den Punkt gebracht, noch ordnungsgemäß begonnen worden. Von dessen, in einer Leere mündendem Ende, blickt man nun wieder zurück zum Anfang; dieser definiert sich jedoch nicht nur aus sich selbst heraus, sondern wird durch das konkret angegebene, vorgenomme Ende des davorgehenden Ausdrucks definiert.

Und nun muß der Verdacht des Regelverstoßes wieder zurückgenommen werden, da eine bestimmte Art (ein Teiltypus, auf das Ganze der beiden Ausschnitte zusammen genommenen Regelsatzes), aus dieser Sicht nicht zur Anwendung kommen kann. Näme man sich die vorgelegte Struktur des Vorgängers zum Vorbild, ohne aber diese rigoros weitertreiben zu wollen, so fände man an jener Stelle, die gerade noch mangelhaft und lückenhaft erschien, plötzlich keinen Fehler mehr, sondern eine stille Auflösung, ein unausgesprochenes, zurückgenommenes Sich-Nicht-Mehr-Kümmern, Nicht-Mehr-Weiter-Beachten solcher formalen Regeln. Und mit dieser Erfahrung im Gepäck, schaut man sich nun wieder um – nun aber nicht mehr allein in Hinsicht auf ihre formale, syntaktische Korrektheit/Beschaffenheit, auf ihr grammatikalisches Korsett. Man kann solche sich entwickelnden Aspekte in die weitere und tiefere Betrachtung ihres Inhalts mit einfließen lassen.

Ich merke meine Wörter haben sich gesteigert. Hineingesteigert wohin?

Und vielleicht sollte hier eine kurze Pause machen und mich ausruhen. Doch ich denke, ein solcher mittiger Ausschlag ist vollkommen normal und kann – in abhängigen Variationen – überall beobachtet und verzeichnet werden. Vielleicht sollte ich all dies für einen kurzen Moment in den Hintergrund stellen und mich wieder an das erinnern, was mich selbst ausmacht. Auch wenn sich manches doppeln oder überlagern sollte oder mit verschiedenen Ausdrücken, doch immer das Gleiche gemeint wäre, sind die weiteren, sich vom Scheitelpunkt entfernenden Bezeichnungen, Ein-Tragungen – einfacherer gesagt: Angaben – noch nicht vorgenommen worden. Sie ließen sich auch an jedem beliebigen Punkt weiterführen, ergänzen. Das dahinterliegende Spielfeld ist nach allen Seiten hin offen. Eine Fortführung bedarf konkreter Aktionen – die abstrakte Formel und auch alle einzelnen Faktoren, sind ja theoretisch schon angegeben – nur befindet sich die Darstellung auf einer anderen Ebene.

Ich schlug so hart auf den Boden auf, daß ich in Gedanken davon immer noch kleine, bögige Sprünge nachziehen kann. Für diese Beschreibung fehlen mir wirklich die konkreten Wörter. Ich beobachte die Bewegung in meinem Kopf und kann daraus die Folgebewegung vorhersehen und bestimmte Punkte als wahrscheinlich angeben. Das Intervall der Berührungen, stetig zunehmend, der Abstand zwischen beiden nach vorhersehbaren Regeln, stetig kleiner werdend, bis er nicht mehr wahrnehmbar scheint, bleibt der Ball dann noch einige Zeit lang, sich eine geeignete Stelle für seinen Ruhestand suchend, den Stillstand nervös hinauszögernd, bewegt … bis jedes seiner elementarsten Teile solange schwingt, als die Welt nicht selbst zum Stillstand kommt und Reibungswärme noch vorhanden ist.

Immer träger werdend, die Kurven enger ziehend, bis zum Schluß der Ball regungslos auf diesem Boden liegt und nur noch, in sich – unsichtbar und endlos stumm –, schwingt.

18:40 Uhr

Gestern, an Danielas Geburtstag — noch bevor der Kuchen angeschnitten wurde — einigten wir uns darauf, ein Spiel zu spielen: Die Idee war, die Torte so zu verteilen, daß derjenige mit den überzeugendsten Argumenten im Verlauf einer Diskussion jeweils ein Stück davon bekommen sollte. Der Kuchen sollte zu Beginn uns allen gemeinsam gehören und dann je nach Überzeugungskraft der Argumente an Peter, Daniela und mich verteilt werden.

Peter und Daniela sprachen darüber, ob unser Bewußtsein wirklich im Gehirn erzeugt würde oder ob es vielleicht davon unabhängig sei, ob man jemandem sein Leben lang Medikamente geben könnte, um ihn moralischer zu machen oder ob dies unmöglich sei oder gar selbst unmoralisch — sie sprachen auch darüber, ob man Entscheidungen im Geiste trifft und dann später mit der Hand ausführt, oder ob diese Handlungen schon im Gehirn biologisch vor dem Zustand, den wir als Idee bezeichnen, veranlaßt werden und wir uns diese Handlungs- und Willensfreiheit vielleicht nur als nachträgliche Selbstrechtfertigung für unser Handeln einbilden etc.

Ich habe mich kurz gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, einen größeren Kuchen zu haben, damit unser Spiel nicht so schnell zu Ende sei und die Diskussion nicht so abhängig von der Größe des Kuchens – aber andererseits dachte ich, ich tue jedes Mal so, als wäre der Rest immer wieder ein ganz neuer und vollständiger, im Vergleich zum vorherigen, natürlich immer kleiner werdender Kuchen, der nach jeder Runde eben, als vollständig zu betrachten sei. Selbst das, was wir dann als letztes Stück noch verteilt hatten, hätte man doch noch in Portionen teilen können, oder etwa nicht?

Ich weiß gar nicht mehr, ob wir gleich am Anfang, den Kuchen in gleich große Segmente geteilt hatten oder immer nach den Diskussionen. Welchen Punkt wähle ich als Startposition?

Als wir am Abend alle auf unseren Stühlen saßen und ich mich in Peters und Danielas Diskussionen nicht einmischte, sagte Peter leicht verärgert: »Das, was Du als Streit zwischen uns allen bezeichnest, ist doch immer nur ein Streit zwischen Dir und uns!«

Ich glaube folgende Erinnerung an die Diskussion zu haben:

Ich war bisher jedes Mal dabei. Das Beste war 1989; danach war ich nicht mehr dabei. –Wie kannst Du das beurteilen, wenn Du danach gar nicht mehr dabei warst? –Das spielt dafür keine Rolle.

19:13 Uhr

Als ich heute diesen Baum von meinem Fenster aus betrachtete, war ich mir unsicher, ob es Spinnfäden waren oder Seidenfäden zwischen seinen Ästen. Doch wie sollte denn dort ein Seidenfaden hingelangen, also mußte es ein Spinnfaden sein. Er war zerrissen. Aber sind Spinnfäden nicht Seidenfäden? Wenn sie von Raupen (sogar Seidenraupen gibt es) anstatt von Spinnen kommen, sind es Seidenfäden, sonst Spinnfäden. Als ich nach Draußen blickte, war das Licht durch den halb-zugezogenen Vorhang hier Drinnen gedimmt.

Das eine ist eine Überkategorie des anderen – somit bleibt ein Vergleich niveaulos.

20:22 Uhr

Ich spreche nicht. Ich habe es noch nie getan, weil ich es nicht kann. Und dies scheint vielen unbemerkt zu bleiben und zudem schwer zu glauben. Denn alles was bleibt, sind geschriebene Sätze — so wie diese hier. Sie stehen zwischen mir und den anderen und erlauben keine Durchsicht. Ausgehend von ihnen, kann das Gesprochene nicht vorgestellt werden, vor sie gesetzt werden.

Mein Bruder allerdings kann sprechen und manchmal tut er dies auch für mich. In meiner Freizeit bilde ich Vasen aus Ton und stelle sie in die Vitrine. Ich glaube, ich werde sie so leer lassen, wie es die alten Leute mit ihren Krügen und antiken Töpfen auch tun — von einer alltäglichen Nutzung ausgeschlossen, sind sie nur etwas für die Augen der Anderen. Und diese Vorstellung in meinem Geiste zu tragen, behagte mir sehr.

20:37 Uhr

Ein großer Traum wäre Iron Maiden einmal live zu hören und nicht immer nur von CD.

Gestern kam ›Another Life‹ im Radio.

20:40 Uhr

Die reine Mathematik, also jene, die ohne Zahlen, die lediglich mit Variablen rechnet — z.B.: »für alle x gilt, wenn … etc.« — sie könnte vielleicht so sein, wie mein Eindruck damals während der Busfahrt, als ich die vermeintliche Bewegung wahrzunehmen meinte.

Neulich hörte ich wieder ›Wild Horses‹ von Bob Dylan im Radio.

21:02 Uhr

Wenn ich in der Bahn oder im Bus sitze und aus dem Fenster schaue, so versuche ich natürlich auch zu beobachten, was da draußen passiert und ob es neue Dinge zu entdecken gibt. Aber die Routine dieses tagtäglichen Fahrens, auf ein und derselben Strecke, läßt mich den Fokus von den Dingen, die an mir vorbeigleiten, wegnehmen und stattdessen nur noch verschwommen, die Bewegung meiner Fahrt wahrnehmen. Dabei ist es mir egal, wo meine Fahrt entlang führt, die Bewegung kann ich jedes Mal wahrnehmen. Also sollte es mir auch egal sein, auf was ich mein Denken im Einzelnen richte? Sollte es genügen, unabhängig von den Dingen zu werden und nur noch die Bewegung dahinter oder darüber wahrzunehmen? Wenn der Inhalt meines Denkens, nicht aus Straßen, Baustellen, Menschen, Läden, Plakaten etc. besteht, sondern aus dem verschwommenen Bild der Farben und Flecken, so ist mir das Ziel meiner Fahrt gleichgültig.

Einmal fuhr ich eine mir noch unbekannte Strecke mit dem Ziel, einfach zu fahren. Natürlich gab es immer wieder Momente, in denen sich einzelne Dinge in den Vordergrund gedrängt hatten und meine Aufmerksamkeit völlig in Beschlag nahmen, aber ich versuchte dennoch, immer wieder nur diese Dinge in ihrer Bewegung zu betrachten.

Es war schon dunkel als wir an der Endhaltestelle ankamen und ich durfte nicht sitzen bleiben, da unser Bus in die Lagerhalle kam — ich stieg dann umgehend in einen anderen, bereits wartenden Bus und fuhr die Strecke wieder zurück zu meiner Wohnung.

21:37 Uhr

Letztens, als ich am Kulkwitzer See war und mich zum Ausruhen mit dem Rücken an einen Baum gelehnt hatte, schlief ich fast ein, während ich den Wellen auf dem Wasser zusah. Mir schien, sie wollten die Küste definieren mir ihrem ständigen Gewäsch.

Als plötzlich etwas auf meinen Kopf schlug und ich davon aufwachte, sah ich neben mir einen Apfel liegen. Zuerst dachte ich, es sei ein Stein gewesen, der mich aus meinen Gedanken riß, aber das war es scheinbar nicht. Der Apfel war schon ziemlich verfault und ich wunderte mich, daß ich ihn nicht schon vorher gesehen hatte. Schade, daß es nicht ein noch eßbarer Apfel war, denn so in seiner jämmerlichen und abstoßenden Gestalt, mit seiner verschrumpelten Schale und der braunen Farbe, fühlte ich mich ganz und gar nicht von ihm angezogen. Hätte ich vielleicht nur zwei, drei Tage früher hier gesessen, hätte ich damit mehr anfangen können.

Ich beschloß, mir ein Zitroneneis zu kaufen und setzte mich an einen anderen Platz, von wo ich einen älteren Mann beobachten konnte, der nun genau an meinem vorherigen Platz saß und mit geschlossenen Augen mit dem Rücken am Baum anlehnte und mir kam die Situation mit Daniela von Vorgestern wieder in den Sinn, als wir uns wieder einmal gestritten hatten.

21:50 Uhr

Ich stelle mir ein Spiel vor, bei dem einer dem anderen Fragen stellt und sich dabei mit diesem unterhält, wobei der andere weder »ja« noch »nein« sagen darf. Nach der ersten Frage entgegnet der andere gleich mit »nein«. Er wird gefragt, ob sie das Spiel nochmal anfangen sollten, wobei der eine mit »ja« zustimmt. Die nächste Frage wird ebenso gleich mit »nein« beantwortet, was dazu führt, daß der eine Mitspieler, dem anderen nochmal die Regeln erklärt und fragt, ob dieser diese verstanden habe – die Antwort darauf, wie auf alle darauffolgenden Fragen, bleibt »nein« bis das Spiel erneut gestartet wird und der andere sofort auf die erste Frage, mit »nein« antwortet.

22:22 Uhr

Ja, ich gebe zu, nicht abstreiten zu wollen, ich entzöge mich den unterschiedlichsten Dingen. Im Nachhinein scheint mir dies ein Umweg zu sein — eine Umwanderung, entlang der als gegeben erscheinenden Grundsituation. Dieser ausweichend, ziehe ich Schleifen drumherum und kehre doch wieder mit hängenden Armen zurück.

Zwei Möglichkeiten parat zu haben, gleicht dem Bild zweier Wege, wovon einer der Fluchtweg ist.

22:30 Uhr

Vorige Woche wurden bei uns im Haus Bohr– und Stemmarbeiten durchgeführt. Fenster der Wohnung über mir, wurden ausgetauscht. Ein Gerüst stand an jedem meiner Fenster und Bauarbeiter schauten in meine Wohnung. Immer wenn ich nicht da war, zeichnete ich die Geräusche mit einem geliehenen Aufnahmegerät auf und hörte diese später nach.

22:49 Uhr

Ich habe gemerkt, daß ich oft über Dinge urteile, als wären sie eine Art Fremdkörper. All diese Gedanken über Verschachtelungen, Spiegelungen, diese Formulierungen im Modus des ›als-ob‹, die vielen Konjunktive … und dann, plötzlich, merke ich, daß dies auch Aussagen über mich selbst sind. Über mich als Täuschung, als Fremdkörper, als Dorn im Fleisch.

23:31 Uhr

Ich beschloß eine bestimmte Menge von Büchern und Sachen zu bevorraten, mich dafür zu entscheiden und damit auch zu begrenzen – das Feld des Spiels abzugrenzen – und diese Batterie, diesen Hort (wie auf einem Boot), auf die Reise mitzunehmen. Alles andere geht mich nichts an. Ich befürchte eine Veränderung und beschränke mich auf selbstgewählte Parameter, da später ohnehin alles zusammenbrechen wird. Dies meine Befürchtung.

Meine Teile geben mir meine Richtung vor, ich gehe ein Stück weiter. Ein halber Mensch kann weitergehen in alle Richtungen.

Geh weiter! Und komm mich mal besuchen, ich hab’ unendlich Zeit. Oder schreib mir mal. Wann treffen wir drei wieder zusamm‘?

Ich packe meine Sachen und beschließe, von nun an in einer Herberge zu wohnen. Ich stecke mir die Hosen in die Socken, lege mir einen recht dicken Wollschal und einen festen Mantel um, setzte mein Käppi auf, packe mein Hab und Gut in eine Tasche aus braunem Leder. Zuerst gehe ich zu meinen Eltern. Unterwegs treffe ich ein paar Besorgungen. Ich bin sowas wie weg, nur anders. Dies ist Fiktion, von Fakten getragen.

Zeit meines Lebens habe ich auf etwas gewartet, etwas, von dem ich mir erhoffte, es würde wahr werden. Nichts befriedigt, nichts bleibt. Ich komme näher, nähere mich mit tauben Fingern dem Knoten, den ich in meinem Taschentuch weiß. Die ganze Nacht lang träumte ich vom Tag — und wenn er anbricht, wird er fortgetragen. Der Traum suggeriert mir, ich fühlte am meisten, er würde wahr werden, sähe ich Dich. In den Keller zu gehen kann mehr als einen Grund haben. Einmal hoffte ich, dort jemand lang verschollenen wiederzufinden. Aber eins nach dem anderen.

Gegen Mitternacht

Ich habe in meinem Leben Zeiten gehabt, in denen ich mit Träumen einschlief. Dies alles passierte an einem Tag in meinem Leben — ich saß drinnen in meiner Wohnung.

Ich ging zurück zur alten Stelle, bis ich wieder alles wußte. Alles einzeln tanzend sehend. Tagelang weiß. Ich fand es wieder, es gibt mich unverändert wieder — ich gebe mich unverändert wieder … tagelang. Wenn dies hier alles fertig ist, kann ich mir endlich die Welt anschauen. Ich gehe jetzt. Heimlich.

Ich ließ vieles hinter mich, der Spiegel sah dabei mein Gesicht. Es war meine 10631-te Nacht.

Endlich sauber. Endlich leer? Neulich hörte ich wieder ›I’ll Sleep When I’m Dead‹ von Bon Jovi im Radio.

Sonntag, den 8. Oktober 1989

15:39 Uhr

Habe ich heute schon meine Schüssel ausgewaschen?

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