Mythos der Substanz


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Vorbemerkung: Substanzontologie und Substanzparadigma

Erschienen

Bearbeitet

Eine ontologische Analyse des Substanzbegriffes bei Johanna Seibt, Vortrag an der Universität Leipzig im Juli 2006 

Vorbemerkung: Substanzontologie und Substanzparadigma

Johanna Seibt beginnt ihren Essay “Der Mythos der Substanz“ mit der These die Ontologie hätte im 20. Jahrhundert mittels Anwendung mathematischer und formal-logischer Darstellungsmittel einen paradigmatischen Umschwung erlebt. Die Vorzüge seien laut ihr die einfachere Erfassung und Formulierung und die neuen Möglichkeiten einer Theoriebildung modaler Begriffe und kausaler oder temporaler Abhängigkeiten. Im gleichen Atemzug wirft sie aber auch die Frage auf, inwiefern diese „unbezweifelbaren methodologischen Fortschritte“ ein Abkapseln der zeitgenössischen analytischen Ontologie von den Traditionen des ontologischen Denkens erlaubt. Obwohl ein formaler Rahmen geschaffen wurde sei laut ihr die traditionelle Theorielandschaft nicht damit erweitert worden, da bestimmte Vorannahmen und Standartinterpretationen bereits als Wegweiser und Basis vorhanden sind und die Gegenwartsontologie somit dem “Substanzparadigma“ verhaftet bliebe. Ihr erklärtes Ziel sei es vorzustellen „dass die Gegenwartsontologie dem Forschungsparadigma der substanzontologischen Tradition noch immer weitgehend verpflichtet“ sei, sogar in den Bereichen wo sie den Substanzbegriff bereits überwunden geglaubt weiß. Diese Art von Selbsttäuschung bestimmter ontologischer Fraktionen liege auch in der schieren Menge an tiefliegenden Annahmen „die ein bestimmtes Vorverständnis ontologischer Probleme erzeugen und den Spielraum zulässiger Lösungen beschränken“. Von der Beobachtung einiger spezieller Seinserklärungsstrategien (die solche Präsuppositionen weitgehend hinter sich gelassen zu haben scheinen) schließt sie auf die Möglichkeit jenseits des “Mythos der Substanz“ zu guten Ergebnissen gelangen zu können. Mit der Betonung, selbst eine höchst konstruktive Absicht in dem Unterfangen den behandelten Mythos mit einem alternativen Mythos bekämpfen zu wollen, geht sie darin über die Wirkungsweise des Mythos der Substanz und seiner Prinzipien vorzuführen mit dem bescheidenen Ziel Grundlagen für eine neue Ontologie legen zu können.
Beginnend mit dem Vorwurf, die analytische Ontologie wäre aufgrund der Redevon„substancesintheoldsense“ und„thetraditionalnotionofsubstance“ einer letztendlich vereinfachenden Gleichsetzung von Substanz und Substrat aufgesessen, manifestiert sie ihren Punkt, es gäbe bei der Breite der historischen Substanzontologien zwischen ihnen im Kern keinen gemeinsamen Punkt und keinen geschichtlichen Prototypen als solchen, wenngleich sich doch mittels Aristoteles‘ multifunktionalem Begriff der ousia eine Brücke zwischen diesen schlagen ließe. Dieser (ousia) ließe sich nach Seibt wie folgt einteilen:
(1.) die primäre Art zu sein
(2.) sortale Identität, d.h. das was etwas ist
(3.) modale Identität, d.h. das was etwas durch sich selbst essentiell ist
(4.) Persistenz
(5.) den Ort der Veränderung,
(6.) Individualität
(7.) Partikularität
(8.) Einzigartigkeit
(9.) den „Ort“ der Prädikation, d.h. die Eigenschaft des logischen Subjekts
(10.) Unabhängigkeit
(11.) Diskretheit
(12.) Einfachheit und schließlich
(13.) Einheit.
Um eine Sache erklären zu wollen könne man sich aber unmöglich nur einer Facette der ousia bedienen, weshalb historische Substanzbegriffe laut Seibt jeweils auf ausgewählte Untermengen des aristotelischen Begriffs Augenmerk legen. Anhand der Erklärungsaufgaben und Strategien innerhalb der Geschichte der Substanzontologie, könne man von einem weiten und einem engen Sinn dieser substanzbezogenen Ontologie sprechen. Die enge Sichtweise hielte eine Kategorie der “Substanz“ bereit und spreche ihr bestimmte traditionelle Erklärungsmuster zu Substanzontologie im weiten Sinne sei „jede Ontologie, die -unabhängig von den Etikettierungen der Basiskategorien zumindest einige der traditionellen Vorannahmen zur Verknüpfung bestimmter Erklärungsaufgaben akzeptiert.“ Die Geschichte der Ontologie hätte laut Seibt beinahe ausschließlich Strategien hervorgebracht, die bestimmte Vorannahmen innerhalb Demonstrationsaufgaben graduell und unkritisch übernimmt. Auch aufgrund der permanenten Vernachlässigung dynamischer oder sozialer Themata liegt es für Seibt nahe “Substanzontologie im weiten Sinne“ als “Substanzparadigma“ zu identifizieren anschließend fragt sie nach dem Problem des Ineinandergreifens der traditionellen Basis in die zeitgenössische Ontologie und nach den tatsächlichen Notwendigkeiten solcher Substanzannhamen (sind diese natürliche Denknotwendigkeiten oder lediglich historisch und geographisch zufällig erschienene?), nach der Zulässigkeit diese Konstellationen und der Berechtigung diese einen Mythos nennen zu dürfen. Leider beschränkt sich Seibt nur auf den ersten Teilaspekt der Frage, nämlich dem aktuellen Amalgam von Substanzannahmen in der zeitgenössischen Ontologie.
Das “Individuationsproblem“: die numerische Identität von Dingen?
Zu Beginn dieses Unterkapitels versucht Seibt die gegenwärtige Konzeption numerischer Identität darzustellen: Hätten zwei Dinge die gleichen Merkmale, müßten sie auch identisch miteinander sein. Wie kann man zwei Dinge finden, die die gleichen suchnesses haben aber verschiedene thisnesses. Können Dinge verschieden voneinander sein, ohne verschiedene Eigenschaften zu haben? Kann Verschiedenheit nur anhand verschiedener Eigenschaften festgemacht werden? Schon zu diesem Zeitpunkt merkt Seibt an, daß die paraphrasierten Modelle nur auf Dinge und Objekte beschränkt seien und zudem eine “thisness of this“ also eine “Diesheit“ des “Dieses“ ohne jegliche Kritik oder Reflexion unterstellen würden und stellt ein eigenes Interpretationsmodell der “Diesheit“ des “Dieses“ an:
(1.) Frage nach der numerischen Identität oder Singularität: Unter welchen Bedingungen sind die Referenten von zwei Namen numerisch Eines, d.h., unter welchen Bedingungen beziehen wir uns mit zwei Namen auf ein Objekt?
(2). Frage der Individualität oder Selbigkeit: Wodurch unterscheiden sich Objekte? (3.) Frage der Partikularität: Wodurch unterscheidet sich das Denotat von “dies“ vom Denotat von “so“, d.h., von einer sogenannten universalen Entität?
(4.) Frage der strukturellen Einheit: Unter welchen Bedingungen ist eine Entität zählbar?
(5.) Frage des logischen Subjektes: Wovon wird das Prädikat eines atomaren Satzes ausgesagt?
Anhand dieser Tabelle meint sie die anhaltende Überlagerung in Bezug zur numerischen Identität aufzeigen zu können und nimmt anschließend Quine als Paradebeispiel heraus um die Gleichsetzung von Identität mit der Relation der Selbigkeit zu verdeutlichen. Laut den von Seibt zitierten Quine-Passagen könne man bei ihm eine Vermengung aller aufgemachten Frageperspektiven sehen: Nicht nur stelle er Identität mit Selbigkeit gleich, sie erschöpfe sich funktional in der Anzeige der Koreferenz von rein sprachlichen Ausdrücken und damit bei ihm stets auf partikulare und abzählbare Entitäten und außerdem werde von Identität gesagt sie sei als die Relation der numerischen Einheit zu betrachten. In der Vermengung aller von ihr aufgemachten Punkte der Tabelle oben und das Fehlen einer Rechtfertigung dafür sieht Seibt einen begründeten Verdacht für das Vorliegen unbegründeter Vorannahmen. Nochmals verweist sie auch mithilfe von Zitaten auf die Fokussierung der Problematik auf rein objekt-ontologische Interpretationen und deutet dies als Dogma. Die Frage „ob ausschließlich zählbare und partikulare Entitäten logische Subjekte sein können“ und weitere wichtige Fragen könnten laut Seibt nicht mehr vernünftig gestellt werden bzw. wären schon dogmatisch vorentschieden. Eine problematische Gleichsetzung sieht sie in folgenden zwei Punkten, die auch Erweiterung ihrer Tabelle sind:
(6). x ist dasselbe wie y
(7.) y ist ein F und y ist ein F und x und y sind numerisch Eines.
Anhand Punkt sieben macht sie die untergeschobene Vorportionierung im Denken mancher Theorien aus, da die unterstellten sortalen Entitäten in Punkt sechs nicht nötig seien. Stoffterme, wie Wasser, Wein etc. ebenso wie Stile, Fertigkeiten, Talente seien nicht sortal. Somit seien abzählbare Einheiten nicht die Voraussetzung für die Möglichkeit eines Vergleichs zwischen Selbigkeit und Verschiedenheit. Diese Art der Schematisierung beruhe größtenteils auf der „aristotelischen Grundintuition“ in der ontologischen Untersuchung von dem Sein (belebter) Dinge auszugehen. Um der gezeigten ontologischen Überlagerung (die sie anhand ihrer Tabelle aufgemacht hatte) ein stärkeres Fundament zu geben, erweitert Seibt ihre These von dem „Mythos der Substanz“ um folgende “Charakteristische Präsupposition des Substanzparadigmas“ (CPS), die sie scheinbar in Zusammenhang mit der erwähnten aristotelischen Tradition sieht:
(CPS-1) Prinzip der Unabhängigkeit: Alle und nur Individuen sind unabhängig. (CPS-2) Prinzip der Partikularität: Alle und nur Individuen sind konkrete Partikularien.
(CPS-3) Prinzip der Singularität: Alle und nur Individuen sind einzelne Entitäten kein Individuum ist eine Pluralität.
(CPS-4) Prinzip des logischen Subjekts: Alle und nur Individuen sind logische Subjekte.
mit folgendem Zusatz:
(CPS-5) Prinzip der Kategorienbeschränkung: Ontologische Strukturen bestehen aus (einfachen oder komplexen) partikularen Entitäten und/oder (einfachen und komplexen) universalen (d.h. nicht-partikularen) Entitäten.
Laut Seibt bedienen sich zwei zeitgenössische Strömungen der Definition aus Punkt fünf wobei sich diese bequem in Vertreter des “Substratmodells“ und auf “Bündelmodelltheoretiker“. Die ersteren behaupten es fände bei der Rede über ein Ding eine Bezugnahme auf ontologische Strukturen statt „die einerseits die ontologischen Korrelate unserer Rede über Eigenschaften und Relationen des Dinges enthält […] und andererseits einen ontologischen Faktor […], der die Individualität, Partikularität, Singularität und Zählbarkeit des Objekts erklärt“ die letzteren beschränken diese ontologischen Strukturen, „die lediglich ontologische Korrelate der Dingeigenschaften und -relationen enthält“ und diese auf eine bestimmte Art und Weise Zusammenfassen. Seibt hält das Substratmodell aufgrund seines Grundansatzes für das intuitivste: Dies rührt daher, daß es einen sogenannten Wahrmacher gebe, auf den sich unterschiedliche Aussagen über die numerische Identität eines Dinges bezögen und der notwendigerweise nicht mehrfach vorkäme. Jedoch zeigen sich schon bei dem Versuch einer näheren Beschreibung dieser Wahrmacher ernste Probleme; Das Substrat eines Dinges, der die numerische Indentität garantierende Konstituent müsse einerseits partikular sein (also nicht mehrfach vorkommend) aber auch andererseits logisches Subjekt der dem Ding zugeschriebenen Eigenschaften (laut CPS-2 und CPS-4). Folgerichtig geht Seibt dazu über die Konstituenten selbst auf Unabhängigkeit hin zu untersuchen, wobei sie feststellt, daß diese “nackten Substrate“ selbst keine Beschaffenheiten haben und frei jeglicher Attribute existieren müßten. Hat man soweit jedoch diese Überlegung mitgedacht, läßt es sich auch nicht von der Hand weisen, daß solche als “nackt“ betitelten Substrate ja gerade aufgrund ihrer Losgelöstheit keinerlei Attribute exemplifizieren und auch keine Subjektfunktion erfüllen könnten. Ließe man an Substraten selbst einige Attribute zu so verfinge man sich unweigerlich in einem nichtssagenden Regreß. An diesem Punkt widmet sich Seibt einem alternativen Erklärungsmuster zu das die Idee “nackter Substrate“ nicht aufgibt sondern nur die Subjektfunktion von Substraten in einem anderen Licht sehen möchte. Jedoch führen bei Seibt solche Überlegungen de facto wieder nur zu Tautologien der Form, daß auf die Frage was ein Ding individuiert, nur unbefriedigend(?) geantwortet werden könne, eben das was es individuiert. Entgegen der als klassisch gewerteten Individualitätstherorien empfiehlt Seibt als Alternative das sogenannte Bündelmodell, das sie auf dem Leipnizschen “Prinzip der Identität der Ununterscheidbaren“ (PIU) fußen läßt. Das PIU-Prinzip besage kurz gefaßt: Die Selbigkeit von Dingen liege in der Selbigkeit ihrer Eigenschaften. In gewohnter stilistischer Art unterscheidet Seibt dieses System in zwei Unterkategorien; PIU-1 besage daß der Unterschied “solo numero“ kein taugliches Konzept zur Unterscheidbarmachung sei und daß „der Begriff der Selbigkeit fundamental qualitativ“ sei. Mit PIU-2 möchte sie darauf hinweisen, daß zwei Dinge eben auch mindestens eine Eigenschaft haben müssen die sie voneinander unterscheidet, die sie nicht (einfach nur) teilen. Anläßlich der Eigenschaft von PIU-2 das laut Seibt unterschiedslose Pluralitäten ausschließt (entgegengesetzt zu PIU-1) erweist sie diesem Prinzip höherer Streitbarkeit und versteht es auch als das eigentliche Prinzip das diskursiv als (generelles) PIU tituliert wird. Die verallgemeinernde Annahme, Individualität sei auch gleichzeitig (abzählbare) Singularität sei laut Seibt ein mehr als deutliches Indiz für vorfindbare substanzontologische Vorannahmen die zu PIU-2 führten. Als gemeinsames Ziel einer “Bündeltheorie des Objekts“ stehe der Beweis von PIU-2, den sie wie folgt ausformuliert (Beweis von PIU-2): „Zeige, daß die Pluralität von Dingen notwendigerweise einen Unterschied in ihren Beschaffenheiten impliziert.“ Desweiteren fordert sie, daß die Konstituenten die ein Ding innerhalb der Bündeltheorie erklären ebenfalls die intuitiven Merkmale der “Dinghaftigkeit“ erfassen (Auszeichnung von Dingbündeln): „Definiere eine Relation, in der die ontologischen Korrelate der Beschaffenheiten eines Dinges zu stehen haben und zeige dass diese “Bündelrelation“ die innere Einheit und äußere Unabhängigkeit eines Dinges gewährleistet.“ Anschließend fügt sie noch eine weitere Forderung hinzu, die nach der “Akzidentielle[n] Prädikation“ fragt: „Definiere die Bündelrelation so, daß ein Ding mindestens einige seiner Beschaffenheiten kontingenterweise hat.“ Zusammengefaßt würden sich laut Seibt drei Forderungen herauskristallisieren, die als Hauptaufgaben von Gegnern und Befürwortern einer Bündeltheorie geklärt werden müßten: Erstens die Gleichsetzung von Individualität und Singularität zu klären, zweitens müßten die Attribute eines Dinges auch tatsächlich “Dingcharakter“ haben, sich nicht wiedersprechen und das Ding in eine äußere Ding-Unabhängigkeit stellen und drittens deutet Seibt an, daß zumindest ein Merkmal eines Dinges dem Zufall zugesprochen werden können soll. An diesem Punkt angekommen verweist Seibt erneut auf die Ding-Fokussierung solcher Theorien die vorher bereits angedeutet Facetten von Individualität ausblendet und innerhalb der Schemata CPS-1bis CPS-4 agiert. CPS-5 sei ohnehin problematisch da es eine Entweder-Oder-Option zur “Füllung“ des Bündels vorschlägt daher sieht Seibt beide Optionen, weder universale Attribute noch partikulare Tropen, radikal im Konflikt mit den oben aufgestellten drei Hauptaufgaben der Bündeltheorie.
Das “Persistenzproblem“: Verhältnis der zeitlichen Zustände von Dingen?
In der von Seibt systematisch immer wieder vorgenommenen selbstoktroyierten „Beschränkung des theoretischen Spielraums“ geht sie schließlich auf die für uns in diesem Zusammenhang wichtige Frage ein, wie ein Objekt durch die Zeit hindurch beständig sein kann. Laut Seibt gleitet die Rede von dem zunächst neutralen Terminus “Objekt“ in Zusammenhang mit Persistenz und Zeit immer wieder in die Kategorie der Substanz ab, wie sie anhand verschiedener Zitate zu belegen versucht. Ihr zufolge erschwerten solche substanzontologischen Prämissen die Auseinandersetzung mit einer Persistenztheorie nur unnötig. Drei Erklärungsaufgaben stellt sie der Persistenzontologie: Erstens müsse sie die Entitäten auszeichnen die sich verändern, zweitens müsse sie die ontologische Struktur des “Verändernden“ (dessen was sich verändert) bestimmen und drittens müsse sie die Struktur der Veränderung selbst erklären. Da Dinge als auch Farben, Töne, Empfindungen durch Zeit und Veränderung hindurch bestünden und zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedliche Eigenschaften zugesprochen bekommen könnten, erschwere dies den Skopus der zeitgenössischen Persistenzdebatte. Diese beschränke den ersten Punkt, behandele den zweiten, dränge aber den dritten einfach unbehandelt an den Rand (Bezug auf das Zitat von Haslanger, S. 214). Seibt zieht an dieser Stelle erneut eine Parallele zu der Debatte um die numerische Indentität und prangert regelmäßig die „BereichsbeschränkungaufdieKategoriederDings[sic?]“ an. Eine Erweiterung ihres CPS-Systems um zwei weitere Punkte findet Seibt anschließend in der Behauptung, die populäre ontologische Meinung ließe sich auf Aristoteles‘ “ontologische Entscheidung“ zurückführen die die Veränderung eines Dings in der Differenz des Ausgangsund Endzustandes messen würde.
(CPS-6) Zustandsmodell der Veränderung: Veränderung ist “Wechsel“ von Eigenschaften)
(CPS-7) Prinzip der Konstanz des Subjektes: (Der “Ort“ der Veränderung ist das logische Subjekt)
Ausgehend von diesen Erweiterungen und den schon vorher intendierten Bezügen zur Individuationsdebatte schließt Seibt darauf, daß Peristenz „einerseits als numerische Identität in transtemporalen Vergleichen verstanden“ wird aber andererseits mithilfe der Relativitätstheorie Dinge als nicht nur räumliche sondern auch zeitliche Punktereignisse aufgefaßt werden könnten. Mark Johnstons Unterteilung in “endurance“ und “perdurance“ folgend (siehe auch die weitere Unterteilung in “continuants“ und “occurents“ auf S. 216) geht Seibt darin über die fundamentale Inkohärenz des Endurancemodells (und nachfolgend des Perdurancemodells) aufzuzeigen.
Die Inkohärenz des Endurance-Modells
Durch die Kombination des Leibnizischen PUI (Prinzip der Ununterscheidbarkeit der Identischen) und der Grundthese des Endurance-Modells (also wenn ein Ding zu allen existierenden Zeiten 100% präsent sei) ergäbe sich ein Puzzle das Seibt anhand ihrer CPS-Modelle zu erläutern versucht. Damit das gelingt rollt sie die letzten Punkte ihres CPS-Modells auf (CPS-6 und CPS-7) und erweitert es erneut um einen Punkt:
(CPS-8) Prinzip der Konstanz der Identität: Die numerische Identität einer Entität verändert sich nicht über die Zeit hin; “ist identisch mit“ ist kein zeit-indizierendes Prädikat.
Anschließend fügt sie noch eine verkürzte Form des PUI an:
PUI: Wenn der Referent von “x“ mit dem Referenten von “y“ identisch ist, dann treffen auf den Referenten von “x“ genau die Eigenschaften zu, die auf den Referenten von “y“ zutreffen.
Nun ist ein Ausspielen von CPS-6, demzufolge ein Ding zu zwei Zeitpunkten unterschiedliche Eigenschaften (womöglich sogar sich widersprechende) hätte, mit dem von ihr formulierten PUI leicht möglich, da es ja genau die selben Eigenschaften haben müßte um identisch zu sein. Um jedoch das Endurance-Modell doch noch würdig retten zu können schlägt Seibt vier Möglichkeiten vor diesen Wiederspruch zu entschärfen bevor sie sich das Perdurance-Modell vorknöpft (Ausführungen auf S. 217 ff):
CPS-7 aufgeben
Die Identität findet nur zu einem bestimmten Zeitpunkt statt.
Vergleich nur “essentieller“ Eigenschaften eines Dinges.
Modifikation mittels Zusatzbestimmungen.
Zum letzten Punkt liefert Seibt eine sechsstellige Tabelle mit Konkretisierungen des temporalen Index, also wann zu einem Zeitpunkt t F gilt und wie man das aus einer sechsteiligen Perspektive betrachten könnte. Jedoch gibt sich Seibt nur mit der ersten Perspektive ab, da sie paradigmatisch für die Probleme aller anderen stehe. Aus dieser Perspektive könne man behaupten alle Dinge könnten “stets alle (früheren, gegenwärtigen und zukünftigen) Eigenschaften exemplifizieren“ und seien somit „wholly present at every moment of their existence“. Um ein System mit mindestens zwei vergleichbaren (Zeit-)Zuständen zu erhalten (damit eine Vergleichbarkeit von t1 zu t2 möglich ist) nimmt man den zukünftigen Zustand ja bereits vorweg und unterstellt seine Existenz zu einem bestimmten zukünftigen Indexpunkt. Allerdings ergeben sich weitere Paradoxien in dieser Hinsicht wenn z.B. ein Ding sich durch die Zeit hin verändert aber in einem Vergleichszustand t2wieder die Eigenschaften vont1 annimmt gäbe es in diesem Fall eine Veränderung gemäß der Vorgehensweise die Differenz der Eigenschaften eines Dinges zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten zu bestimmen? Das Dilemma laut Seibt bestünde darin, daß entweder Persistenz nicht als Identität aufgefaßt werden könne oder eine alternative Analyse das Phänomen erst gar nicht mehr faßbar machen könne.
Schwierigkeiten des Perdurance-Modells
Das Perdurance-Modell bereitet Seibt deshalb Schwierigkeiten, weil es vorschlägt sich verändernde Entitäten zu verschiedenen Zeitpunkten dennoch als eine Subjekteinheit aufzufassen; Es ginge um die Komposition, die Zusammensetzung eines Dinges als „eine Vielheit von “dingartigen“ Teilen, d.h. von Stücken. Ein peristentes Ding ist ein ein Komplex zeitlicher Bestandteile (Phasen, Stadien) so wie ein Tisch oder Haus ein Komplex räumlicher Bestandteile ist“ In diesem Sinne behindern sich die einzelnen Stadien nicht, sondern überlagern sich, reihen sich aneinander an etc. Ein Ding sei lapidar gesagt die maximale Zusammensetzung von Schichten, Reihen und so weiter. Um diesem Punkt gerecht zu werden fügt Seibt einen neunten Punkt zu ihrem CPS-System hinzu:
(CPS-9) Prinzip der Bestimmtheit (S. 221)
Das zu beschreibende Individuum könne nicht vollständig erfaßt werden, solange der Beschreibende nie alle Aspekte voll beschreiben kann. Es steht nicht in den praktischen Möglichkeiten eines Beschreibers eine lückenlose und präzise Totalität von Merkmalen einer Entität aufzugeben. Das konkrete Problem liege darin, daß „Perdurance-Theoretiker […] an der Prämisse (CPS-7) fest[halten], derzufolge das logische Subjekt von Veränderungsbeschreibungen auch der Ort der Veränderung ist, d.h. die Entität, die durch die Veränderung hindurch persistiert.“ Nochmal anders: Name man einen bestimmten Zeitpunkt aus der Existenz eines Dinges heraus, wie kann man dann von einem “Zusammensetzung der maximalen Menge“ sprechen und andererseits wie kann man annehmen, daß zeitliche Teile (also der “extrahierte Punkt“ den man zur Bestimmung bräuchte) selbst eine zeitliche Erstreckung haben und wozu führt eine solche Annahme? Das Ding selbst kann laut Seibt nicht selbst hergenommen werden um seine Existenz zu beschreiben; Die primäre Frage richtet sich nach dem ganzen Seins-Komplex des Dinges und aller seiner Einzelteile in einem holotropen Gesamten. Wenn man ganz genau auf Seibt hört, müßten folgende Bedingungen für eine solche Sichtweise erfüllt werden:
Der Speziesbegriff des Dinges müsse an allen Zeitpunkten dem Ding zugeschrieben werden können. Einwand: Dies sei möglicherweise unerfüllbar.
Alle Teile des Dings müßten raum-zeitlich kontinuierlich angeordnet sein. Einwand: Nicht allgemein notwendig z.B. Dinge die zum transport temporär zerteilt werden.
Und sie müßten kausal verbunden sein. Einwand: Sei nur unter Zugrundelegung des Humeschen Regularitätsverständnisses der Kausalrelation sinnvoll.
Jenseits des Mythos der Substanz
Wie Seibt schon zu Beginn ihres Essays deutlich machte, verfolgte sie das Ziel auf die substanzontologische Tradition aufmerksam zu machen und die Übernahmen solcher Dogmen oder Mythen in die Denkweisen der zeitgenössischen Ontologie zu zeigen. Hinter oder besser gesagt vor dieser unreflektierten Übernahme lägen ganz neue Pfade der substanzontologischen Theoriebildung, z.B. die von Seibt propagierte “Theorie der generellen Prozesse“ die als ein Selbstaktualisieren der Dinge in ihrer Existenz aufgefaßt werden könne. Es fände ein stetes Verändern statt das als subjektlos betrachtet werden könne. „So wie es schneit, dämmert, schmerzt, geht auch das “Mensch-Sein“ oder “Max-Sein“ trägerlos vor sich“. Seibt ist sich bewußt solche Aktivitäten nicht vollkommen beschreiben zu können (contra CPS9), und sie nicht spezifizieren zu müssen und sie möglicherweise als periodisch wiederkehrend (und auch als gleich/ununterscheidbar) zu sehen (contra CPS-1 bis CPS3). Mit dem Verweis auf die traditionellen Einschränkung der Substanzontologie auf Dinge und ihrem eigenen gegenläufigen Programm (diese Einschränkung als Mythos zu begreifen und aufzulösen) stellt sich Seibt als Teil einer entmystifizierten TheorethikerInnenfront dar die sich auf einen rein pragmatischen Pluralismus beziehe.

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